Gedächtnisverlust: Ist es möglich, ihn rückgängig zu machen?

19. November 2019
Eine neue Studie, die im Nature Magazine (wissenschaftliche Fachzeitschrift) veröffentlicht wurde, lässt Menschen hoffen, die an Gedächtnisverlust leiden. Der Neuowissenschaftler Raquel Marin erklärt uns mehr zu diesem Thema.

Es ist allgemein bekannt, dass sich unser Gedächtnis im Laufe unseres Lebens verschlechtert. Neueste wissenschaftliche Forschungen haben ergeben, dass es einen Weg geben könnte, diesen allmählichen Gedächtnisverlust rückgängig zu machen.

Neue Techniken wie die transkranielle Magnetstimulation können möglicherweise die Auswirkungen eines altersbedingten Gedächtnisverlustes wieder rückgängig machen. Ein Studie von Robert MG Reinhart und John A. Nguyen zeigt, dass mittels dieser Technik das Gedächtnis älterer Menschen wieder hergestellt werden kann. Dies würde bewirken, dass ihr Gedächtnis wie das eines wesentlich jüngeren Menschen funktionieren würde. Wie das genau funktioniert, wollen wir nun genauer betrachten.

“Das Gedächtnis, der Wächter des Gehirns.”

-William Shakespeare-

Gedächtnisverlust - Gehirn

Altersbedingter Gedächtnisverlust

Wenn Menschen ein bestimmtes Alter erreicht haben, dann beklagen sie sich häufig darüber, dass sie sich nicht mehr gut an Namen, Termine oder ganz alltägliche Dinge erinnern können.

Eines der häufigsten Symptome ist der Verlust des Arbeitsgedächtnisses (auch operatives Gedächtnis genannt). Das Arbeitsgedächtnis hilft dir bei der Erledigung alltäglicher Aufgabenstellungen wie dem Merken von Telefonnummern, Rechnen, Entscheidungsfindung und der Bewältigung alltäglicher Situationen. Im Arbeitsgedächtnis kannst du Informationen temporär speichern und verarbeiten.

Im Laufe der Jahre nimmt die Leistungsfähigkeit deines Arbeitsgedächtnisses ab. Dadurch wird die Bewältigung alltäglicher Aufgaben zunehmend schwieriger.

Neuronen verlieren die Verbindung zueinander

Warum verschlechtert sich aber die Leistung des Arbeitsgedächtnisses, obwohl keine neurodegenerative Erkrankung vorliegt? Auf diese Frage haben die Wissenschaftler bisher noch keine Antwort gefunden.

In einer kürzlich publizierten Studie fanden Forscher heraus, dass die Synchronizität zwischen Neuronen sehr wichtig für ein gut funktionierendes Gedächtnis ist.

Neuronen sind Zellen, die auf Reize reagieren und diese Informationen dann an andere Neuronen weiterleiten. Wenn diese Neuronen allerdings nicht synchron sind, dann ist dies, als würdest du einem Orchester zuhören, in dem jeder Musiker in seinem eigenen Rhythmus Musik spielt. Daraus würde sich dann ein großes Chaos ergeben. Etwas Ähnliches geschieht auch mit den Neuronen. Wenn sie nicht mehr synchron arbeiten, dann kann dein Gedächtnis nicht mehr richtig funktionieren.

Gedächtnisverlust in nur 25 Minuten wieder rückgängig machen

In einer Studie, die im Nature magazine (wissenschaftliche Fachzeitschrift) veröffentlicht wurde, haben Forscher mit Hilfe transkranieller Magnetstimulation Neuronen stimuliert. Das Ziel war, einen bestehenden Gedächtnisverlust wieder rückgängig zu machen. Zu diesem Zweck haben sie zwei Versuchsgruppen gebildet: die erste Gruppe bestand aus Menschen, die im Alter zwischen sechzig und siebzig Jahren waren, die Probanden der zweiten Gruppen waren ungefähr 30 Jahre jünger.

Die Forscher stimulierten bei den Probanden für 25 Minuten unterschiedliche Hirnareale, die an Gedächtnisprozessen beteiligt sind. Während dieser Stimulation stellten die Wissenschaftler fest, dass die Neuronen in den jeweiligen Gehirnregionen ihre Synchronizität wieder erlangten.

Erstaunlicherweise verfügten die älteren Teilnehmer nach der Stimulation über eine geistige Agilität, die mit der der wesentlich jüngeren Probanden vergleichbar war. Leider hielt diese Umkehrung des Gedächtnisverlusts nach der Stimulation nur für ungefähr 50 Minuten an. Danach hatten die älteren Probanden wieder die Gedächtnisleistung, die sie vor dem Experiment hatten.

Eine aussichtsreiche Therapie

Obwohl die positiven Ergebnisse nur temporär auftraten, sind die Wissenschaftler davon überzeugt, dass dieses Experiment den Beweis dafür geliefert hat, dass Gedächtnisverlust nicht in jedem Fall irreversibel ist.

Die transkranielle Magnetstimulation könnte auch eine vielversprechende Alternativbehandlung für Menschen sein, die an kognitiven Defiziten leiden, die durch die Alzheimer-Krankheit verursacht wurden.

Gedächtnisverlust - alter Mann schaut aus dem Fenster

Diese Therapie wirkt nicht nur bei Gedächtnisverlust

Diese Therapie kann nicht nur zur Stimulation von Neuronen angewendet werden, um die Gedächtnisleistung zu verbessern. Darüber hinaus kann diese Methode auch zur Behandlung anderer gesundheitlicher Probleme eingesetzt werden.

Einige Ärzte wenden diese Methode beispielsweise bei der Behandlung postoperativer Dysphagie (Schluckbeschwerden) an. Dabei wird der Bereich des Gehirns stimuliert, der die Muskulatur der Speiseröhre kontrolliert. Dadurch werden die Schluckbeschwerden gelindert.

Da Wissenschaftler fortlaufend an der Verbesserung und Perfektion der transkraniellen Magnetstimulation arbeiten, werden sie sicherlich noch viele weitere Einsatzmöglichkeiten für diese innovative Technologie entdecken. Vielleicht wird es in nicht allzu ferner Zukunft tragbare Geräte geben, die wir zuhause benutzen können, um damit verschiedenste gesundheitliche Beschwerden zu behandeln.