Ist Intelligenz genetisch bedingt?

22. Juni 2019
Was bestimmt die Intelligenz einer Person? Genetik, Umwelt oder etwa beides? In diesem Artikel werden wir dieses Thema näher beleuchten!

Was bestimmt die Intelligenz einer Person? Verschiedenste Studien lassen vermuten, dass sich unser IQ hauptsächlich auf unser Erbgut zurückzuführen lässt. Doch nicht immer ist Intelligenz direkt und eindeutig definierbar. Sie ist nicht nur genetisch bedingt, auch viele andere Faktoren spielen dabei  eine bedeutende Rolle.

Nehmen wir zum Beispiel William James Sidis. Dieser junge Mann war sehr intelligent und viele seiner Mitmenschen erwarteten sich, dass er Großes leisten würde. Er starb Mitte der 1940er Jahre in den Vereinigten Staaten. Viele Experten halten ihn auch heute noch für einen der intelligentesten Männer weltweit, denn sein IQ wurde auf über 250 geschätzt. 

„Was wir wissen, ist ein Tropfen, was wir nicht wissen, ist ein Ozean.“

Isaac Newton

Die Geschichte Sidis ist deshalb so interessant, da er bereits im Alter von 9 Jahren die Harvard University besuchte, was jedoch nicht nur genetisch bedingt war. Seine Mutter Sara war Ärztin, sein Vater Boris war Psychiater und Experte für Entwicklungspsychologie.

Diese beiden ukrainischen Wissenschaftler wussten, dass die Entwicklung eines hohen IQs nicht ausschließlich eine Frage ihrer 23 Chromosomenpaare war.

Hohe Intelligenz hängt auch von einer förderlichen Umgebung ab. Das Gehirn muss jedoch dafür empfänglich sein, um tatsächlich einen überdurchschnittlichen IQ zu entwickeln.

Die Eltern Sidis konzentrierten sich auf ein einziges Ziel: die kognitiven Fähigkeiten ihres Kindes bestmöglich zu fördern.

Die Ergebnisse übertrafen alle Erwartungen. Trotzdem war dieser junge Mann nicht nur ein Wunderkind. Er war auch ein Mensch, der mit seinem Leben eindeutig unzufrieden war.

Sidis - ein Wunderkind, das mit neun schon Harvard University besuchte.

Wunderkinder: genetisch bedingt durch kluge Eltern?

Intelligenz ist wie alle Faktoren des menschlichen Verhaltens ein komplexes Merkmal. Es ist jedoch nicht schwierig, sie zu definieren, da sie eine Kombination verschiedenster Erfahrungen und kognitiver Fähigkeiten ist, so zum Beispiel Lernen, Denken, Planen, Problemlösen, Abstraktion, Verständnis komplizierter Ideen und die kreative Beantwortung von Fragen.

Trotzdem weiß niemand genau, wie es zu individuellen Unterschieden in der Intelligenz kommt. Verschiedenste Studien weisen auf genetische Faktoren hin.

Tatsächlich hat eine Studie der Universität Glasgow von 2016 gezeigt, dass wir die meisten Gene, die mit kognitiven Funktionen verbunden sind, von unserer Mutter erben. Das X-Chromosom bestimmt also einen großen Teil unseres intellektuellen Potenzials.

Allerdings ist diese Erkenntnis mit Vorsicht zu genießen, weil nicht alles so klar ist, wie es scheint.

In einer kürzlich von der Fachzeitschrift Genetics Home Reference veröffentlichten Studie können wir nachlesen, was Experten seit fast einem Jahrhundert vermuten: Auch unser soziales Umfeld prägt uns.

Es gibt uns die Voraussetzungen, um unser gesamtes kognitives Potenzial auszuschöpfen. Die Genetik ist nur für 40 % des Erreichten verantwortlich.

Intelligenz (und besonders ein sehr hoher IQ) wird von der Umwelt beeinflusst. Faktoren wie Erziehungsweise, Schulbildung und Ernährung ermöglichen die Entwicklung des Bildungspotenzials.

Ist Intelligenz genetisch bedingt? Kind, das im Bett liest.

Genetisch- und umweltbedingte Intelligenz

Neurologen weisen oft darauf hin, dass wir die Wichtigkeit eines hohen IQ überschätzen. Es gibt keinen bestimmten Gehirnbereich, der für Intelligenz verantwortlich ist. Auch ist keine bestimmte Struktur vorhanden, die uns intelligenter als andere macht.

Intelligenz ist das Resultat endloser Prozesse, die harmonisch ablaufen. Es ist ein komplettes synaptisches System, das aus einem durchschnittlichen Gehirn ein überdurchschnittliches, präzises, vernünftiges und effizientes Werkzeug macht.

Es stimmt zwar, dass Gene für hohe Intelligenz wichtig sind, doch auch andere Faktoren sind dabei grundlegend:

  • Eine stabile Bindung zur Mutter, gekennzeichnet durch einen ständigen emotionalen Austausch
  • Eine positive Erziehung
  • Angemessene Ausbildung
  • Ein günstiges und anregendes soziales Umfeld, das aus einer guten Familie, gut ausgebildeten Lehrern und einer angemessenen und sicheren Gemeinschaft besteht.
Ist Intelligenz genetisch bedingt? Intelligenz kann gefördert werden, dazu muss aber auch das schulische Umfeld stimmen.

Schlechte Erziehung und Neuroplastizität

Jetzt stellen sich natürlich folgende Fragen:

  • „Was passiert, wenn ich die Gene für hohe Intelligenz trage, aber eine schlechte Erziehung hatte?“
  • „Werde ich deswegen schlecht in der Uni abschneiden?“
  • „Heißt das, ich werde meinen IQ niemals verbessern können?“.

Jeder Psychologe hat eine psychologische Schlüsselfigur, die er bewundert. Nehmen wir zum Beispiel Kurt Lewin. Er ist der Vater der modernen Sozialpsychologie und schaffte Grundlagen für viele zukünftige Theorien und Studien.

Lewin hat uns gezeigt, dass Menschen Produkte ihrer Interaktionen und Erfahrungen sind. Wir sind geprägt durch unsere Einstellung und wie wir mit dem umgehen, was wir erlebt haben.

Zwillingsstudien und genetisch bedingte Intelligenz

Experten konnten durch sogenannte Zwillingsstudien viele Dinge untersuchen. Dazu beobachtete man Zwillinge, die bei der Geburt getrennt und in verschiedenen Umgebungen aufgewachsen waren.

Durch diese Studien haben Experten festgestellt, dass ungünstige Umgebungen mit begrenzten wirtschaftlichen Ressourcen die Entwicklung von Intelligenz erheblich beeinflussen.

Trotzdem können schlechte Bedingungen unser Potenzial nicht vollständig „ausschalten“. Wenn wir irgendwann die Gelegenheit haben, unsere alte Umgebung zu verlassen und in eine bessere einzutauchen, können wir möglicherweise „verlorene Zeit wieder gutmachen“.

Ist Intelligenz genetisch bedingt?

Lewin entdeckte, dass sich Zwillinge von den Ideen ihrer Adoptiveltern distanzierten, wenn sie in einem ungünstigen Umfeld aufwuchsen.

Sie konnten ihre genetische Prädisposition jedoch immer noch ausschöpfen. Die kognitive Leistungsfähigkeit des Zwillings verbesserte sich, wenn er eine Motivationsquelle oder ein Ziel fand, das seinen Interessen entsprach, sowie ein Umfeld, das das Erreichen der Ziele erleichterte.

Schließlich ist das Gehirn keine stabile und unveränderliche Einheit. Plastizität, Neugier und Willenskraft können wahre Wunder bewirken.