Kleine Erwachsene: Kinder verstehen Dinge, auf die Erwachsene nicht eingehen

· 9. Juni 2017

Sie sind zwar noch Kinder, aber sie wachsen heran und werden viel schneller reif, als wir erwarten. Obwohl ihre Körper noch klein sind und sich entwickeln, stecken darin kleine Erwachsene, die viel mehr wissen, als wir denken. Kinder leiden und machen dieselben Erfahrungen wie Erwachsene. Sie werden darauf getrimmt, die Verantwortung für Dinge zu übernehmen, die in ihrem Alter noch nicht auf der Tagesordnung stehen sollten.

Vielen Eltern übersehen, welche Probleme ihre Kinder vielleicht beschäftigen. Oder anders gesagt, sie übersehen die Probleme, mit denen sie selbst nicht klarkommen. Das wirkt sich auf die jungen Menschen aus. Ihre Frustrationen, Missgeschicke und Schwierigkeiten – all das wird auf ihre Kinder projiziert. Aber wenn man den Erwachsenen Glauben schenkt, merken die Kinder ja nichts davon.

“Es ist leichter, starke Kinder aufzuziehen, als gebrochene Erwachsene zu reparieren.“

Frederick Douglas

Vielleicht warst du ein junger Mensch, der nie das Bedürfnis hatte, vorzeitig erwachsen zu werden. Vielleicht haben dich die komplizierten Situationen und Schwierigkeiten um dich herum nie wirklich getroffen. Aber viele Kinder haben diesbezüglich keine Wahl. Sie können nicht einfach die andere Wange hinhalten und ihre Kindheit wie ein „normales“ Kind erleben.

Kleine Erwachsene in einer schwierigen Welt

Vielleicht erinnerst du dich an die Augenblicke, in denen man dich tadelte, dass du dich wie ein Kind verhältst. Darin liegt eine gute Portion Ironie, denn sicher hast du Sätze gehört wie: „Schluss jetzt mit der Herumspringerei“, oder, „sei mal ein bisschen erwachsener.“  Und wenn es um Mädchen geht: „Hör auf, dich wie ein Junge zu benehmen.“

Herumhüpfen und Spielen wecken bei diesen Erwachsenen wohl keine große Freude. Schon von frühesten Kindesbeinen an weisen sie ihren Nachwuchs für Dinge zurecht, die für das Verhalten eines Kindes eigentlich typisch sind. Warum werden sie gezwungen, erwachsen zu werden? Warum schimpft man Kinder dafür, dass sie sich so benehmen, wie sie eben sind?

Auch wenn sie noch klein sind – man bringt ihnen Folgendes bei: „Es ist umso besser, je früher du mit diesem kindischen Verhalten aufhörst.“  Aber in machen Fällen ist die Situation noch um einiges auffälliger. Eheprobleme der Eltern, Situationen, in denen eine Art von Missbrauch vorliegt, zu hohe Erwartungen an die Kleinen, Streit vor den Kindern – Das hinterlässt alles tiefe Spuren und übt einen Einfluss auf den Nachwuchs aus.

Kein Kind sollte je zum Opfer elterlicher Probleme werden. Und auch nicht dafür verantwortlich gemacht werden.

Ich kann mich daran erinnern, wie es einer Freundin erging. Sie erzählte mir, dass sie als junges Mädchen ein einschneidendes Erlebnis mit ihren Eltern gehabt hatte: Untreue war im Spiel. Sie hatte alles begriffen, aber ihre Eltern behandelten sie so, als wäre sie dumm und ignorant. Leider musste sie Situationen miterleben, in denen ein Elternteil das andere mit dem Auto verfolgte, damit die Wohnung der Affäre ausfindig gemacht konnte. Sie wurde Zeugin von nächtlichen Streitereien wegen derer sie aufschreckte und in Tränen ausbrach. Meine Freundin erlebte noch dazu körperlichen und psychologischen Missbrauch aus allernächster Nähe. Dieses kleine Mädchen musste als Vermittler zwischen seinen Eltern fungieren. Und dabei war sie erst acht Jahre alt. Sie kann sich noch sehr gut daran erinnern, wie ihr Vater etwas laut zu ihrer Großmutter sagte. Nur einen kurzen Satz, der ihr klarmachte, wie unrecht Erwachsene doch haben können: „Ach, kümmere dich nicht um sie, die hat doch keine Ahnung.“

Viele Jahre später zeigten sich die Auswirkungen dieser Erlebnisse. Sie litt in Folge an emotionaler Abhängigkeit und verlor sich in toxischen Beziehungen. Wir brauchen erst gar nicht zu erwähnen, dass es da auch noch einen eklatanten Mangel an Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein gab. Das rührte von diesen Erfahrungen in der Kindheit her.

Kinder merken alles

Kinder begreifen alles. Sie sind nicht dumm – auch wenn wir „Großen“ das manchmal denken. Darum nehmen wir sie in vielen Fällen nicht für voll. Wir übergehen sie. Und wir setzen sie solchen Geschehen aus, von denen zuvor die Rede war. All das zieht für sie negative Folgen nach sich. Als Eltern liegt es in unserer Verantwortung, diese zu verhindern.

Versetzen wir uns einmal in eine ganz andere Lage. Zum Beispiel in die der Kinder in all jenen armen Ländern, wo man bereits in jungem Alter arbeiten muss. Und unter dem Zwang steht, Geld für die Familie erwirtschaften zu müssen. Sie sind zwar noch Kinder, aber sie benehmen sich schon wie Erwachsene. Es war nicht ihre Wahl, so zu leben. Das Leben hat sie einfach dazu gezwungen, sich für gewisse Umstände zu verantworten: Mit diesen sollten sie eigentlich noch gar nicht fertig werden müssen.

Diese kleinen Erwachsenen sind gute Zuhörer, wenn sie älter werden. Sie fühlen sich im Kreise ihrer Altersgenossen fehl am Platze. Ihre Erfahrungen haben sie geprägt und deshalb fühlen sie sich mit Gleichaltrigen nicht sonderlich wohl.Sie sind viel reifer und unter psychologischen Gesichtspunkten gewachsen. Wenn das auch nicht in körperlicher Hinsicht gilt.

Lasst die Kinder Kinder sein. Denn dieses Stadium kann man nur einmal im Leben erfahren.

Es ist wichtig, dass wir Kinder noch Kinder sein lassen. Und dass sich die „Kleinen“ auch wie Kinder verhalten dürfen. Wir müssen das einfach zulassen. Kinder sollten auf keinen Fall hilflos Situationen ausgesetzt sein, die sie für die Zukunft prägen könnten. Besonders, wenn diese vermeidbar sind. Es ist vor allem unsere Pflicht, den Gedanken zu verbannen: „Kinder verstehen die Erwachsenenwelt nicht.“  Sie verstehen sie oft so viel besser, als wir meinen.

Es kann schädliche Auswirkungen auf ein Kind haben, wenn wir unterschätzen, was es verstehen oder nicht verstehen kann. Statt sich für sein Wohl einzusetzen, waren wir in der Vergangenheit bereits Teil der prägenden Umstände. Die Zukunft der Kinder wird stark von ihren Erfahrungen in der Gegenwart beeinflusst. Und es ist unsere Aufgabe, sich gut um sie zu kümmern.