Wenn Schweigen das Schreien verbirgt

· 4. August 2016

Schweigen ist die Abwesenheit von Worten, das ist richtig. Aber Schweigen beinhaltet auch eine Präsenz, die Präsenz einer Nachricht, die zwar nicht ausgesprochen wurde, aber dennoch da ist. Schweigen ist nicht fehlende Kommunikation. Schweigen als Form der Kommunikation bedarf keiner Worte, vermag aber überwältigende Gefühle auszudrücken.

Genauso wie es Worte gibt, die nichts aussagen, gibt es auch Momente des Schweigens, die Bände sprechen. Es gibt ein Schweigen, das anklagend ist und ein Schweigen, das tötet. Es gibt Schweigen, das aus dem Unmöglichen, aus Angst oder Verwirrung entsteht, und Schweigen, das höchste Macht ausdrückt. Es gibt weises Schweigen und Schweigen, das Elend verursacht. Schweigen, das durch Unterdrückung entsteht und Schweigen, das befreit.

„Die tiefsten Flüsse sind immer die stillsten.“

Quintus Curtius Rufus

Tatsächlich ist es so, dass wir über eine ganz eigene Sprache sprechen können, die auf Schweigen basiert. Aber inmitten dieser vielfältigen Arten des Schweigens gibt es auch eine, die brutal ist, weil sie einen Schrei enthält. Es ist die Art des Schweigens, die auf ein überwältigendes Erlebnis folgt, für das es keine Worte gibt.

Das Schweigen und der Horror

Gesicht einer nachdenklichen Frau

Das Schweigen, das einen Schrei verbirgt, hat fast immer etwas mit dem Horror zu tun. Horror ist nicht das gleiche wie Terror. Im Wörterbuch steht, dass Terror eine sehr starke Angst ist, während Horror einfach ein Gefühl der Angst und der Aversion sein kann. Außerdem hat der Horror eine undefinierte Ursache, während der Terror von einer bestimmten Quelle verursacht wird.

Um es klarzustellen: Terror wird von einem bestimmbaren Objekt oder einer bestimmbaren Situation verursacht. Das kann sowohl eine Mücke als auch ein Diktator oder ein erfundenes Monster sein. Auf der anderen Seite gibt es den Horror, den man aufgrund einer latenten Gefahr verspürt, die von einem Objekt ausgeht, das zwar impliziert, aber nicht vollständig definiert ist. Horror wird dann verspürt, wenn man sich vor „Wesen aus dem Jenseits“, „Unheil“ oder „Verfolgung“ fürchtet.

Einer der Faktoren, die zu dem Schweigen führen, das auf den Horror folgt, ist genau diese undefinierbare Art der Gefahren. Wie können wir von einer extremen Angst oder einer extremen Aversion sprechen, wenn wir uns nicht einmal darüber im Klaren sind, woher diese kamen oder was genau das Leid ist, das sie verursachen können? Man fühlt nur, dass es „etwas Furchtbares“ ist, doch außer dieser Tatsache ist gar nichts klar.

Terror ist das, was du fühlst, wenn du einem wütenden Löwen an einem einsamen Ort gegenüberstehst. Horror ist das, was du fühlst, wenn jemand, den du liebst und der dir sehr nahesteht, plötzlich stirbt. In beiden Fällen fühlt man sich auf eine gewisse Art und Weise benommen, doch beim Horror kommt noch dazu, dass es unmöglich ist, das Gefühl zu beschreiben und zu erklären.

Der Horror beinhaltet das Schweigen, das Schreie versteckt. Worte können nicht die Schwere dessen, was man fühlt, beschreiben. Die Worte haben sozusagen Schulden. Alles, was man sagt, scheint nutzlos. Es befreit einen nicht von dem Schmerz und ermöglicht es auch anderen nicht, zu verstehen, wie tief der Schmerz geht. 

In solchen Fällen scheint es so, dass Worte zu gar nichts zu gebrauchen sind. Deshalb wird die verbale Kommunikation sowohl durch Schweigen als Form der Kommunikation, aber auch durch Tränen, Gesten der Missmut und Seufzer ersetzt. Aber diese Äußerungen helfen dir auch nicht, den Schmerz zu überwinden, sie sorgen viel eher dafür, dass er noch schlimmer wird.

Das Schreien und die Poesie

Frau steht auf einem Hügel und ist von Schmetterlingen umgeben

Worte sind die einzige Kraft, die es uns ermöglicht, unseren Erfahrungen eine neue Bedeutung zu geben. Durch Worte können wir eine Ordnung in der Welt in unseren Köpfen schaffen und jeglichen Schmerz, der uns in unserem Inneren plagt, herausziehen. So können wir uns absetzen, um vorwärts zu gehen.

Das Schreien bei der Geburt ist unser erstes Lebenszeichen. Mit diesem ersten Schreien verkünden wir, dass wir da sind, dass wir den ersten Durchbruch in unserem Leben geschafft haben. Wir haben uns von unserer Mutter getrennt und mit dem ersten Schreien sagen wir der Welt, dass wir die Welt zum Leben brauchen.

Manchmal haben wir als Erwachsene das Gefühl, dass nur ein lauter Schrei das ausdrücken kann, was wir im Inneren fühlen. Nur diese laute, zerrissene Ausdrucksform gibt uns die Möglichkeit, zu sagen, dass wir ein wehrloses Wesen sind, das die Welt zum Leben braucht. 

Wie auch immer, wir können nicht all die Schwierigkeiten in unserem Leben mit wildem Herumschreien bewältigen. Deshalb wird das Schreien, das nicht durchbrechen kann, durch Schweigen ersetzt. Aber sowohl das unterdrückte Schreien als auch das Schweigen an sich sind ein Zeichen dafür, dass wir unfähig sind, unsere Gefühle auszudrücken.

Traurige Frau in undeutlicher Welt

Was ist dann der Ausweg? Wir müssen Schreien, doch wir können es nicht. Wir wollen reden, aber die Worte reichen einfach nicht aus. Was haben wir dann noch übrig? Wie können wir den Schmerz verarbeiten, wenn es schon so wehtut, zu existieren?

Wenn die normale Sprache nicht ausreicht, kann die Poesie eine Lösung sein. Und Poesie ist nicht nur eine Zusammenstellung von strukturierten Versen, sondern bezieht sich auch auf alle Ausdrucksformen, die bildliche Sätze nutzen, um etwas zu materialisieren.

Poesie ist singen, tanzen, malen, fotografieren und handwerkliches Arbeiten. Stricken, nähen, dekorieren und restaurieren. Jede kreative Handlung, die wir gewollt durchführen, um den Schmerz, den wir fühlen, in eine Form zu bekommen, wird als Poesie bezeichnet.

Schnitzen, modellieren, kochen… Kochen?… Ja, kochen. Hat jemand schon das Buch Bittersüße Schokolade  gelesen? Laura Esquivel zeigt uns eine Frau, die ihren Schmerz beim Kochen verarbeitet und es so schafft, andere vor Begeisterung zum Weinen zu bringen.

Wann immer Worte nicht ausreichen und du an deinen Schreien zu ersticken drohst, steht dir die Poesie mit all ihrer Vielfalt zur Verfügung. Es ist dieser Ort in unserem Inneren an den wir gehen, wenn der Schmerz und der Horror außer Kontrolle geraten.