Karl Jaspers und die biografische Methode in der Psychiatrie

8. März 2019

Karl Jaspers war ein deutscher Psychiater und Philosoph, der die Psychiatrie und Philosophie stark beeinflusste. Viele Experten halten ihn deshalb für einen der Pioniere des Existenzialismus. Er ist auch dafür bekannt, die biografische Methode entwickelt zu haben, die noch heute eine wichtige psychiatrische Anwendung darstellt.

Jaspers wurde 1883 in Oldenburg geboren. Er studierte Medizin an der Universität im gleichen Ort und promovierte 1909. Bald nach seinem Abschluss begann er, in einer psychiatrischen Praxis am Universitätsklinikum Heidelberg zu arbeiten. Er entwickelte ein zunehmendes Interesse dafür, wie sich psychische Erkrankungen behandeln ließen.

„Philosophieren heißt, zu sterben lernen.“

Karl Jaspers

1921 wurde Jaspers Professor für Psychologie an der Universität Heidelberg. Nach und nach nahm der Unterricht all seine Zeit in Anspruch. Aus diesem Grund zog er sich aus der klinischen Praxis zurück. Das stimmt ihn zeitweise sehr traurig.

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Karl Jaspers Frau war die Tochter jüdischer Eltern. Aus diesem Grund wurde er im Zuge des Aufstiegs des Nationalsozialismus von seinen Verpflichtungen als Professor entbunden. Der Zweite Weltkrieg war eine schwierige Zeit für seine Familie. Er erhielt seinen Job erst 1946 zurück, als der Krieg beendet war.

Karl Jaspers spricht über seine biografische Methode.

Er sollte zu einem Vorkämpfer des deutschen Wiederaufbaus werden. Insbesondere war er einer der Verantwortlichen für den Wiederaufbau einer normalen Ausbildung. Sein Hauptziel bestand darin, die nationalsozialistische Ideologie an deutschen Schulen auszurotten.

Bald schon wurde er jedoch von der allgemeinen Politik enttäuscht. Deshalb entschied er sich einige Jahre später, an die Universität Basel, in die Schweiz zu gehen. Die ständigen Enttäuschungen und der Krieg selbst beeinflussten definitiv seine existenzialistische Perspektive.

Karl Jaspers biografische Methode

Ein Hauptbeitrag von Karl Jaspers zur modernen Wissenschaft war die biografische Methode. Sie besteht im Kern darin, den Patienten zu bitten, schriftlich zu erklären, wie er seine Symptome wahrnimmt. Die Wahrnehmung der Realität durch den Patienten wurde somit aufgezeichnet. Diese Methode ermöglichte es den Fachleuten, zu verstehen, was in den Köpfen der Patienten vorging.

Dies ist deshalb ein besonderes Vorgehen, weil es den Worten des Patienten einen Wert verleiht, was in der modernen Psychiatrie nicht die Regel ist. Psychiater neigen dazu, die Worte ihrer Patienten als Produkte einer Gehirnfunktionsstörung zu betrachten. Die biografische Methode schreibt diesem „Unsinn“ jedoch einen gewissen Wert zu und verwendet sie, um Veränderungen in der Wahrnehmung der Patienten einzuleiten und zu beobachten.

Drei Bäume in den Farben Rot, Gelb und Grün sind wie Gesichter geformt.

Ebenso zeichnete Jaspers selbst akribisch alles über seine Patienten auf. Er beschrieb Zeichen und Symptome so genau wie möglich. Er suchte nach Elementen im Leben seiner Patienten, die es ihm ermöglichen würden, ihre jeweilige Störungen zu verstehen.

Weitere seiner Beiträge

Karl Jaspers postulierte auch die Existenz von zwei Arten von Wahnvorstellungen, der primären und der sekundären. Primäre Wahnvorstellungen manifestieren sich ohne ersichtlichen Grund. Daher seien sie aus psychologischer Sicht autonom und unverständlich. Sekundäre Wahnvorstellungen hingegen repräsentieren den Versuch, unregelmäßige Erlebnisse zu erklären und seien psychologisch verständlich. Jaspers veröffentlichte seine Schlussfolgerungen in seinem Buch Allgemeine Psychopathologie. Dieses Buch wurde zu einem Klassiker und legte den Grundstein für zukünftige psychiatrische Entwicklungen.

Jaspers wagte sich auch an die Fachbereiche Philosophie und Theologie. Bücher wie Die Philosophie der Existenz  oder Der Mensch in der Moderne  machten ihn über sein Fach hinaus berühmt. Leider sind Jaspers Bücher nur schwer zugänglich. Er war ein Schriftsteller, den wir erst verstehen, wenn wir seine Bücher mehrmals gelesen haben.

Seine letzten Jahre

Karl Jaspers interessierte sich immer auch für Politik, Religion und Philosophie. Er schrieb mehrere Aufsätze zu diesen Themen. Einer seiner interessantesten Artikel ist Die Atombombe und die Zukunft des Menschen.  Viele seiner Arbeiten zeigen, wie enttäuscht er von seinem Land war. Deshalb verzichtete er 1967 auf seine deutsche Staatsbürgerschaft und wurde Bürger der Schweiz.

Im Laufe seines Lebens erhielt er viele Auszeichnungen. Die wichtigsten waren der Goethe-Preis der Stadt Frankfurt im Jahr 1947 und der Erasmus-Preis im Jahr 1959. Außerdem wurde er von verschiedenen Universitäten mit Ehrendoktorwürden ausgezeichnet. Er starb 1969 in Basel.