Hikikomori: Syndrom des sozialen Rückzugs

· 5. April 2019

In den letzten Jahren ist die Prävalenz des sozialen Rückzugssyndroms alarmierend angestiegen. Dieses Phänomen kennzeichnet sich durch die freiwillige Distanzierung von der Gesellschaft und eine bewusst herbeigeführte Einsamkeit. Die von diesem Zustand betroffenen Menschen nehmen ihre Außenwelt als feindselig, ihnen gegenüber aggressiv gesinnt und gewalttätig wahr. Deshalb suchen sie nach dieser „Einzelhaft“, der möglichst vollständigen Isolation von der Gesellschaft.

Dieses Syndrom wurde auch unter dem Namen „Hikikomori“ bekannt, was auf Japanisch etwa „eingrenzen“ bedeutet. Dieser Begriff wurde im Jahr 2000 vom japanischen Psychiater Tamaki Saito geprägt. Der Arzt definierte das Syndrom als neue Krankheit der Gesellschaft, die auf einer absichtlichen Isolation der eigenen Person basiert und über mindestens 6 Monate anhält. Es wurde angenommen, dass dieser gesellschaftliche Rückzug vor allem junge Erwachsene betrifft, die keinerlei soziale Interaktion, Bildungsaktivitäten oder Arbeitsverpflichtungen haben, aber neuere Untersuchungen zeigen, dass auch ältere Menschen nicht verschont bleiben.

Der soziale Rückzug

Menschen, die an einem solchen Syndrom des gesellschaftlichen Rückzugs leiden, neigen dazu, jeglichen Kontakt mit der Außenwelt zu vermeiden. Ihre Angst, ihre Komfortzone zu verlassen, erreicht extreme Ausmaße. Zu diesem Zweck isoliert der Betroffene sich völlig. Er sperrt sich für längere Zeit in seinen eigenen vier Wänden ein. Der Hauptgrund für das Nichtausgehen ist, dass er allein sein will.

Diese Leute schalten nach und nach die Kommunikationskanäle zu anderen Menschen ab, bis sie sich in ihren kleinen Räumen schließlich sicher fühlen. Zunächst schließen sie sich nur für einige Tage in ihren Zimmern ein. Dann über Wochen, Monate, sogar Jahre. Sie verbringen ihre Tage damit, zu schlafen, fernzusehen oder sich in virtuelle Welten zu vertiefen.

Hikikomori - Jugendlicher mit Kopfhörern schaut auf Bildschirm

In den meisten Fällen ist ihr Freundeskreis sehr klein oder überhaupt nicht vorhanden. Die Hikikomori haben nur noch über elektronische Geräte Kontakt zur Außenwelt. Einige Patienten, die sehr schwer betroffen sind, betreiben nicht einmal mehr eine Form der Online-Interaktion.

Veränderungen in zirkadianen Rhythmen

Das soziale Rückzugssyndrom verursacht vorübergehende Schwankungen in biologischen Parametern. Beispielsweise mögen diese Leute tagsüber schlafen und nachts Videospiele spielen. Wenn es um die Nahrungsaufnahme geht, essen Menschen mit diesem Syndrom häufig zu den undenkbarsten Zeiten. Sie essen im Übermaß und kümmern sich nicht um den Nährwert von Lebensmitteln. Häufig nehmen sie Fast Food zu sich oder leben von Fertigessen.

Aus dem gleichen Grund kümmern sie sich nicht um ihre Hygiene. Normalerweise ist ihr Zuhause vermüllt. Dieser Zustand ist auf ihre Weigerung zurückzuführen, auf die Straße zu gehen oder auch nur ihr Zimmer zu verlassen. Sie verlassen ihre vier Wände nicht einmal, um die ganzen Abfälle hinauszubringen, die sich im Laufe der Zeit ansammeln.

Die Rolle der Eltern

„Shinguru“ ist ein japanischer Begriff, der auf Deutsch ungefähr mit „parasitierendem Single“ übersetzt werden könnt. Er bezieht sich auf Erwachsene, die bei ihren Eltern, unter deren Fürsorge und Vormundschaft leben. Im Deutschen würde man möglicherweise Stubenhocker, Nesthocker oder Muttersöhnchen sagen. Diese Menschen möchten ein angenehmes Leben führen, das sie jedoch allein nicht realisieren können.

Betroffene haben keine authentische Beziehung zu ihren Familienmitgliedern. Manchmal mögen sie ihre Eltern sogar erschrecken und sich aggressiv verhalten. Andere scheinen von einer Traurigkeit verzehrt zu werden, die sich im Laufe der Zeit in Angstzustände und Depressionen verwandelt. In einigen Fällen führen diese Lebensweise und tiefe Unzufriedenheit dazu, dass die Patienten Selbstmord begehen.

Subtypen des Syndroms vom gesellschaftlichen Rückzug

Alle Subtypen des sozialen Rückzugssyndroms sind durch freiwillige Isolation gekennzeichnet. Aber jene Menschen, die an diesem Syndrom leiden, schließen sich nicht alle auf die gleiche Art und Weise von der Gesellschaft aus. Experten haben vier Arten von Hikikomori identifiziert:

  • Pre-Hikikomori: Diese Leute gehen aus, um Kurse am College oder an der Universität zu besuchen. Sie versuchen jedoch, jede andere Art sozialer Interaktion so weit wie möglich zu vermeiden.
  • Sozialer Hikikomori: Diese Patienten weigern sich, zu arbeiten oder zu studieren, aber sie pflegen einige soziale Beziehungen. Dies sind meist Online-Beziehungen.
  • Tachisukumi-gata: Dieser Typ zeigt eine ausgeprägte soziale Phobie. Wenn Betroffene sich der Außenwelt stellen, lähmt sie ihre Angst.
  • Netogehaijin: Wörtlich bedeutet das „Computerzombie“. Diese Menschen sind völlig isoliert und verbringen ihre ganze Zeit am Computer und in virtuellen Umgebungen.

Figur, die soziales Rückzugssyndrom darstellt

Einige Hypothesen, die das Hikikomori-Phänomen erklären könnten

Derzeit kennen wir die Ursachen noch nicht, die diese psychologische Veränderung erklären könnten. Einige Theoretiker glauben jedoch, dass die Technologie selbst dazu führe, dass die betroffenen Menschen den Kontakt zur Realität verlieren. Andere wiederum meinen, dass dies das Produkt eines übermäßigen familiären Drucks sei. Wenn dies der Fall ist, unterbrechen die Erwartungen der Eltern hinsichtlich der Zukunft ihrer Kinder zuerst die Kommunikation mit ihnen. Nach und nach überträgt sich dieses Verhalten dann auch auf andere Menschen. Einige Wissenschaftler erwähnen zudem sozioökonomische oder einfach wirtschaftliche Faktoren, wenn sie von der Entwicklung der Hikikomori sprechen.

Dieses Syndrom wurde erstmals in Japan beschrieben. Man glaubte zunächst, es sei ausschließlich der individualistischen und wettbewerbsfähigen japanischen Gesellschaft geschuldet. Zwar sind in diesem Land Millionen von Menschen betroffen, doch in den letzten Jahren haben Fälle dieses Syndroms oder ähnlicher Probleme auch in Ländern wie Spanien, Italien, USA, Oman und Indien zugenommen.