Was ist der Cinderella-Komplex?

30. Dezember 2015 en Psychologie 4 Geteilt

Der Cinderella-Komplex könnte den Namen jeder Märchenprinzessin haben. Er hat seinen Ursprung in der Kindheit und kann soziale Bindungen und auch die feste Beziehung mit einem Partner in der Zukunft beeinträchtigen. Wenn du Töchter hast, solltest du diesen Artikel, in dem ich dir etwas über eine langjährige Tradition, die du vielleicht auch ohne es zu wissen weiterführst, erzählen möchte, auf jeden Fall lesen.

Es ist ja nicht verkehrt, zu sagen, dass unsere Töchter die Prinzessinnen des Hauses sind, weil es ja nun einmal so ist. Doch wir sollten unsere Töchter nicht in dem Glauben erziehen, dass sie, so wie im Märchen von Aschenputtel, auf ihren Prinzen warten sollen.

Die Vorstellung, dass ein schöner Prinz in Ritterrüstung auf seinem Pferd daher geritten kommt, um seiner Prinzessin einen Kuss zu geben und sie somit aus dem Tiefschlaf zu erwecken (wie bei Dornröschen), oder um dem tristen Leben eines unglücklichen Hausmädchens ein Ende zu setzen (wie bei Aschenputtel), kann uns verzaubern – doch das wird niemals passieren.

Der Cinderella-Komplex, auch Aschenputtel-Syndrom genannt, wurde von der Forscherin Colette Dowling erforscht. Sie veröffentlichte ein Buch mit dem Titel Der Cinderella-Komplex: Die heimliche Angst der Frauen vor der Unabhängigkeit.  Zusammengefasst könnte man sagen, dass dieses Buch den unbewussten Wunsch von Frauen beschreibt, sich zu jeder Zeit beschützt und geborgen zu fühlen und dabei ihre eigenen Vorlieben und Beschäftigungen vergessen. Diese Verhaltensweise ist auf die Erziehung und auf sozialen bzw. religiösen Druck zurückzuführen. Dowling sagt, dass dieses Syndrom in Wahrheit auf der Angst vor Unabhängigkeit beruht.

Der Name, den diese Forscherin ihrer Studie gegeben hat, könnte nicht treffender sein. Jeder von uns kennt die Geschichte von Aschenputtel: ein junges Mädchen, das sich Tag ein Tag aus um ihre Stiefmutter und Stiefschwestern kümmert. Niemand denkt daran, sie auf den Ball des Prinzen mitzunehmen, bis sie eine gute Fee sie in eine Prinzessin verwandelt.

Nachdem sie ihren Kristallschuh verloren hat, sucht der junge Prinz jedes Haus ab, um die Besitzerin des gläsernen Schuhs zu finden. Dem Märchen nach soll eine Frau unschludig, schön und unterwürfig, gleichzeitig natürlich auch abhängig von ihrem Ehemann oder ihrem „Prinzen“ sein.

In dem Buch Aschenputtel  verwandelt die gute Fee die Hauptdarstellerinnen in eine Prinzessin, und somit konnte dieser Traummann sie auf dem Ball kennenlernen. Dowling zufolge kann eine Frau ihren Lebensweg nur ändern, wenn sie eine Beziehung mit einem Mann eingeht. Andernfalls wird sie auf ewig eine Sklavin oder Dienerin bleiben.

Cinderella

Viele Frauen werden jetzt sicherlich denken, dass dies ein Angriff auf die weibliche Existenz ist, weil auch Frauen bei all ihren Aktivitäten unabhängig sein wollen. Aber bei manchen Aufgaben sind sie der Meinung, dass es nicht schlecht wäre, wenn der Mann sie erledigen würde: Er bringt zum Beispiel das Geld nach Hause, während sie sich daheim um die Kinder und den Haushalt kümmert.

Wieso ist der Cinderella-Komplex etwas Negatives?

Erstens verhindert dieser Komplex oder diese Art des Denkens, dass eine Frau sich weiterentwickelt und ihre Fähigkeiten über Haushaltsarbeiten und die Erziehung der Kinder hinausgeht. Die Zeiten haben sich sehr geändert und heutzutage ist es das Ziel der Mehrheit der Frauen, nicht nur zu heiraten und eine Familie zu gründen, sondern sich auch beruflich zu verwirklichen.

Auch wenn eine Frau und ein Mann heiraten, so haben sie beide weiterhin das Recht, für ihre jeweiligen Ziele zu kämpfen und ihre Träume zu verwirklichen. Der Cinderella-Komplex besagt das Gegenteil, da dieser beinhaltet, dass die Frau zu Hause bleibt während sie von ihrem Mann „beschützt“ wird.

Sobald eine Frau sich von ihrem Lebensbegleiter abhängig macht, ist das für beide erstickend. Aus diesem Grund kann dieser Komplex einer „zu rettenden Prinzessin auf dem höchsten Turm der Burg“ zu einer wahren Belastungsprobe für die Ehe werden. Das Leben eines Ehepaares ist keine Märchengeschichte. Wenn also die Frau keine Selbstsicherheit verspürt und auch nicht ihre eigenen Entscheidungen trifft, gibt es für keinen der beiden Ehepartner ein Happy End.

Jeder von uns braucht an einem bestimmten Punkt des Lebens das Gefühl, beschützt zu sein und „gerettet zu werden“. Doch das sollte nicht die Regel, sondern die Ausnahme sein. Eine Umarmung, die uns vor einem schlechten Tag „rettet“, oder ein paar aufbauende Worte in einer schlimmen Situation sind die perfekte und angemessene „Rettung“.

Zweitens stellt der Cinderella-Komplex etwas Negatives dar, weil er Frauen nicht erlaubt, ihre persönlichen Ziele zu erreichen. Das hat nur zur Folge, dass sie sich in unglückliche, deprimierte, unterwürfige und frustriere Geschöpfe verwandeln.

Doch was passiert, wenn die „erwachsene Prinzessin“ allein bleibt?

Dieses Thema sollten wir nicht ungeachtet lassen. Man kann sagen, dass einer Ehefrau beispielsweise bei ihrer Scheidung klar wird, dass sie nicht über die benötigten Mittel verfügt, um weiterzumachen, im emotionalen und auch wirtschaftlichen Sinne. Dann wählt sie den nächsten Mann aus, mit dem sie dieses „Märchen“ fortsetzen kann und ein Teufelskreis beginnt.

Prinzessin

Wie können wir den Cinderella-Komplex innerhalb unserer Familie vermeiden?

Wenn du bereits Mutter oder Vater von Töchtern bist, solltest du ihnen die Macht des beruflichen Werdegangs ans Herz legen. Bring ihnen bei, dass es wichtig ist, über gewisse Kenntnisse und Arbeitserfahrung zu verfügen, bevor man heiratet und Kinder in die Welt setzt.

Auch wenn du Söhne hast, solltest du ihnen zeigen, dass Hausarbeiten nicht nur Sache der Frau sind und sie dabei helfen sollen. Genau so sollten sich Mädchen nicht nur typischen „Frauen bestimmten Aufgaben“ widmen, wie es ihnen unsere Gesellschaft vorschreibt.

Ziehe Töchter und Söhne groß, die dazu in der Lage sind, ihre Ziele zu erreichen und ihre Träume zu verwirklichen, damit sie in der Zukunft eine glückliche und ausgeglichene Beziehung führen können. Du sollst nicht damit aufhören,  deine Kinder wie Prinzessinnen oder Prinzen zu behandeln, doch sie sollten wissen, wie die Realität aussieht.

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