Kitty Genovese: Eine Frau, deren Hilfeschreie im Morgengrauen überhört wurden

27. Juli 2017 en Psychologie 203 Geteilt

Kitty Genovese war 28 Jahre alt. Als sie von der Arbeit zurückkam, nährte sich ihr ein Mann und stach ihr mehrere Male in den Rücken. Daraufhin vergewaltigte er sie und stahl ihr 49 Dollar. Das Verbrechen geschah in den frühen Morgenstunden des 13. März 1964 und laut Angaben der New York Times  hörten 38 Nachbarn eine halbe Stunde lang Schreie, doch niemand tat irgendetwas.

Doch es geschah noch etwas weitaus Schlimmeres, denn inzwischen sind Details zu diesem grauenvollen Schauspiel bekannt, die uns einen Einblick in die dunkelste Seite des Menschen geben. Man sagt, dass ein Mann ein Fenster öffnete und versuchte, den Angreifer mit dem Schrei: „Lassen sie diese Frau in Ruhe!“,  zu vertreiben. In diesem Moment ließ der Angreifer, Winston Moseley, einige Minuten von ihr ab. Kitty konnte schwer verletzt aufstehen, um Zuflucht in der Eingangshalle eines Gebäudes zu erlangen.

„Die Welt wird nicht von bösen Menschen bedroht, sondern von denjenigen, die Gewalt zulassen.“

Albert Einstein

Niemand half ihr. Die Menschen, die sie sahen, dachten vielleicht, dass nichts wäre oder es nicht so schlimm sei. Aber Moseley fand sie schnell wieder, griff sie erneut an und ermordete sie. Tage später hielt ganz New York den Atem an, als die New York Times  eine Reihe von Beiträgen veröffentlichte, in denen wiederholte Male betont wurde, dass ihr niemand zur Hilfe eilte und was das für eine Unmenschlichkeit sei. Es war die Rede von Menschen, die keine Seele hätten und davon, dass dieses Ereignis den Verfall dieser schlafenden Stadt symbolisierte.

Diese Veröffentlichungen glichen einer psychologischen Autopsie einer Gesellschaft, die sich ihrer Verantwortung entzieht, sich dazu entschließt, nicht zu handeln, wegzuschauen und sich in die Privatsphäre der eigenen vier Wände zurückzuzieht, wobei zur gleichen Zeit diese Schreie, diese Schreie nach Hilfe nicht überhört werden können.

Der Fall von Kitty Genovese beeinflusste die Psychologie nachhaltig. Hier möchten wir dir davon berichten.

Der Mordfall Kitty Genovese als Spiegelbild der Gesellschaft

Winston Moseley war von Beruf Maschinenbauer, verheiratet und hatte drei Kinder. Als er aufgrund eines Raubes verhaftet wurde, dauerte es nicht lange, bis er den Mord an Kitty Genovese und noch zwei weiteren jungen Frauen gestand. Die Psychiater würden bei ihm später eine Nekrophilie diagnostizieren. Er starb im Alter von 81 Jahren vergangenes Jahr in Haft, nachdem er selbst in der Strafanstalt und in psychiatrischen Einrichtungen Angriffe verübt hatte.

Der Angreifer von Kitty hat seine Strafe verbüßt, während sie im kollektiven Gedächtnis für immer das Mädchen bleiben wird, dem niemand geholfen hat, die Frau, die vor 38 Augenzeugen gestorben ist, die nicht fähig waren, zu reagieren. So haben es die Medien erklärt und so wurde es auch in dem bekannten Buch Thirty-Eight Witnesses: The Kitty Genovese Case (zu Deutsch: 38 Augenzeugen: Der Mordfall Kitty Genovese) von Abraham Michael Rosenthal beschrieben, der zu jener Zeit Editor der New York Times war.

Wir sollten nicht ungesagt lassen, dass nach einer 2007 in der Zeitschrift American Psychologist  veröffentlichten Studie die Geschichte des Mordes an Kitty Genovese von den Medien leicht übertrieben dargestellt wurde. Wir können im Dokumentarfilm The Witness  (2015) sogar den Kampf des Bruders von Kitty beobachten, als er versuchte, aufzudecken, was wirklich geschah. Das Ende ist so aufschlussreich wie bewegend: Niemand konnte wirklich sehen, was geschah, und diejenigen, die die Polizei riefen, wurden ignoriert, weil keiner von ihnen genau erklären konnte, was sich abspielte.

Der Genovese-Effekt oder die Theorie von der Verantwortungsdiffusion

Wie auch immer es gewesen war, das Ereignis diente den Sozialpsychologen, um die bekannte „Theorie der Verantwortungsdiffusion” zu formulieren. Denn in Wahrheit, und wenn wir gut darüber nachdenken, tut es nichts zur Sache, ob die Zeugen den Angriff auf Kitty Genovese gesehen, ob sie die Polizei gerufen haben oder nicht. Es ist auch nicht von Bedeutung, ob es 12, 20 oder 38 Augenzeugen waren, wie in der New York Times  berichtete wurde. Die Frage ist, wieso niemand auf ihre Schreie reagierte und ihr 30 Minuten lang niemand zur Hilfe eilte, als die junge Frau angegriffen wurde.

Die Psychologen John Darley und Bibb Latané haben dieses Verhalten mit der „Theorie der Verantwortungsdiffusion” erklärt. Sie gibt Folgendes zu verstehen: Je mehr Augenzeugen es gibt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass keiner hilft. Wenn jemand Hilfe braucht, nehmen die Beobachter an, dass andere eingreifen werden, dass „jemand schon etwas tun“  werde. Jedoch ist das Ergebnis dieses Gedankengangs eines jeden Beobachters, dass am Ende keiner der Augenzeugen eingreift und die Verantwortung bei allen Gruppenmitgliedern liegt.

Dass die Übernahme der Verantwortung innerhalb der Gruppe unklar bleibt, bedeutet aber meist, dass niemand sie übernimmt. Dasselbe können wir auch bei Bitten beobachten. Es ist viel besser, zu sagen: „Peter machst du bitte das Licht an?”  statt „Kann bitte mal jemand das Licht anmachen?”. Im ersten Fall vermeiden wir eben jene Diffusion der Verantwortung, da wir uns auf jemand Bestimmten beziehen.

Bei der Diffusion der Verantwortung in Bezug auf das Angebot von Hilfe oder Unterstützung gibt es weitere Faktoren, die die Übernahme der Verantwortung beeinflussen:

  • Die Identifikation mit dem Opfer. Je größer die Identifikation mit dem Opfer, desto kleiner die Diffusion der Verantwortung.
  • Der Preis, der zu zahlen ist. Im Fall von Kitty bestand durchaus das Risiko, selbst angegriffen zu werden, was die Wahrscheinlichkeit der Diffusion der Verantwortung erhöht.
  • Wenn die Person denkt, dass sie sich in einer besseren oder schlechteren Position als der Rest der Gruppe befindet, um zu helfen, motiviert oder desmotiviert das. So wird sich beispielsweise ein in Selbstverteidigung erfahrener Mensch eher dazu verpflichtetet fühlen, zu helfen, als jemand, der nicht weiß, wie er sich verteidigen könnte.
  • Die eigene Perzeption der Situation. Wenn eine Situation als heikel eingeschätzt wird, ist die Diffusion der Verantwortung geringer.

Von der Wichtigkeit, Gewalt nicht zu normalisieren

Der traurige Fall von Kitty Genovese hatte enorme Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Seit Kitty Genovese ruft man in den USA im Notfall die 911 an. Dem Mordfall wurden Lieder gewidmet, er inspirierte Produzenten von Filmen und Fernsehserien und sogar Comiczeichner zur Kreation von Werken wie Watchmen  von Alan Moore.

„Wenn du Ruhe willst, wirst du sie nicht mit Gewalt erreichen.”

John Lennon

Kitty war diese Stimme, die im Morgengrauen des 13. März 1964 schrie. Ein vergeblicher Hilfeschrei in der Nacht, der noch in unserer Gegenwart täglich ganz unterschiedlich widerhallt. Denn vielleicht haben wir Menschen Gewalt normalisiert. Erst vor Kurzem, und das ist nur ein Beispiel von vielen, warf eine Gruppe Fußballfans einen jungen Mann von der Stadiontribüne. Er starb im Alter von 22 Jahren. Nachdem er aus fünf Metern Höhe gefallen war, schlug der junge Mann auf eine Freitreppe auf und erlitt dabei ein schweres Trauma, dem er Stunden später erlag. Der Rest der Fans ging noch immer auf den Tribünen auf und ab, mit gelassener Normalität, so als ob nichts geschehen wäre, als ob jenes Leben nichts weiter als ein abgerissenes Teil vom Stadion wäre, bis endlich, irgendwann, die Polizei eingriff.

Es ist gut möglich, dass die Tatsache, dass wir ständig aggressiven Taten ausgesetzt sind – sei es bei sportlichen Veranstaltungen, im Fernsehen, Internet oder anderswo -, dazu führt, dass wir Gewalt eher dulden, passiver mit ihr umgehen und weniger schockiert reagieren. Es könnte tatsächlich so sein. Aber was auch offensichtlich ist, ist, dass dies nicht vertretbar oder akzeptabel ist.

Wir dürfen nicht länger einfache Zeugen sein oder zu einem tatenlosen Fisch werden, der mit dem Strom der Untätigen schwimmt, einfach nichts tun. Wir müssen die Initiative ergreifen, aktive werden, Gemeinschaftssinn und Respekt für andere nicht nur predigen, sondern auch zeigen.

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Es gibt viele grausame Menschen auf dieser Welt, die
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