Der Junge im gestreiften Pyjama - Freundschaft jenseits der Gitter

17 Februar, 2018
 

Der Junge im gestreiften Pyjama ist ein literarisches Werk aus dem Jahr 2006, das von John Boyne verfasst und später von Mark Herman auf die Leinwand gebracht wurde. Film und Buch weisen einige Unterschiede auf, auf die wir hier jedoch nicht eingehen werden, da sie für die Entwicklung dieses Artikels nicht relevant sind. Hier konzentrieren wir uns auf die Ideale und Werte, die dieses Werk vermittelt, und verwenden Buch und Film als Referenz.

Die Geschichte des Jungen im gestreiften Pyjama spielt in einem der grausamsten und beschämendsten Momente in der Geschichte der Menschheit, im Holocaust des Zweiten Weltkriegs. Eine Zeit, die niemals vergessen werden darf, denn man sagt, aus der Geschichte solle man lernen, damit man dieselben Fehler nicht noch einmal begehe. 

Die Geschichte beginnt

Wir befinden uns im Deutschland der Nationalsozialisten, im Haus einer militärisch geprägten Familie, deren Mitglieder stark an den ideologischen Werten dieser Zeit festhalten. Das Oberhaupt der Familie ist ein hochrangiger Soldat im Dienst Hitlers, der wegen seiner „guten Arbeit“ nach Auschwitz versetzt wird, um dort sein Tun fortzusetzen. So zieht die ganze Familie in ihr neues, völlig isoliertes Haus, das sehr nah am Konzentrationslager liegt.

 

Nun lernen wir die Familie und weitere Charaktere besser kennen:

  • Die Kinder: Der Protagonist ist Bruno, der jüngste Sohn des Kommandanten. Wie alle Kinder seines Alters kennt er die Welt noch nicht sehr gut und möchte einfach nur spielen. Er mag Abenteuerbücher und möchte später gern einmal Forscher werden. Dann ist da noch Gretel, seine ältere Schwester. Zu Beginn sieht man sie immer umgeben von Puppen, doch bald wird sie ihr Zimmer umdekorieren und die Puppen gegen Nazi-Propaganda tauschen. Auf der anderen Seite lebt Shmuel, ein Junge in Brunos Alter, der jüdisch ist und im Konzentrationslager interniert ist.
  • Die Eltern: Brunos Vater ist ein sehr strenger Offizier, der wenig Zeit zu Hause verbringt. Seine Frau ist sich zunächst gar nicht bewusst, wie die Arbeit ihres Mannes aussieht. Man kann im Laufe des Films jedoch sehen, wie ihre Ignoranz schwindet und sich die Gefühle zu ihrem Mann ändern, da sie die Rolle, die er bei seiner Arbeit einnimmt, als abstoßend empfindet.
 
  • Die Großeltern: Sie sind die Eltern des Kommandanten. Der Großvater ist sehr stolz auf seinen Sohn, doch die Großmutter ist gegen den Nationalsozialismus und empfindet Abscheu für das, was ihr Sohn tut.
Bruno in einer Schaukel im Garten

Zwei Realitäten in „Der Junge im gestreiften Pyjama“

Im Buch Der Junge im gestreiften Pyjama lesen wir, dass Sshmuel und Bruno am gleichen Tag geboren wurden, ihre Leben jedoch verschiedener nicht sein könnten. Bruno ist Teil einer wohlhabenden Familie, er ist der Sohn eines Soldaten und seine größte Sorge ist es, niemanden zum Spielen zu haben. Ihm ist oft langweilig und er ist sehr verärgert über den Umzug an einen Ort, an dem er niemanden kennt. Er versteht nicht, warum er umziehen muss und seine Freunde zurücklassen muss.

 

Shmuel ist ein jüdischer Junge, darum wurde er in das Konzentrationslager gebracht. Folglich sind seine Sorgen andere, obwohl sich auch in ihm die Wünsche und die Unschuld eines Kindes abzeichnen.

Dieser Kontrast der Realitäten zeigt uns, wie sehr unsere Herkunft uns für das ganze Leben prägt und uns verdammen kann. Niemand entscheidet, wo er geboren wird; niemand ist schuld daran, dass er zu der einen oder anderen Ethnie gehört. Kinder verstehen diese Unterschiede noch nicht und sehen in anderen Gleichgestellte, Freunde, mit denen sie Abenteuer erleben und spielen können. Bruno und Shmuel können nicht verstehen, warum sie eine Barriere trennt, wenn sie doch am gleichen Tag geboren wurden und sich eigentlich sehr ähnlich sind.

In diesem Fall ist die Barriere zwar real, doch sie kann auch als Symbol gesehen werden. Zwei Kinder geboren am selben Tag, zwei Kinder, die die gleiche Zukunft vor sich haben sollten, aber die doch zwei sehr unterschiedliche Realitäten leben.

 

Heute betrachten wir die Nazis mit Verachtung oder schämen uns gar für sie, doch zu der Zeit, als Bruno geboren wurde, hatte derjenige, der auf ihrer Seite stand, zumindest mehr Glück als Shmuel. Man kann sagen, dass diese Barriere, dieser Gegensatz der Realitäten, auch heute noch existiert – es ist auch heute nicht egal, an welchem Ort der Welt man geboren wird, ob man Teil einer wohlhabenden Familie oder einer Familie, der es an Ressourcen fehlt, ist. Und auch heute noch werden Zäune und Mauern gebaut, um Menschen verschiedener Herkunft voneinander zu trennen.

Bruno und Shmuel spielen Schach, zwischen ihnen ein Stacheldrahtzaun

Beziehung zu Nietzsches „Übermensch“

Die Ideen des Philosophen Friedrich Nietzsche wurden vom Nationalsozialismus übernommen und neu interpretiert. Dieser Philosoph glaubte an eine Klasse von Menschen mit überlegenen Eigenschaften: stark, intelligent, kreativ, fähig, zu denken und zu argumentieren. Diese Männer waren die Überlebenden, diejenigen, die die Herde verlassen hatten. Die Nazis identifizierten sich selbst mit diesen Übermenschen.

 

Auf der anderen Seite gab es für Nietzsche mehrere Phasen, die durchlaufen werden mussten, um diesen Übermensch-Status zu erreichen:

  • Kamel: Es repräsentiert den Gehorsam, die Lasten und die Verantwortlichkeiten, die wir ertragen müssen.
  • Löwe: Das Kamel wird zum Löwen, wenn es kein Kamel mehr sein will. Dieser Schritt stellt die Befreiung von den Lasten, eine gewisse Rebellion und die Ablehnung der traditionellen Werte dar.
  • Kind: Das Kind repräsentiert die letzte Phase der Metamorphose. Das Kind lebt frei von Vorurteilen und etablierten Werten; es ist dafür verantwortlich, sich neue, eigene Werte zu schaffen. Als wäre es ein Spiel, baut sich das Kind alles aus dem Nichts auf.

Ich möchte dieses Bild des Kindes mit den Figuren von Shmuel und Bruno vergleichen: Beide sind frei von Vorurteilen, oder halbfrei. Sie sind die einzigen, die diese Barriere überwinden können, mit der die Erwachsenen kollidieren. Wenn sie den Zaun überqueren, widersetzen sie sich etablierten Werten. Egal, was ihnen beigebracht wird, ihre Freundschaft bleibt bestehen. Bruno trägt einen gestreiften Pyjama, der dem von Shmuel ähnelt. Für die Kinder bedeutet ihre Freundschaft alles und es gibt zwischen ihnen keine Unterschiede. 

 

Das bedeutet, dass sie, während sie sich gegenseitig kennenlernen, ihre eigenen Werte aus dem Nichts erschaffen … und auf Grundlage dieser Werte fällen sie ihre Entscheidungen.

„Wir sollten keine Freunde sein. Wir müssten Feinde sein. Wusstest du das?“

Bruno

Die Bedeutung von Ideen

Der Junge im gestreiften Pyjama  zeigt Probleme auf, zu denen Ideologien und die Konzepte, die sie formt, führen können. In der Geschichte und im Film selbst sehen wir, dass Ideen viel mehr Schaden anrichten können als jede Waffe. Insbesondere wenn wir bedenken, dass die Macht einiger Personen in bestimmten Augenblicken genügt, um den Willen anderer zu ändern. So kann die Überzeugung von Menschen für eine bestimmte Sache dazu führen, dass sie jede Tat begehen würden, egal wie unfair und grausam diese ist.

Damit eine Idee über längere Zeit bestehen kann, ist es wichtig, sie auch den Jüngsten zu vermitteln. Das sehen wir im Unterricht, den Gretel und Bruno erhalten. Ihr Lehrer lehrt ihnen die Geschichte nach den Schriften der nationalsozialistischen Ideologie. So werden den Kindern Werte beigebracht, die der Lehrer für richtig hält, inklusive der Vorstellung, dass sie einer überlegenen oder privilegierten Rasse angehören. Diese Gedankenmuster werden dann auch an spätere Generationen weitergegeben – so hofften es jedenfalls die Nationalsozialisten.

 

Interessant sind auch die Anspielungen der Propaganda, die man auf den Plakaten in Gretels Zimmer sehen kann, welche die Lebensqualität in den Konzentrationslagern bewerben.

Gretel in ihrem Zimmer mit Nazi-Propaganda an den Wänden

Das Ende des Films wird bereits durch atmosphärische Phänomene angedeutet, welches durch den sogenannten „locus terribilis“ verdeutlicht wird: Die Regenschauer warnen davor, dass etwas Schlimmes passieren wird.

Das Ende der Geschichte lädt uns zur Reflexion ein: Wir sind uns des Leids des anderen nicht bewusst, bis wir selbst zum anderen werden. Erst wenn wir die Rollen tauschen und den Schmerz des anderen am eigenen Leib spüren, werden wir selbst zu Teilnehmern und erlangen somit Bewusstsein über die Situation.

All das passierte offensichtlich in der Vergangenheit, in einer Umgebung, die geprägt war von Horror und Grausamkeit. Doch lässt uns die Geschichte von Bruno und Shmuel auch darüber nachdenken, ob wir uns in irgendeiner Form und im Komfort unseres Zuhauses überhaupt verändert haben oder ob wir weiterhin das Leiden anderer aus der Ferne betrachten.