Harald Schultz-Hencke: Dissidenter Psychoanalytiker

21. Juni 2019
Das Markanteste an Harald Schultz-Henckes Leben war seine Tendenz, den Machthabern zu dienen. Er half dabei, eine Art Psychotherapie für den Nationalsozialismus zu entwickeln, die später auch den Rahmen für ein stalinistisches Modell liefern sollte. 

Harald Schultz-Hencke war ein deutscher Psychiater und Psychotherapeut, der am 18. August 1892 in Berlin geboren wurde. Obwohl es nicht viele Informationen über seine Kindheit gibt, wissen wir, dass seine Mutter Grafologin und sein Vater Chemiker war. Seine Familie war gut situiert und Schultz-Henckes frühe Jahre waren, soweit wir wissen, angenehm und ereignislos.

Wir wissen auch, dass Harald Schultz-Hencke in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs gekämpft hatte, was für ihn eine traumatische Erfahrung war. Nach dem Krieg kehrte er in seine Heimatstadt zurück, um Medizin zu studieren. Während seines Studiums interessierte er sich sehr für die Arbeit von Sigmund Freud.

Heute werden wir uns mit dem Leben und Werk dieses kontroversen und mysteriösen deutschen Psychoanalytikers befassen.

„Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, ein erfolgreicher Mensch zu sein, sondern ein wertvoller.“

Albert Einstein

Harald Schultz-Henckes Einführung in die Psychoanalyse

Eine psychoanalytische Sitzung mit Sándor Radó gab den ausschlaggebenden Impuls für Schultz-Hencke, seine Karriere auf die Psychotherapie auszurichten. Dabei war er von Anfang kritisch gegenüber Freuds Theorie in Bezug auf Sexualität und dem Unbewussten.

Infolgedessen wurde Schultz-Hencke aus der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft ausgeschlossen. Danach begann er sich mit Alfred Adlers Werken zu beschäftigen und identifizierte sich als Sozialist.

Aufgrund seiner Meinungsverschiedenheiten mit Freud entwickelte er einen eigenen Ansatz der Psychoanalyse. Schultz-Henckes Ziel war es, eine neue Schule für Psychoanalyse zu gründen, allerdings hatte er für seine Ausrichtung noch keinen bestimmten Namen.

Harald Schultz-Hencke. Vögel, die einen menschlichen Kopf darstellen, während sie auf einer Oberleitung sitzen.

1926 gründete er die Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie (AAGP), eine Vereinigung von unorthodoxen Psychiatern und Psychoanalytikern, die seine neue Theorie unterstützten.

Harald Schultz-Hencke und der Nationalsozialismus

Schon bald danach sollte Schultz-Hencke einer der Hauptakteure in der sogenannten „Nazifizierung“ der deutschen Psychoanalyse werden.

Während des Aufstiegs der NSDAP wurde Schultz-Hencke ein enger Kollege des Pychotherapeuts und nationalsozialistischen Funktionärs Matthias Heinrich Göring. Zusammen mit anderen Psychoanalytikern gründeten Schultz-Hencke und Göring das berühmte Berliner Psychoanalytische Institut, später auch als Göring-Institut bekannt.

Schultz-Hencke trat auch dem Deutschen Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie bei, das 1936 gegründet wurde. Das Hauptziel dieser Gesellschaft war es, über eine besondere Art der Psychotherapie zu unterrichten, die auf den ideologischen Vorstellungen des Nationalsozialismus aufbaute.

Einige seiner Zeitgenossen kritisierten Schultze-Hencke scharf, denn sie sahen ihn als Opportunisten und Schwächling, der es nicht wagte, die Diktatur zu kritisieren. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Freuds Bücher verbrannt und jüdische Psychoanalytiker systematisch ausgeschlossen und verfolgt wurden.

Neopsychoanalyse

Historiker betrachten Harald Schultz-Hencke, Felix Böhm, Carl Müller-Braunschweig und Werner Kemper als die Wegbereiter der von den Nationalsozialisten propagierten „neuen deutschen Seelenmedizin“. 

Viele Menschen glauben, dass Schultz-Hencke mehr mitmachte, um dem Regime zu schmeicheln und Karriere zu machen, und weniger aus persönlicher Überzeugung. Davon abgesehen formte und entwickelte er seine Ideen weiter. Seine Theorie und Methoden nannte er „Neopsychoanalyse“, im Englischen auch als „Neo-Freudianismus“ bekannt.

Harald Schultz-Henckes Ziel war es, eine Synthese zwischen klassischer Psychoanalyse, Marxismus und pawlowschen Prinzipien zu finden. Als Deutschland kapitulierte, organisierte Schultz-Hencke ein Treffen von Psychiatern im sowjetisch besetzten Ostberlin.

Während des Treffens stellte er erstmals seine Ideen zur Neopsychoanalyse vor. Er argumentierte, dass seine neue Denkschule sich mit allen Widersprüchen der klassischen Psychoanalyse befassen würde und dabei auch gleichzeitig das Beste der kommunistischen Prinzipien mit einbeziehen wolle.

Harald Schultz-Hencke. Ein Gemälde, das mehrere Männerköpfe zeigt.

Eine umstrittene Rolle

Schultz-Hencke begann nun eine intensive Zusammenarbeit mit den Sowjets, ganz so wie er mit dem NS-Regime eng zusammengearbeitet hatte. Er arbeitete am Aufbau der Demokratischen Republik Deutschland mit und war während der Ära Stalins auch stark an der Verfolgung der Freudschen Ideen beteiligt.

Ebenfalls scheint er auch sehr an den Ideen von Pawlow interessiert gewesen zu sein.

Die Psychoanalytiker der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) standen Schultz-Hencke sehr kritisch gegenüber. Weniger war aber für sie Schultz-Henckes offensichtlicher Opportunismus ein Problem, als die wissenschaftlichen Grundlagen seiner Ideen.

Sie waren nicht damit einverstanden, dass der Berliner Psychoanalytiker den Begriff „Psychoanalyse“ für eine Theorie verwendete, die sehr weit von den IPA-Prinzipien abwich.

Trotz der Kritik spielte Harald Schultz-Hencke eine wichtige Rolle im kommunistischen Deutschland. Er schrieb sogar ein bekanntes Buch mit dem Titel Der gehemmte Mensch.

Schultz-Hencke starb am 23. Mai 1953 in Ostberlin. Während seine Ideen in der sozialistischen Welt von Bedeutung waren, wurde ihm und seiner Arbeit nach dem Fall der Berliner Mauer kaum noch Aufmerksamkeit geschenkt.

  • Schultz-Hencke, H. (1951). Sobre el desarrollo y el futuro de los conceptos psicoanalíticos. Revista de psicoanálisis, 8(2), 283-284.