Gemischte Gefühle: Widersprüchlichkeit gehört zur Normalität

Gemischte Gefühle haben mit der emotionalen und affektiven Ambivalenz zu tun, die wir gegenüber bestimmten Situationen oder Menschen empfinden.
Gemischte Gefühle: Widersprüchlichkeit gehört zur Normalität
Laura Ruiz Mitjana

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Laura Ruiz Mitjana.

Letzte Aktualisierung: 02. Dezember 2022

Der englische Anwalt George Carman drückte es kurz und bildhaft aus: “Gemischte Gefühle sind wie gemischte Getränke eine Verwirrung für die Seele.” Ambivalenz und Widersprüchlichkeit gehören zum emotionalen Spektrum der Normalität. Wir alle wissen, dass Liebe und Hass oft Hand in Hand gehen: Wir erleben immer wieder gegensätzliche Gefühle bestimmten Personen gegenüber oder den Zweifel zwischen Angst und Begierde.

Wie können wir diesen gemischten Gefühlen entkommen, um Klarheit zu finden und unser Handeln darauf auszurichten?

Frau hat gemischte Gefühle

Gemischte Gefühle

Wir sprechen von gemischten Gefühlen, wenn wir gleichzeitig Gefühle gegensätzlicher Valenz empfinden. Ein klassisches Beispiel: Du liebst und hasst einen Menschen zur gleichen Zeit. Wir zitieren Sigmund Freud: “Hunde lieben ihre Freunde und beißen ihre Feinde. Anders der Mensch: Er ist unfähig zu reiner Liebe und muss stets Liebe und Hass unter einen Hut bringen.”

Gemischte Gefühle beziehen sich jedoch nicht nur auf Hass und Liebe, sondern auf die gesamte Bandbreite unserer Emotionen, die selbst voller Nuancen sind.

Die Ambivalenz der Gefühle

Der Begriff Ambivalenz wurde im Gefühlsspektrum erstmals von dem Psychiater Eugen Bleuler (1910) verwendet, um jene Situationen im psychischen Leben zu bezeichnen, in denen gegensätzliche Gefühle von gleicher Stärke nebeneinander bestehen, ohne dass eine Wahl zwischen ihnen getroffen wird. Der Begriff Ambivalenz wird also nicht nur für pathologische Situationen verwendet, sondern auch für verschiedene Aspekte des “normalen” psychologischen Lebens.

“Zweifel können gemischte Gefühle in uns hervorrufen.”

Elissa Washuta

Wie kann man mit gemischten Gefühlen umgehen?

Es ist nicht einfach, eine Situation zu akzeptieren und zu bewältigen, in der widersprüchliche Gefühle auftreten. Ein Beispiel ist das Gefühl der Befreiung nach dem Tod eines geliebten Menschen, um den wir uns lange Zeit gekümmert haben. Diese Widersprüchlichkeit kann Frustration, Wut, Traurigkeit, Unsicherheit oder Unentschlossenheit auslösen. Es kann dir das Gefühl geben, nicht voranzukommen und verloren zu sein.

Versuche es mit folgenden Tipps:

  • Akzeptiere zunächst deine Zweifel, das macht dich menschlich. Verurteile dich nicht selbst, wir alle haben Zweifel und Angst, wir alle machen Fehler.
  • Halte inne und analysiere deine Gefühlswelt. Gib dir Zeit zum Nachdenken, setze dich nicht unter Druck, wenn es um Entscheidungen geht.
  • Um mit Ambivalenzen umzugehen, ist es wichtig, sie von außen zu beobachten. Versuche, eine neue Perspektive einzunehmen: Was würdest du dir selbst empfehlen, wenn du eine andere Person wärst?
  • Hegst du immer noch Zweifel und weißt nicht, was tun, kann psychologische Unterstützung vorteilhaft sein.

Was sagt die Wissenschaft?

Verschiedene Studien zeigen, dass gemischte und widersprüchliche Gefühle nicht unbedingt gleichbedeutend mit Unentschlossenheit sind, sondern eher mit unserer emotionalen Komplexität zu tun haben. Wir haben eine sehr reiche Gefühlswelt, in der Widersprüche normal sind.

Gemischte Gefühle und kognitive Dissonanz

Der von Leon Festinger geprägte Begriff der kognitiven Dissonanz deutet darauf hin, dass wir ein psychologisches Unbehagen empfinden können, wenn wir zwei oder mehr Ideen haben, die sich widersprechen, oder wenn unsere Überzeugungen und Gedanken nicht mit unseren Handlungen übereinstimmen. Um diesem Unbehagen entgegenzuwirken, verfallen wir oft in Selbsttäuschung oder versuchen, mit den widersprüchlichen Inhalten zu koexistieren, ohne dass es uns gelingt.

Gemischte Gefühle lassen sich aus dieser Theorie heraus verstehen, denn widersprüchliche Gedanken, Überzeugungen und Emotionen sind ganz normal. Wichtig ist, dass wir uns nicht selbst täuschen und verhindern, dass uns emotionale Konflikte zu übereilten Entscheidungen verleiten.

Fähigkeit, emotionale Zustände zu unterscheiden

In einer Studie (2016) analysierten die Forscher Huynh und Ellsworth an der Universität Waterloo eine Stichprobe von 1.396 Menschen aus 16 verschiedenen Kulturen, um Genaueres über gegensätzliche Gefühle herauszufinden. Die Teilnehmenden wurden gebeten festzuhalten, welche Gefühle sie in bestimmten Lebenssituationen erlebt hatten (z. B. bei einem Problem mit einem Familienmitglied, bei einer Krankheit oder bei Überarbeitung).

Die Ergebnisse waren aufschlussreich: In der westlichen Kultur neigen wir dazu, gemischte Gefühle als negativ oder unerwünscht zu betrachten und sie direkt mit Unentschlossenheit zu verbinden. Laut der Studie sind Menschen mit solchen widersprüchlichen Gefühlen jedoch besser in der Lage, ihre emotionalen Zustände zu unterscheiden, und es gelingt ihnen auch, mehr Balance in ihrem Leben zu finden.

Frau hat gemischte Gefühle

Abschließende Gedanken

Was ist mit dir? Wie reagierst du, wenn dich gemischte Gefühle überkommen? Es gibt keine Zauberformel, um dieser emotionalen Schleife zu entkommen. Wenn du dir jedoch bewusst machst, wie komplex wir uns sind, sind ambivalente Emotionen ganz normal. Werden die gemischten Gefühle für dich jedoch zu einer Belastung, solltest du auf jeden Fall professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

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  • Delle Luche, R. & Bertacca, S. (2007). L’ambivalenza e l’ambiguità nelle rotture affettive. Milán: Franco Angeli.
  • Grossmann, I., Huynh, A. C., & Ellsworth, P. C. (2016). Emotional complexity: Clarifying definitions and cultural correlates. Journal of Personality and Social Psychology, 111(6), 895–916.
  • Morgado, I. (2007). Emociones e inteligencia social: las claves para una alianza entre los sentimientos y la razón. Barcelona: Editorial Ariel.
  • Bietti, L. M. (2009). Disonancia cognitiva: procesos cognitivos para justificar acciones inmorales. Ciencia Cognitiva3(1), 15-17.
  • Berrios, R., Totterdell, P., & Kellett, S. (2015). Eliciting mixed emotions: a meta-analysis comparing models, types, and measures. Frontiers in psychology6, 428.

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