Black Swan: Tanzen mit Psychose

· 4. Februar 2019

Black Swan  war einer der am meisten gefeierten Filme des Jahres 2010. In diesem Film spielte Natalia Portman die Hauptrolle, für die sie bei der Oscar-Verleihung als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde. Der Film sorgte zudem für Kontroversen, weil Portman in einigen Szenen durch ein Double ersetzt wurde. Sie argumentierte später, dass sie den Oscar nicht verdient hätte, weil sie selbst nicht die ganze Zeit getanzt hätte. Der Regisseur, Darren Aronofsky, lobte Portmans Arbeit hingegen und sagte, dass das Double sie nur in den schwierigsten Szenen ersetzt habe.

Der Film Black Swan hat das Ballett auf die große Leinwand gebracht. Es ist ein Psycho-Thriller, der auf dem Ballettstück Schwanensee  basiert. Natalie Portman war sogleich vom Plot begeistert, in dem ihre Rolle viel mehr als nur die einer einfachen Tänzerin sein sollte. Sie spielte schließlich einen komplexen Charakter mit psychischen Störungen, die immer deutlicher werden, je näher die Premiere des Balletts rückt.

Portmans Schauspiel ist erstaunlich und absolut überzeugend. Es fesselt uns von den ersten Momenten des Films an – vergessen wir dabei nicht, dass die Schauspielerin einen Abschluss in Psychologie erreicht hat. Das erworbene Wissen half ihr höchstwahrscheinlich bei der Vorbereitung auf die Rolle.

Die Handlung

Der Film handelt von Nina, einer jungen Tänzerin, die zusammen mit ihrer Mutter lebt und für eine Ballettfirma arbeitet. Das Unternehmen möchte die Saison mit einer neuen Version von Schwanensee  eröffnen. Nina will die Hauptrolle unbedingt bekommen. Sie ist eine sehr disziplinierte, methodische und fordernde Tänzerin, aber der Charakter des schwarzen Schwanz verlangt nach eine wilderen und freieren Seite. Der Film handelt zu großen Teilen vom Ballett, aber taucht doch meisterhaft in die Persönlichkeit der Protagonistin ein und zeigt dabei ihre Herausforderungen und Schwierigkeiten.

Musik, Fotografie und Tanz stehen von Anfang an im Vordergrund. Sie ziehen die Aufmerksamkeit des Zuschauers an und umhüllen ihn in einer einzigartigen Atmosphäre voller Spannung, die sich bis zum brillanten Finale des Films aufbaut.

Nina näher kennenlernen

Wir bekommen die Persönlichkeit von Nina im Verlauf der Handlung immer näher vorgestellt. Ihre Mutter war ebenfalls Tänzerin, doch sie erreichte nicht den Erfolg, den ihre Tochter nun feiert. Ihre Mutter verzichtete auf alles, um sich vollkommen um die Karriere ihrer Tochter kümmern zu können. Wir erfahren allerdings nichts über den Vater von Nina. Wir wissen nur, dass die Mutter von Nina sie allein großgezogen hat und sie um alles in der Welt beschützen will.

Balletttraining im Film "Black Swan"

Nina hat kaum richtige Freunde. Sie interagiert einfach mit ihren Ballettkollegen. Das Einzige, was in ihrem Leben zählt, ist das Tanzen. Ihr Schlafzimmer ist sehr kindisch eingerichtet, ist in blassen Tönen gehalten und mit unzähligen Stofftieren dekoriert. Es könnte leicht mit dem Zimmer eines kleinen Mädchens verwechselt werden, einer Person, die noch nicht erwachsen ist. Dieser Raum spiegelt die Welt von Nina wider. Sie ist eine abhängige junge Frau. Ihre Mutter hat sie bisher immer angeleitet und kontrolliert und daher ist Nina noch nicht reif.

Ihre Mutter war es, die ihr die Leidenschaft für das Ballett einflößte. Sie hat dabei möglicherweise auch ihre eigene Frustrationen auf Nina projiziert. So lässt Nina auch ihre Mutter spüren, dass diese nie etwas erreicht hat oder so weit gekommen ist wie sie selbst. Dies führt schließlich zu einem Konflikt zwischen den beiden.

Nina ist ihrer Mutter nie ungehorsam gewesen. Sie hat immer ein extrem geordnetes Leben geführt und hatte nie die Gelegenheit, etwas für sich selbst zu entscheiden. Deshalb hat Nina eine komplexe Persönlichkeit entwickelt: Sie nimmt ihre Frustration und Ohnmacht auf sich, indem sie sich selbst verletzt und dazu bringt, sich zu übergeben. Ihre Mutter weiß, dass Nina diese Probleme hat. Tatsächlich schaut sie sich die Kratzer auf Ninas Rücken an und versucht, sie von weiteren Verletzungen abzuhalten, etwa indem sie Nina die Nägel schneidet. Die Mutter überwacht auch, wie viel Zeit Nina im Badezimmer verbringt.

Nina hatte keine glückliche Kindheit und keine gesunde Entwicklung. Ihre Mutter war zeitlebens eine starke Belastung für das Mädchen. All dies hat Nina zu einer emotional instabilen Person gemacht. Diese Instabilität erreicht ihren Höhepunkt, als das Unternehmen ihr eine Rolle einräumt, welche die Persönlichkeit von Nina erst zum Wanken und dann zur Entfaltung bringt. Nina ist besessen von Perfektion und wird alles tun, um diese Chance zu nutzen – auch auf Kosten ihrer Gesundheit.

Black Swan – ein gefährlicher Tanz

Schwanensee  erzählt die Geschichte von Odette, einer Prinzessin, die durch einen Zauber in einen weißen Schwan verwandelt wurde. Um den Zauber zu brechen, braucht sie die Liebe eines Prinzen. Diese Liebe kann sich jedoch nicht entfalten, weil eine Rivalin eingreift: der schwarze Schwan. Die Produktionsfirma von Nina beschließt, die Geschichte ein wenig neu zu erfinden, und die Rolle der beiden Schwäne fällt auf dieselbe Person.

Nina scheint perfekt in die Rolle des weißen Schwans zu passen, aber nicht in die Rolle des schwarzen Schwans. Sie hat keine Spontaneität und ist viel zu diszipliniert, um der schwarze Schwan zu sein. Wie der weiße Schwan in Tschaikowskis Welt hat Nina ebenfalls eine Rivalin, Lily. Sie ist eine weitere Tänzerin der Agentur. Lily ist eine undisziplinierte und sorglose junge Frau, die perfekt in die Rolle des schwarzen Schwans passt. Von diesem Moment an wird die Persönlichkeit von Nina destabilisiert und sie wird besessen davon, ihre Rivalin auszustechen. Dies bringt ihre instabile und dunkle Seite zum Vorschein.

Szene aus "Black Swan"

Während wir uns ins Ballett vertiefen und die Hauptfiguren treffen, beginnt sich die Persönlichkeit von Nina allmählich zu dissoziieren. Sie wird unfähig, sich selbst zu erkennen oder zwischen der realen Welt und einer Traumwelt zu unterscheiden.

Spiegel spielen eine wichtige Rolle im Film. Sie zeigen die Verzerrungen, die Nina erlebt. Sie zeigen uns, wie verwirrt sie in den kritischsten Momenten des Films ist. In diesem Film sind Spiegel stark symbolisch aufgeladen. Zwei Spiegelbilder – beide Schwäne – leben in Nina und können kein Gleichgewicht, keine Harmonie erreichen.

Nina hat keine Vaterfigur und ihre Mutter kontrolliert sie absolut. Es ist deshalb klar, dass ihre fragile Persönlichkeit viele Lücken aufweist. Ihre Rivalin und die Suche nach der dunklen Seite, welche ihr die Rolle des schwarzen Schwans ermöglichen würde, lassen Nina die ersten Symptome einer Psychose zeigen. Nina muss sich innerlich mit den beiden Schwänen auseinandersetzen, die in ihr leben, während ihre Beziehungen zu ihrer Mutter und ihrer Umgebung immer schwieriger werden.

Die andere Seite des Balletts

Neben den Forderungen der Rolle und ihrer Rivalität mit Lily muss sich Nina auch noch einer weniger freundlichen Seite des Balletts und der Welt stellen: Sie hatte noch nie eine so wichtige Rolle gespielt und als Konsequenz war sie sich der Dunkelheit nicht bewusst, die sie umgab. In einer Nachtszene mit Lily sehen wir, dass Nina nichts über das Nachtleben und Drogen weiß. Nina war diesen Situationen nie ausgesetzt und stand immer unter dem Schutz ihrer Mutter. Sie hat daher nicht gelernt, sich unter Einfluss dieser Reize selbst zu kontrollieren. Sie ist nicht in der Lage, für sich selbst zu entscheiden oder zu wissen, was für sie am besten ist.

Auf der anderen Seite sehen wir in Bezug auf ihre Arbeitswelt, dass auch ihre Beziehungen dort nicht ganz gesund sind. Die Tänzerinnen werden von den Agenten ersetzt, wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht haben. Es gibt immer Rivalität zwischen ihnen, wenn es um eine neue Rolle geht. Darüber hinaus können die mächtigsten Männer, wie der Direktor des Unternehmens, die Tänzerinnen missbrauchen und unter Druck setzen. Dies erinnert uns an die MeToo-Bewegung, die in der Welt des Kinos ihren Anfang nahm.

Tanzszene im Film "Black Swan"

Der Charakter von Nina ist Norman Bates, dem Protagonisten aus Psycho, sehr ähnlich, insbesondere aufgrund der Beziehung zur Mutter. Der übermäßige Schutz und die Dunkelheit der Unterhaltungsindustrie führen Nina zu Ungleichgewicht, Instabilität und Selbstzerstörung.

Black Swan  ist ein Spiegelbild der Psychose, in der Welt des Balletts verortet und in einen Thriller eingebettet. Der Film porträtiert eine gefährliche Suche nach Perfektion, der Perfektion, die wir als Zuschauer nur allzu oft bewundern. Wir sind als Publikum erstaunt, wenn wir ein Kunstwerk betrachten, aber wir wissen in der Regel nicht, welchen Weg die Künstler eingeschlagen haben, um zu diesem Ergebnis zu gelangen. Das Ergebnis mag an Perfektion grenzen, aber die Straße dorthin war höchstwahrscheinlich voller Dornen.