Instagram – die Plattform für Selbstdarstellung und Narzissmus?

Die Art und Weise, wie wir mit Instagram oder anderen sozialen Netzwerken interagieren, ist nicht zufällig. Zahlreiche Studien zeigen Zusammenhänge zwischen Selfies, retuschierten Fotos, dem Bedürfnis nach Likes und psychologischen Zuständen und Persönlichkeitsmerkmalen auf.
Instagram – die Plattform für Selbstdarstellung und Narzissmus?
Loreto Martín Moya

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Loreto Martín Moya.

Letzte Aktualisierung: 24. September 2022

Instagram zählt täglich 500 Millionen aktive Nutzer. Deutschland befindet sich im Ländervergleich der Gesamtnutzer mit knapp 30 Millionen auf Platz 10. Überraschend ist vielleicht, dass die Plattform bei Männern zwischen 25 und 34 Jahren besonders beliebt ist. Doch warum werden soziale Netzwerke so gern benutzt?

Das Hochladen eines Fotos verbirgt Wünsche, Ambitionen und Persönlichkeitsmerkmale, die nichts mit der eigentlichen Funktion eines sozialen Netzwerkes zu tun haben: Kontakte zu schließen und sich auszutauschen. Instagram ist eine Plattform zu Selbstdarstellung, auf der sich die psychische Gesundheit der Gesellschaft spiegelt. Die Art der Nutzung dieser und anderer sozialer Plattformen ist dabei ausschlaggebend: Sie verrät viel über die Psyche eines einzelnen Nutzers.

In diesem Artikel analysieren wir verschiedene Studien, die das Verhalten auf Instagram untersucht haben. Jede kleine Geste – wie ein Like oder Kommentar – ist bereits aussagekräftig. Erfahre heute mehr darüber.

Instagram, Persönlichkeit und Fotos

Erinnern wir uns kurz an die 5 wichtigsten Persönlichkeitsmerkmale (Big Five), die von Autoren wie Goldberg oder Digman (1990) definiert wurden:

  1. Offenheit für Erfahrungen (Aufgeschlossenheit)
  2. Neurotizismus (emotionale Verletzlichkeit und Unstabilität)
  3. Extraversion (Geselligkeit)
  4. Verträglichkeit (Rücksichtnahme, Empathie, Kooperationsbereitschaft)
  5. Gewissenhaftigkeit (Perfektionismus)

Diese Persönlichkeitsmerkmale können uns helfen, bestimmte Verhaltensmuster zu verstehen. Sie definieren eine Person jedoch nicht als Ganzes. Trotzdem können sie bestimmte psychologische oder physische Zustände vorhersagen (großer Neurotizismus erhöht beispielsweise die Gefahr für einen Herzinfarkt).

Ferwerda, Schedl und Tkalcic (2016) finden einen Zusammenhang zwischen der Wahl des Fotos, das auf soziale Netzwerke hochgeladen wird, und bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen. Sie stellen zum Beispiel fest, dass Menschen mit mehr Offenheit für Erfahrungen Fotos verwenden, auf denen kühle, gesättigte Farben vorherrschen und auf denen meist nur wenige Gesichter zu sehen sind. Gewissenhafte Personen laden vorwiegend Fotos mit ungesättigten Farben hoch und Menschen mit Neurotizismus lieben sehr helle Bilder. Diese Studie zeigt, wie sich die unterschiedlichen Persönlichkeitsprofile anhand der Fotos, die sie auf Instagram teilen, äußern.

Was soziale Netzwerke über die psychischen Zustände der Nutzer verraten

Forscher verwenden soziale Netzwerke, um die psychischen Zustände der Nutzer zu analysieren. Dies könnte in der Prävention und Früherkennung von psychischen Problemen helfen. Reece und Danforth (2017) haben beispielsweise versucht, anhand von Instagram mögliche depressive Störungen zu erkennen. Tatsächlich haben sie Korrelationen gefunden, die auf Folgendes hinweisen: Erhöhte Farbtöne in Kombination mit geringerer Helligkeit und Sättigung der Fotos könnten auf das Vorhandensein oder auf eine zukünftige depressive Störung hinweisen. Die Wissenschaftler stellten auch fest, dass depressive Menschen seltener Filter verwenden. Und tun sie es doch, handelt es sich oft um einen Filter, der Farbfotos in Schwarz-Weiß-Fotos verwandelt.

Interessant ist außerdem, dass Beiträge depressiver Menschen besonders viele “Likes” erhalten. Sie laden häufiger Fotos mit Gesichtern hoch, wobei die Anzahl der Gesichter pro Foto geringer ist. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass sie weniger soziale Kontakte pflegen – eine Folge der Depression. Das Forscherteam geht außerdem davon aus, dass die Heterogenität der Gesichter deshalb gering ist, da depressive Menschen Selfies bevorzugen. Die wichtigste Schlussfolgerung dieser Studie ist jedoch, dass bestimmte depressive Anzeichen bereits vor der Diagnose einer Depression erkannt werden können (Reece und Danforth, 2017).

Selbstdarstellung und Likes

Instagram und andere soziale Netzwerke spielen in unserer modernen Gesellschaft eine bedeutende Rolle: Sie beeinflussen die Beziehung zum Umfeld und auch die Selbstwahrnehmung. Das eigentliche Ziel ist, Kontakte zu knüpfen und sich auszutauschen. Doch in Wahrheit steht die Selbstdarstellung in vielen Fällen im Vordergrund. Instagram hat große Macht über das Selbstwertgefühl und die psychische Gesundheit, die es stärken oder zerstören kann.

In einer von Dumas, Maxwell, Davis und Giulietti (2017) durchgeführten Studie gaben 90 % der Teilnehmenden zu, Instagram zu nutzen, um “Likes” zu erhalten, was sie als “like-seeking behaviour” bezeichnen. Diese Autoren unterschieden zwischen zwei Arten von “like-seeking”:

  • Normative Strategien: Filter, Hashtags und andere Strategien kommen für Likes zum Einsatz. Das wird im Allgemeinen akzeptiert, denn der Wunsch, Likes zu bekommen, ist verständlich.
  • Nicht-normative Strategien: In diesem Fall verwenden Nutzer manipulierende Hilfsmittel für Likes, unter anderem retuschierte Fotos. Bis zu 55 % der Teilnehmenden verwendeten solche Methoden. Die Forscher stellten fest, dass Personen, die die nicht-normativen Strategien nutzen, eher Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl haben und unzufriedener sind. Sie haben später oft Schwierigkeiten, den Sinn und Zweck ihres Lebens zu finden.

Instagram, ein Indikator für Narzissmus?

Zahlreiche Studien haben versucht, einen Zusammenhang zwischen Narzissmus und Instagram zu finden. Menschen mit einem hohen Maß an Narzissmus sind in der Regel viel aktiver in sozialen Netzwerken und nutzen sie häufiger und intensiver zur Selbstdarstellung (Dumas, et al., 2017).

Narzisstische Menschen haben ein aufgeblasenes Selbstkonzept und streben nach Macht und Kontrolle. Sie neigen dazu, Likes zu verteilen, um selbst mehr Anerkennung zu erhalten. Narzissten bevorzugen Selfies, denn damit können sie ihre Grandiosität zur Schau stellen. Sie kontrollieren ihre Selbstdarstellung und manipulieren die Wahrnehmung anderer: Je größer der Narzissmus, desto mehr Zeit investieren sie in die Bearbeitung eines Fotos (Sheldon und Bryant, 2016).

Forscher konnten außerdem feststellen, dass grandiose Narzissten, die dominant und extrovertiert sind, auf Instagram besonders gerne ihren Körper zur Schau stellen. Verletzliche Narzissten, die neurotisch und unsicher sind, bitten dagegen häufiger um Follower und neue Freundschaften. In diesem Sinne fanden Paramboukis, Skues und Wise (2016 ) heraus, dass Menschen mit einem hohen Grad an verletzlichem Narzissmus Instagram nutzen, um ihre Popularität zu steigern, während der grandiose Narzisst Aufmerksamkeit sucht, um Bewunderung zu erhalten.

Instagram als Diagnosewerkzeug

Die vorgestellten Studien zeigen, was unser Verhalten auf Instagram alles verraten kann. Es handelt sich nicht nur um ein soziologisches Phänomen, sondern auch um ein Instrument zur unterstützenden Erkennung und Prävention psychologischer Störungen. Wäre es möglich, kausale Zusammenhänge herzustellen, könnten auch Kriterien zur Erkennung von Depressionen oder Essstörungen festgelegt werden, um eine frühzeitige Diagnose zu erhalten.

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  • Paramboukis, Olga & Skues, Jason & Wise, Lisa. (2016). An Exploratory Study of the Relationships between Narcissism, Self-Esteem and Instagram Use. Social Networking. 05. 82-92. 10.4236/sn.2016.52009.
  • Pavica Sheldon, Katherine Bryant (2016). Instagram: Motives for its use and relationship to narcissism and contextual age. Computers in Human Behavior, Volume 58, Pages 89-97.
  • Tara M. Dumas, Matthew Maxwell-Smith, Jordan P. Davis, Paul A. Giulietti (2017). Lying or longing for likes? Narcissism, peer belonging, loneliness and normative versus deceptive like-seeking on Instagram in emerging adulthood. Computers in Human Behavior, Volume 71, Pages 1-10.
  • Bruce Ferwerda, Markus Schedl, and Marko Tkalcic. 2016. Using Instagram Picture Features to Predict Users’ Personality. In Proceedings, Part I, of the 22nd International Conference on MultiMedia Modeling – Volume 9516 (MMM 2016). Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, 850–861.
  • Reece, A.G., Danforth, C.M. Instagram photos reveal predictive markers of depression. EPJ Data Sci. 6, 15 (2017). https://doi.org/10.1140/epjds/s13688-017-0110-z

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