Fettleibigkeit und Schuldgefühle: Bist du wirklich selber schuld?

20. Januar 2020
Du denkst, dass du für deine Fettleibigkeit verantwortlich bist und leidest daher häufig unter Schuldgefühlen. Allerdings verursacht dieses Denken lediglich viele Ängste. Daher wirst du versuchen, diese Ängste durch Essen zu lindern und danach fühlst du dich dann noch schlechter. In unserem heutigen Artikel werden wir dir sagen, wie du dich aus diesem Teufelskreislauf befreien kannst.

Fettleibigkeit und Schuldgefühle gehen Hand in Hand. Kommen dir diese Aussagen auch bekannt vor? „Ich werde morgen mit einer Diät beginnen“, „Das ist das letzte Stück“, „Nie wieder“, „Ich kann so nicht weitermachen“, „Ich werde immer dicker“, „Ich muss mein Essverhalten ändern“, „Ich habe zugenommen“ und „Warum nehme ich immer weiter zu?“.

Möglicherweise sind das genau die Sätze, die du jeden Tag zu dir selber sagst, weil unsere Kultur dir einredet, dass du ganz alleine für dein Übergewicht verantwortlich bist. Du bist davon überzeugt, dass nur du die Verantwortung für deinen Körper trägst und daher hängt dein Selbstwertgefühl auch nur davon ab, wie dein Körper aussieht. Gleichzeitig bist du traurig und frustriert, weil niemand deine wunderbaren Charaktereigenschaften wahrnimmt oder sie zumindest nicht genügend geschätzt werden.

Vielleicht fühlst du dich auch schlecht, weil dein Körper sich von den Idealen unterscheidet, die die Medien uns permanent vorgeben. Du weißt, dass du abnehmen musst, weil du aufgrund deines Gewichts bereits gesundheitliche Probleme bekommst. Es gibt viele Gründe, die dich dazu veranlassen können, deinen Körper zu verändern.

“Ich habe mit Schuldgefühlen abgeschlossen. Und daher werde ich jetzt genau das tun: ich werde diese Pizza aufessen und danach werden wir uns ein Fußballspiel ansehen. Und morgen werden wir uns verabreden und uns einfach ein paar größere Jeans kaufen.“

-Elizabeth Gilbert-

Fettleibigkeit und Schuldgefühle – Druck und Verzweiflung

Es gibt immer diesen einen Tag, an dem du so verzweifelt bist, dass du beschließt, genau jetzt etwas zu verändern. Viele Gründe kommen dir gleichzeitig in den Kopf und genau in diesem Moment fühlst du dich dann wirklich sehr schlecht und hässlich.

Außerdem fragst du dich, wie du all das überhaupt zulassen konntest und zeigst mit anklagendem Zeigefinger auf dich selbst. Du bist fest davon überzeugt, dass es ganz einfach ist, die Situation zu verändern. Du musst nur genügend Willenskraft aufbringen und es wird dir sicherlich gelingen.

Diese Verzweiflung führt dazu, dass du dich und deinen Körper nicht mehr akzeptieren kannst und daher entscheidest du, dass du sofort etwas an dir ändern musst. Der Druck, dass du anderen Menschen gefallen musst, ist extrem groß. Daher entwickelst du für dich eine Methode, die aus zwei Aspekten besteht:

  • Du bestrafst dich dafür, dass du nicht vorher schon etwas unternommen hast.
  • Außerdem wirst du von dem Gedanken angetrieben, enorme Ergebnisse in sehr kurzer Zeit erreichen zu können.

Das Schlimmste daran ist, dass es diese Methoden wirklich gibt, insbesondere jene, die mit dem ersten Aspekt zu tun haben.

Es gibt Programme zur Gewichtsreduktion, die auf dieser Philosophie basieren und von einigen Menschen als gesunde Optionen vermarktet werden. Diese Menschen sind sehr häufig bezahlte Prominente, die dir erzählen, dass du Opfer bringen musst, um „schön“ zu sein. Daher musst du dich hypokalorisch ernähren, intensive Trainingsroutinen absolvieren und deine Selbstdisziplin stärken, usw. Sicherlich kennst auch du solche Diätempfehlungen.

Einschränkungen sind nicht wirklich hilfreich

Fettleibigkeit - übergewichtiger Mann sitzt auf einem Bett

Weil du dich so unwohl in deinem Körper fühlst und es kaum noch aushalten kannst, beginnst du in deiner Verzweiflung damit, dich einem harten Prozess zu unterziehen, der dich nicht wirklich zufriedenstellt.

Er kann dich auch gar nicht zufriedenstellen, weil er nicht nachhaltig ist. Es ist unmöglich für dich, diesen strengen Diätplan auf Dauer durchzuhalten. Dadurch wird die Verzweiflung, die dich befällt, nur noch schlimmer. Der Druck verstärkt sich und es wird noch schwerer für dich, Veränderungen vorzunehmen.

Außerdem verstärken sich deine Schuldgefühle wegen deiner Fettleibigkeit immer weiter. Letztendlich wird dein Unbehagen so stark, dass du zunehmend auch psychisch darunter leidest.

Darüber hinaus verlierst du allmählich dein Selbstwertgefühl, ohne dass du dies überhaupt wirklich bemerkst. Irgendwann betrachtest du dich im Spiegel und verachtest das Bild, das du siehst. Nun fühlst du dich nicht nur unwohl und schlecht wegen deines Körpers, sondern bist auch wütend auf deine Gedanken und deinen Geist. Aber weißt du, warum all das geschieht? All das passiert aus folgenden Gründen:

  • Jeden Tag bewertest du dich nur aufgrund der Form deines Körpers und deiner Figur, als wäre das alles, was dich ausmachen würde.
  • Daher sagst du auch jeden Tag zu dir, dass du einen hässlichen und unattraktiven Körper hast.
  • Und jedes Mal, wenn du einen neuen Versuch unternimmst, daran etwas zu ändern, versuchst du es auf die gleiche unerträgliche und sinnlose Weise. Daher fühlst du dich schrecklich, weil jeder neue Diätversuch zu einer Übung in Selbstzerstörung wird.

… du machst dir Selbstvorwürfe und fühlst dich schlecht

  • Ganz offensichtlich bist du nicht dazu in der Lage, dich auf diese strikte Weise zu disziplinieren. Allerdings erkennst du das selber gar nicht. All deine Gedanken kreisen darum, dass du es nicht tun kannst, weil du nicht stark genug bist und weil du einfach nicht gut genug bist, wie du bist.
  • Darüber hinaus fühlst du dich jeden Tag schuldig, weil du die Ziele, die du dir gesetzt hast, einfach nicht erreichen kannst. Dabei hast du lediglich die irreführende Aussage geglaubt, die besagt: „Du kannst alles tun, was du dir vorgenommen hast“.
  • Jeden Tag erlebst du, dass dein Heißhunger den Kampf gewinnt, selbst dann, wenn du versuchst, nichts oder nur wenig zu essen. Dabei bemerkst du gar nicht, dass du diese Nahrung brauchst, um deine Unzufriedenheit und deine Angst ein wenig zu lindern. Und natürlich bist du auch danach wieder unzufrieden, weil die Erleichterung, die dir das Essen verschafft, nur von kurzer Dauer ist.
  • Daher sagst du auch jeden Tag zu dir, dass du diesen Kampf sowieso verlieren wirst. Und du denkst, dass du der einzige Grund dafür bist. Weil du einfach nicht dazu in der Lage bist. Du bist einfach nicht gut genug. Außerdem glaubst du, dass du zu schwach bist, es einfach nicht schaffst und daher nichts wert bist. Du bist nicht fähig dazu und wirst es auch nie sein. Kurz gesagt, du bezeichnest dich selber als Verlierer.

… also isst du weiter

Da dein Unbehagen kaum noch zu ertragen ist, musst du etwas tun, um dich wieder besser zu fühlen. Daher wirfst du alle guten Vorsätze über Bord und isst all das, was du dir in den vergangenen Tagen versagt hast. Allerdings isst du aus Angst und mit einem sehr schlechten Gefühl, du empfindest keine Freude dabei. Genau das ist es, was eine Heißhungerattacke ausmacht. Obwohl sie körperlich sehr ungesund ist, verschafft sie dir eine mentale Erleichterung, zumindest während des Essens.

Dieser Essanfall lindert die Angst, die durch den für dich beinahe unerträglichen Veränderungsprozess entsteht. Anschließend beginnt der Kreislauf erneut. Zuerst verspürst du großen Druck und Verzweiflung, danach kontrollierst du dich sehr extrem, was zu großer Unzufriedenheit führt. Anschließend hast du einen weiteren Essanfall und daraufhin bekommst du neue Schuldgefühle wegen deiner Fettleibigkeit.

Schuldgefühle und Fettleibigkeit: Bist du wirklich selber schuld?

Fettleibigkeit - eine Frau isst Muffins

Bedauerlicherweise hält die Erleichterung, die dir eine Essattacke verschafft, nicht lange an. Daher fühlst du dich anschließend wirklich sehr schlecht und hast Schuldgefühle wegen deiner Fettleibigkeit.

Warum warst du nicht in der Lage, „das zu tun, was nötig ist“, um endlich wieder deine ersehnte Traumfigur zu bekommen? Dadurch hättest du dich auch von all dem Druck und der Unzufriedenheit befreien können, die du wegen deiner Figur verspürst. Als ob dein Körper für all das verantwortlich wäre…

Und wieder beginnt dieser Teufelskreislauf, du fühlst dich unter Druck und bist gleichzeitig sehr motiviert, etwas zu verändern. Wiederum wirst du eine Diät beginnen, die du nicht durchhalten kannst und einmal mehr wird dir eine Essattacke schließlich die Erleichterung verschaffen, die du in dieser unerträglichen Situation so dringend benötigst.

Neue Schuldgefühle stellen sich ein und du wirst erneut in diese Falle geraten. Allerdings wird deine Unzufriedenheit immer größer werden, je öfter du diesen Kreislauf durchläufst.

Der Einfluss der Gesellschaft

All das geschieht, weil deine Kultur und dein Umfeld dich glauben lässt, dass du die alleinige Schuld für deine Fettleibigkeit hast. Daher fühlst du dich auch dafür verantwortlich und auf dir lastet ein beinahe unerträglicher Druck. Und genau aus diesem Grund wirst du immer wieder ungeeignete Methoden ausprobieren, die deine Situation aber letztendlich nur noch weiter verschlimmern werden.

Wenn du es schaffst, diesen Teufelskreislauf zu durchbrechen, dann ist dies der erste Schritt zu einer Lösung. Nimm dir etwas Zeit und versuche, mit einer guten Einstellung, bedacht und realistisch vorzugehen. Außerdem solltest du dir einen Ansatz überlegen, bei dem ein Rückschlag nicht automatisch bedeutet, dass du wieder ganz von vorne beginnen musst. Dein Ansatz sollte es dir erlauben, Fehler zu machen, ohne dass du dabei alles verlierst, was du bist dahin erreicht hast.

Außerdem solltest du einen kritischen Geist haben, der dir die Kontrolle über dein Leben und deine Entscheidungen erlaubt. Eine unabhängige Haltung, die sich von der kognitiven Massendissonanz unterscheidet.

Wie du den Kreislauf von Fettleibigkeit und Schuldgefühlen durchbrichst

Wenn du diesen Kreislauf unterbrechen willst, dann geht es darum, den Druck zu verringern. Daher ist es wichtig, dass du eine realistische Vorstellung über dich und über die Verantwortung, die du für deinen Körper und seine Form hast, gewinnst.

Außerdem solltest du dir bewusst machen, wie relevant das für dein Leben ist. Gleichzeitig solltest du der Gesellschaft gegenüber eine kritische Haltung einnehmen. Dadurch wird es dir leichter fallen, toxische Vorstellungen zu ignorieren, die deinen inneren Dialog stören könnten.

Darüber hinaus musst du lernen, dich selber zu lieben und zu schätzen. Dabei solltest du dich nicht nur auf deinen Körper beschränken oder darauf, was du an ihm nicht magst. Es ist sehr wichtig, dass du verstehst, dass du gut genug bist, so wie du bist. Auf diese Weise wird sich dein Plan auch nicht negativ auf dein Selbstwertgefühl auswirken, selbst wenn du ihn nicht realisieren kannst.

Verändere deine innere Haltung und schließe Frieden mit dir

Wenn du diesen Frieden in deinem Geist erreicht hast, wirst du in der Lage sein, gesunde, wohltuende und nachhaltige Veränderungen vorzunehmen. Dabei sollte dieser Ansatz umfassend sein und dir nicht nur dabei helfen, dich angemessen zu ernähren, sondern dir auch in anderen Lebensbereichen helfen, dich besser zu fühlen.

Dies liegt daran, dass du den Druck, deine Verzweiflung und die Unzufriedenheit beseitigst, die du zuvor möglicherweise hattest. Dann wird das Essen nicht mehr dir einzige Quelle für dein Wohlbefinden sein. Außerdem wirst du dich auch nicht länger schuldig dabei fühlen, weil du weißt, dass Nahrung eine schützende Wirkung hat und sinnvoll ist. Die Heißhungerattacken werden verschwinden und damit werden auch die Schuldgefühle vergehen.

Die Gesellschaft vermittelt dir Schuldgefühle wegen deiner Fettleibigkeit. Falle nicht darauf herein!

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