Fanatismus und Terror: Frauen und Mädchen verschwinden in Afghanistan

Die Scharia verbietet Frauen, in der Öffentlichkeit zu lachen, zur Schule zu gehen und zu arbeiten. Zwar behaupten die Taliban, die Rechte der Frauen zu respektieren, doch viele befürchten, dass sie wie 1996 die Scharia wieder einführen werden.
Fanatismus und Terror: Frauen und Mädchen verschwinden in Afghanistan

Letzte Aktualisierung: 19. August 2021

“Muslimische Frauen werden studieren können, ihre Rechte werden respektiert und sie werden glücklich sein, im Einklang mit der Scharia zu leben”, sagte Zabihullah Mujahid, ein Sprecher der Taliban, bei einem Medienauftritt, um das Vertrauen der internationalen Medien zu fördern. Die Wahrheit ist, dass Frauen und Mädchen in Afghanistan aus dem öffentlichen Leben verschwinden, wie es bereits zwischen 1996 und 2001 der Fall war.

Niemand glaubt diesen falschen Proklamationen oder der plötzlich versöhnlichen Haltung der Taliban. Denn inzwischen sind Frauenfiguren auf Werbeplakaten verschwommen, sie werden aus Angst vor dem, was passieren könnte, in den Läden entfernt. Ihre Abwesenheit im öffentlichen Leben ist bereits auffallend, sie ziehen sich in die Einsamkeit ihrer Häuser zurück oder suchen auf dem Flughafen von Kabul verzweifelt nach einer Fluchtmöglichkeit.

Die Hoffnung ist in einem Land, das immer in Trümmern liegt, wieder zerstört. Frauen hatten hier fast immer ein schwieriges Leben, doch in den letzten zwanzig Jahren hatten sie begonnen, wieder Stimme und Präsenz in der Öffentlichkeit zu gewinnen. Der schnelle und unerwartete Vormarsch der Taliban verurteilt sie jedoch erneut dazu, in der Dunkelheit ihrer Burkas und in einer neuen Terrorherrschaft zu leben.

Nach der Scharia können Frauen und Mädchen weder arbeiten noch studieren. Noch weniger haben sie das Recht ohne Begleitung eines männlichen Verwandten auf die Straße zu gehen.

Bild, das zeigt, wie Frauen und Mädchen in Afghanistan verschwinden

Frauen und Mädchen verschwinden in Afghanistan aus dem öffentlichen Leben

Als 2011 internationale Truppen aus Afghanistan abgezogen wurden, startete Intermon Oxfam einen Appell, der sich als vorausschauend erwiesen hat: Alle Fortschritte könnten über Nacht verloren gehen. Mehr als die Hälfte der Mädchen konnten zur Schule gehen, 28 % der Parlamentsabgeordneten des Landes waren Frauen… jetzt sind all diese Errungenschaften erneut bedroht.

Ein Beispiel: Beheshta Arghand, Moderatorin des Senders Tolo News in Afghanistan, interviewte diese Woche einen Taliban-Beamten. Er versicherte ihr, dass es keine Gewalt gegen Frauen geben werde und ihre Rechte gewährleistet würden. Als dieses Treffen jedoch zu Ende war, erklärte die Moderatorin selbst unter Tränen im Clubhouse-Chat, dass die Taliban ihre Anstellung und ihr Gehalt für sie und alle Kolleginnen des Senders auf unbestimmte Zeit ausgesetzt hatten.

Denn die Wahrheit ist, dass die Taliban die Rechte der Frauen “respektieren”, aber nur solange sie sich an die Regeln der Scharia halten. Und damit hatte niemand gerechnet. Nur wenige haben einen so schnellen Vormarsch der Taliban prognostiziert, noch weniger die Flucht von Präsident Ashraf Ghani und den Abzug der afghanischen Armee, die keinen Widerstand gegen das islamische Emirat leistete.

Die Verbote der Taliban für Mädchen und Frauen

Während Tausende Afghanen auf dem Flughafen sind, um aus dem Land zu fliehen, wissen alle, dass dies nur wenigen gelingen wird. Frauen und Mädchen sind von diesem neuen Regime am stärksten bedroht, und es ist sehr gut möglich, dass dieselben Verletzungen ihrer Rechte, die seinerzeit von der Revolutionären Vereinigung der Frauen Afghanistans (RAWA) angeprangert wurden, wiederholt werden.

Es geht um folgende Verbote:

  • Frauen und Mädchen haben in Afghanistan nicht das Recht, zur Schule zu gehen und außer Haus zu arbeiten.
  • Sie können das Haus nur in Begleitung eines männlichen Verwandten verlassen.
  • Frauen können keine Geschäfte mit Männern machen.
  • Die Anwesenheit von männlichen Ärzten ist verboten.
  • Sie müssen eine Burka tragen. Kein Teil ihres Körpers darf sichtbar sein.
  • Frauen werden ausgepeitscht und beleidigt, wenn sie sich nicht an die Regeln der Taliban halten.
  • Sie werden öffentlich ausgepeitscht, wenn sie ihre Knöchel zeigen.
  • Frauen werden wegen Ehebruch gesteinigt.
  • Sie können keine Kosmetika verwenden. Wenn sie ihre Nägel lackieren, schneiden sie ihnen die Finger ab.
  • Auch das Tragen von hohen Schuhen ist verboten.
  • Mädchen und Frauen haben in Afghanistan keine Stimme. Es ist ihnen verboten, öffentlich zu lachen.
  • Sie können ohne Erlaubnis mit keinem Mann in der Öffentlichkeit sprechen.
  • Frauen haben kein Recht, in ein Taxi einzusteigen und den Führerschein zu machen.
  • Es ist ihnen untersagt, in öffentlichen Medien wie Fernsehen, Radio und Internet zu arbeiten oder sich zu äußern.
  • Niemand kann Mädchen und Frauen fotografieren oder aufnehmen.
  • Frauenbilder dürfen nicht öffentlich gemacht werden.

“Wir sorgen dafür, dass es keine Gewalt gegen Frauen gibt”, sagte Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid. “Es werden keine Vorurteile gegenüber Frauen erlaubt sein, aber islamische Werte sind unser Rahmen und müssen hochgehalten werden.”

Fanatismus und Terror: Frauen und Mädchen verschwinden in Afghanistan

Die Geschichte wiederholt sich: Niemand glaubt an die “neuen Taliban”

In den Medien werden Bilder von Afghanistan in den 70er Jahren gezeigt. Uns beeindruckt das Foto von Laurence Brun aus dem Jahr 1972. Afghanische Frauen unterschieden sich damals nicht allzu sehr von denen, die man in westlichen Ländern sehen konnte: junge Frauen in Miniröcken, lachend, mit losen Haaren und Absätzen, Frauen, die arbeiteten und studierten.

Die Wahrheit ist, dass König Amanullah zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Freiheit der Frauen förderte, indem er Zwangsheiraten verbot und die Gleichstellung der Geschlechter förderte. In den 70er Jahren wurde das allgemeine Wahlrecht erreicht und das Land machte große Fortschritte. Infolge mehrerer Staatsstreiche und der sowjetischen Besatzung änderte sich jedoch alles.

1996 wurde der Islamische Staat Afghanistan integriert und die Terrorherrschaft begann. Die Frauen wurden dem Taliban- und dem Scharia-Recht unterworfen. Diese Dunkelheit dauerte bis 2001. Jetzt, zwanzig Jahre später, kehrt dasselbe Szenario zurück und bringt erneut dunkle Zeiten: Frauen und Mädchen verschwinden in Afghanistan aus der Öffentlichkeit, um in ihren Häusern eingesperrt zu harren. Sie werden aus ihrem öffentlichen Leben gerissen während der Westen teilnahmslos zusieht, wie sich die Geschichte wiederholt…

Es könnte dich interessieren ...
Frauen und Depressionen: Risikofaktoren
GedankenweltLies auch diesen Artikel bei Gedankenwelt
Frauen und Depressionen: Risikofaktoren

In diesem Artikel möchten wir das Thema Frauen und Depressionen aus einer neuen sozialen Perspektive betrachten. Lies weiter...