Frustessen – oder wenn Essen die Leere füllt

· 6. November 2017

Massen von Süßigkeiten nach der Trennung, in angespannten Momenten Fast Food verschlingen, mehr essen, als unserem Körper guttut – das ist das sogenannte Frustessen, eine Angewohnheit, die wir mit diesen Beispielen und vielen weiteren alltäglichen Beispielen beschreiben können. Zwar gilt das Frustessen im engeren Sinne nicht als Essstörung, aber es kann dennoch krankhaft sein und vor allem krank machen.

Wir glauben, Schokolade und Sahne verabscheuen zu müssen, überzeugt davon, dass wir Harmonie in unser Leben brächten, wenn wir es schaffen könnten, unseren Heißhunger zu kontrollieren. Ab und zu dem Heißhunger nachzugeben macht uns aber sicher nicht zu einem essgestörten Menschen. Problematisch wird es, wenn es beim Essen darum geht, Gefühle zu unterdrücken: Denn in vielen Fällen des kompulsiven Essverhaltens gleicht das Essen einer Rauchwand, die uns das wahre Problem nicht sehen lässt, nämlich den Verlust der Kontrolle über unsere Emotionen wegen des Bedürfnisse, unsere seelischen Leeren füllen zu wollen.

Mädchen mit riesiger Eistüte

Der Zusammenhang zwischen fehlender Liebe und Essen

Essen kann zu einem Ersatz für Aufmerksamkeit und Zuwendung werden. Wie oft haben wir unseren Frust schon gestillt, indem wir eine Unmenge an Süßigkeiten oder Schokoladeneis gegessen haben? Der Zwang, der uns leitet, wenn wir essen, ist oft der Ausdruck emotionaler Verzweiflung.

Diäten funktionieren nicht, weil das Essen und das Gewicht Symptome sind und nicht das Problem. Wir könnten sagen, dass, wenn wir uns auf das Gewicht konzentrieren, wir uns dann nicht mit den Gründen auseinandersetzen müssen, warum wir so viel essen. Das wird natürlich von unserer Gesellschaft verstärkt, die ihren Fokus auf die übermäßigen Kilos und die konsumierten Kalorien setzt und nicht auf den Menschen, der in dieser Haut steckt.

Außerdem scheint es so, als könnten wir eine emotionale Befreiung erreichen, wenn wir Gewicht verlieren und deswegen eine schönere Figur erreichen. Geneen Roth, Bestseller-Autorin und Spezialistin auf diesem Gebiet, betont nachdrücklich, dass Übergewicht an sich ein Symptom sei, und auch wenn es uns gelingen sollte, das zu ändern, würden wir uns weiterhin unglücklich fühlen (was große Gewichtsschwankungen nach sich ziehe), wenn wir uns nicht auf die wirklichen Gründe konzentrierten.

Das habe ich selbst schon erlebt:

Jemand besuchte eines meiner Seminare, nachdem er während einer Diät 34 kg abgenommen hatte. Er stellte sich vor 150 Menschen und sagte mit zitternder Stimme:

„Ich fühle mich, als wäre ich ausgeraubt worden. Mir wurde der schönste meiner Träume genommen. Ich glaubte wirklich, dass sich mein Leben verändern würde, wenn ich abnehmen könnte. Aber was sich an mir verändert hat, war nur mein Äußeres. Mein Inneres ist immer noch das Gleiche. Meine Mutter ist noch immer tot und es bleibt auch weiterhin eine Tatsache, dass mich mein Vater schlug, als ich klein war. Ich bin immer noch wütend und fühle mich allein, und jetzt habe ich nicht mehr den Traum, abzunehmen.“

Mädchen mit Lebkuchen

Der Teufelskreis des Frustessens

In gewisser Weise maskiert die Sorge über unseren Körper unsere größten Sorgen und nährt diesen Teufelskreis der Probleme, die sich nicht lösen lassen und die unsere Fähigkeit, zu wachsen und uns weiterzuentwickeln, bremsen.

Für manche Autoren ist das wirkliche Problem von Übergewicht und Frustessen, dass das Essen die Liebe ersetzen soll. So sagt das auch Geneen Roth: „Wenn wir das misshandelte innere Kind, das in einem sich allein fühlenden Erwachsenen wohnt, nicht länger füttern, können wir die Liebe nähren und der Intimität Platz machen. Auf diese Weise lösen wir uns vom Schmerz des vergangenen Lebens und begeben uns in die Gegenwart. Nur wenn wir Platz für Intimität und Zuneigung schaffen, lernen wir, Essen zu genießen und benutzen es nicht länger als Ersatz.“

In bestimmten Momenten glauben wir, dass uns das Essen vor uns selbst schützt, vor dem Hass, den wir empfinden, der Angst davor, zu sein, wer wir sind, und vor dem, was all das bei uns hervorruft, was ist und was wir nicht wollen, das ist. Das sind sehr starke Gedanken, die den Teufelskreis, in dem wir gefangen sind, noch enger machen.

Wenn wir auf eine unausgewogene Weise essen, geben wir nicht auf uns und unsere Gegenwart acht. Doch wie wir bereits gesagt haben, wenn wir übermäßig viel essen und folglich zunehmen, ist das oftmals nur ein Symptom. Immer wenn wir kompulsiv essen, verstärken wir den Glaubenssatz, dass wir ausschließlich dann haben könnten, was wir wollen, wenn wir essen. Aber das ist ein Trugschluss.

Mädchen sitzt im Käfig

Jedes Mal wenn wir aus Frust, wegen eines emotionalen Ungleichgewichts essen, vergrößern wir deshalb nur diese Verzweiflung, die im Zusammenhang mit unserem Problem steht und einen noch größeren Kontrollverlust erzeugt. Ein Teufelskreis auf ganzer Linie, der sich unaufhörlich selbst nährt, da uns das Bedürfnis, zu essen, immer lauter dazu auffordert, das eigentliche Problem zu überdecken.

Frustessen, übermäßiger Verzehr von Lebensmitteln oder eine unausgewogene Ernährung sind in vielen Fällen unsere Stützpfeiler. Das bedeutet, dass wir Essen als die vier Wände unseres Hauses benutzen, damit es nicht einstürzt.

Gewichtsschwankungen zu haben oder ständig auf Diät zu sein, ist wie eine nicht enden wollende emotionale Achterbahnfahrt. Wer Essen dazu benutzt, um zu flüchten, verliert sich durch das Chaos, die emotionale Intensität und Dramatik in diesem Essverhalten. Denn, wie wir an anderer Stelle gesagt haben, ist Frustessen immer ein Ausdruck von Leid.