Ich habe so viele Tränen vergossen, dass Wale darin schwimmen können

22. Oktober 2016 en Emotionen 367 Geteilt

Weinen ist eine unbewusste Handlung, die nicht wirklich stattfinden muss, um gespürt zu werden. Tränen sind die physische Darstellung vom Weinen, aber Weinen kann auch im Inneren passieren. Es gibt kein anderes Bild dafür, außer den Knoten, den du in deinem Körper fühlst, wenn es passiert. Beide Arten von Weinen beinhalten eine Art von Leid und eine davon kann dich ertränken.

Inneres Weinen ist normalerweise die Art, die ein bisschen echter ist. Du weißt nicht genau, wie dir das passiert ist, aber du fühlst dich von Gedanken und Gefühlen, denen du nicht entkommen kannst, eingesperrt. Manchmal kannst du nicht sehen, wo du aufhörst und wo deine Gedanken und Gefühle beginnen.

Echter Schmerz ist unbeschreiblich. Wenn du darüber sprechen kannst, was dir wehtut, dann hast du Glück, das heißt, es ist nicht so wichtig. Denn wenn der Schmerz dich schonungslos befällt, dann ist das erste, was dir abhanden kommt, deine Worte. Ich spreche über einen Schmerz, der so groß ist, dass er nicht aus dir zu kommen scheint. Ein Schmerz, der so ist, als ob du in ihn getaucht worden wärst.

Rosa Montero

Der Wert von Tränen

Du selbst hast schon mal Schmerz gespürt und du weißt, wie es sich anfühlt, wenn etwas deine Seele zerbrochen hat. Tage fühlen sich wie Monate an und Monate scheinen Jahre zu sein. Das Verlangen danach, noch einen weiteren Tag zu leben, wird nur durch seine Abwesenheit deutlich. Die Nacht ist still, während du dir beim Schreien zuhörst…

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Die Moral von all dieser Qual kann im Wert von Tränen gefunden werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dich deine Tränen einem anderen Menschen näher gebracht haben als dein Lächeln. Es ist auch sehr wahrscheinlich, dass es dir leichter gefallen ist, eine andere Person, und auch dich selbst, kennenzulernen, als du ihren Schmerz gesehen hast.

Ich kenne diese Tränen, die nicht die Wangen herunterlaufen, sondern eher von den Augen verzehrt werden. Ich kenne diesen Schmerz, diese Art von schmerzhaftem Glück, diese Art zu sein oder nicht zu sein, zu haben oder nicht zu haben, zu wollen und nicht dazu fähig zu sein.

José Saramago

Du kannst dich wahrscheinlich mit der Idee vom Sein oder Nichtsein identifizieren, mit dem Wollen, aber nicht dazu fähig zu sein. Also schließe dich mit den Menschen zusammen, die sich dir öffnen und dir zeigen, dass sie sich so fühlen, wie auch du dich vielleicht einmal gefühlt hast: Die Tränen bringen uns zu der Wahrheit zurück, dass wir Menschen sind, die auf verschiedene Art und Weise fühlen, aber schlussendlich die gleichen Emotionen haben.

Du kannst es schaffen, du kannst aus dem Schiffswrack entkommen

Lorca zufolge wurden wir genauso wie jeder Knochen, der bricht, und jede Frucht, die reift, weinend geboren und wir haben nach Luft geschnappt, damit sie uns den Schmerz nimmt, den wir fühlen.  Und deshalb weiß ich, dass du es schaffen kannst. Stück für Stück wird dieser Knoten Platz für andere Dinge machen, von denen du lernen und die du überwinden musst.

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Der Knoten wird sich lösen und der Schmerz wird eine bleibende Narbe hinterlassen, die dich dein Leben hindurch begleiten wird. Aber eines Tages wird es nicht mehr sein als das, was es mal war und nicht mehr ist. Du wirst den Schiffsbruch überlebt haben und dann wird dir die Wahrheit dieser Worte von Paula Bonet klar werden: „Manchmal weinen wir genug Tränen, dass Wale darin schwimmen könnten.“ – Aber du kannst dich nicht hängen lassen.

Du wirst nicht ertrinken, auch dann nicht, wenn dir das Wasser bis zum Hals steht. Vielleicht erinnerst du dich sogar daran, dass es immer Feuer gibt, denn es muss etwas geben, um gegen die Kälte anzukämpfen. Bring all die Mühe auf, die du kannst, und du wirst Menschen finden, die dem Feuer Wärme zugeben können, wenn du es brauchst. Wahrscheinlich musst du dich nicht mal so sehr anstrengen, denn du lernst, dass deine wahren Freunde kommen werden, wenn du sie am meisten brauchst, ohne dass du sie fragen musst.

Gib nicht auf, du hast immer noch Zeit, es zu schaffen und von Neuem zu beginnen. Akzeptiere deine Schatten, vergrabe deine Ängste, befreie dich von deiner Last und beginne, wieder zu fliegen.
Gib nicht auf, denn das ist das Leben, geh weiter auf die Reise, folge deinen Träumen, nutze die Zeit, renne durch die Ruinen und entdecke den Himmel.

Mario Benedetti: „Gib nicht auf“

Gib nicht auf. Weine, aber gib nicht auf. Die Welt braucht Menschen wie dich, die wieder aufstehen, wenn sie fallen. Menschen, die gelernt haben, wie es ist, am Boden zu liegen, und die anderen Leuten sagen können, wie sie wieder aufstehen können. Die Welt braucht Menschen wie dich, die weinen und ihre Tränen auch verstehen können.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung  von Amanda Cass

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