Freizeitphobie – die moderne Angst vor Freizeit

· 20. Mai 2018

Das Wort „Freizeitphobie“ wurde von Rafael Santandreu, einem spanischen Psychologen, geprägt. Es beschreibt die Angst vor Freizeit. Was ist das denn, fragst du dich nun? Es handelt sich um eines dieser modernen Probleme, die größer wurden, ohne dass es die Welt überhaupt bemerkt hat. Als Menschen anfingen, psychologische Beratung zu suchen, mit Zweifeln daran, wie sie ihre Freizeit genießen könnten, hatte der Konflikt schon beachtliche Ausmaße erreicht. Betroffene waren von ihren Jobs und Karrieren besessen oder nutzten diese, um Problemen, denen sie sich nicht stellen wollten, aus dem Weg zu gehen.

Anscheinend gibt es heutzutage viele Menschen auf der ganzen Welt, die eine gewisse Panik verspüren, wenn sie ihre Freizeit aktiv gestalten müssen. Wenn sie freie Zeit haben, für die kein Event, keine Aktivität eingeplant ist. Wenn sie all ihre Aufgaben abgeschlossen und viel Zeit übrig haben, die sie „nicht sinnvoll nutzen“ könnten.

„Freizeit wird das größte Problem darstellen, denn es bestehen große Zweifel daran, dass die Menschheit sich selbst aushalten kann.“

Friedrich Dürrenmatt

Wie ist es möglich, dass wir eine Angst vor Freizeit entwickelt haben? Unsere Eltern und Großeltern sahen sie als Geschenk, als Privileg. Freizeit war arbeitsfreie Zeit, Zeit zum Ausruhen. Sie hat nie Abneigung ausgelöst. Das genaue Gegenteil war der Fall: Freizeit wurde geschätzt und herbeigesehnt. Was ist da passiert?

Angst vor Freizeit und Langeweile

Alles scheint darauf hinzuweisen, dass in unserer modernen Zeit der Langeweile der Status einer Kardinalsünde zugeschrieben wird. Jene, die an Freizeitphobie leiden, fühlen Panik in sich aufsteigen im Angesicht der bloßen Möglichkeit, sich langweilen zu müssen. Dieses Gefühl scheint für sie unerträglich zu sein und erzeugt regelrechte Panikattacken.

Angst vor Freizeit: Rafael Santandreu schaut aus dem Fenster.

In Bezug auf ihre Freizeit entwickeln Betroffene Fantasien, die nicht sehr klar definiert sind. Es ist, als ahnten diese Individuen, dass ihnen etwas Schreckliches zustoßen würde. Als ob das Element der arbeitsfreien Zeit etwas Unbekanntes und Furchtbares wäre, mit dem sie sich lieber nicht konfrontiert sehen wollen. Menschen, die so fühlen, verzweifeln, wenn sie nichts tun können. Sie sehen Freizeit als eine gewaltige Gefahr. Wenn wir zeichnen könnten, was sie fühlen, würden wir sie in ein großes schwarzes Loch malen, welches droht, sie in seinen Tiefen zu vernichten.

Die Symptome der Freizeitphobie

Das deutlichste Anzeichen dafür, das jemand an einer Freizeitphobie leidet, ist sein Angstgefühl. Dieses Angstgefühl, diese Angst vor Freizeit, kommt sehr stark zum Ausdruck, wenn sich Betroffenen plötzlich ein Zeitfenster öffnet, in dem sie nichts geplant haben. Wenn sie freier Zeit direkt ins Auge sehen, oder einem Wochenende, für das sie noch keine Pläne gemacht haben. Dieses Angstgefühl kann sich vor Urlauben noch weiter steigern.

Diese Menschen sind sehr stark von Ideologien um Effizienz und Produktivität geprägt. Unter allen Umständen liegen ihre Prioritäten auf Erfolgen und Glanzleistungen, nicht etwa auf ihrem Glück. Das Schlimmste daran ist, dass sie ihre Erfolge quantitativ bewerten, nicht qualitativ. Man kann von ihnen ständig hören, wie viele Aufgaben sie erledigt und welche Ziele sie erreicht haben. Nur sehr selten erwähnen sie den echten, qualitativen Wert dieser Leistungen.

Ein Mann schwimmt in Wasser, welches von zwei großen Händen zurückgehalten wird.

Es ist ebenso eine ernste Angelegenheit, dass Betroffene ihren Lebensstil auf ihre Kinder zu übertragen versuchen. Sie sind die Art von Eltern, die ihre Kinder für Zusatzunterricht nach Schulschluss, für alle Sprach-, Tanz- und Sportkurse, die sie finden können, anmelden. Sie möchten, dass ihre Kinder mit 10 Jahren mindestens zwei Fremdsprachen beherrschen und mit 13 perfekt Klavier spielen können. Aber sie bringen ihren Kindern auch bei, ängstlich zu sein. Leider geben diese Eltern die Idee weiter, die Angst vor Freizeit, dass jegliche Zeit, die nicht mit produktivem Lernen gefüllt ist, das Schlimmste aller Ungeheuer wäre.

Lang lebe Freizeit! Lang lebe Langeweile! Lang lebe freie Zeit!

Rafael Santandreu, der Vater des Konzepts der Freizeitphobie, sagt, dass wir lernen müssen, uns zu langweilen. An Langeweile sei nichts falsch. Es sei nichts schrecklich daran, eine Stunde damit zu verbringen, aus dem Fenster zu schauen und über Blödsinn nachzudenken. Nicht nur sei daran nichts falsch, es sei sogar notwendig, denn es bringe unser Leben ins Gleichgewicht. Es sei gut, zu arbeiten und an etwas interessiert zu sein. Aber es sei genauso gut, sich auszuruhen und manchmal Langeweile zu haben. Santandreu macht zudem darauf aufmerksam, dass ein untätiger Kopf produktiver sei. Er sagt sogar, dass „die ideale Proportion eine Stunde Arbeit und 23 Stunden Freizeit sind“.

Denke daran, dass Löwen nur einmal pro Woche jagen. Und dass Cervantes seinen Don Quijote in seiner Freizeit in Castile geschrieben hat. Seine Arbeit als Steuereintreiber hat ihm wenig gebracht. Stattdessen hat das Ergebnis seiner Freizeit eine Transformation der Sprache und der universellen Literatur, wie wir sie heute kennen, eingeleitet.

Cervantes sitzt vor seinem Schreibtisch und hält eine Feder in seiner rechten Hand.

Deswegen wäre es gut für uns, die Fähigkeit wieder zu erlangen, Landschaften zu betrachten, während wir durch eine Stadt spazieren. Wir müssen ein Gang zurückschalten, mit verminderter Geschwindigkeit durch das Leben schreiten. Es ist besser, wenige Dinge mit Genuss zu tun, als viele, während wir gestresst sind. Es ist besser für uns, wenn wir die kurze Zeit, die wir auf Erden haben, dem Lieben und Erschaffen widmen, anstatt Berichte zu schreiben und Termine einzuhalten.

Zum Glück ist es keine Sünde, nichts zu tun. Langeweile ist keine Epidemie. Es ist sogar das genau Gegenteil der Fall – für eine Weile nichts zu tun, macht uns zu besseren Menschen.