Existiert der sechste Sinn wirklich?

· 9. Februar 2018

Wir alle hatten schon einmal das Gefühl, dass wir wussten, dass etwas passieren würde, bevor es tatsächlich eingetroffen ist. Wir bezeichnen dies als Bauchgefühl oder Intuition. Es handelt sich um eine Art der Vorahnung, nicht auf große Dinge bezogen, sondern meist auf Details.

Die Popkultur spricht gern von einem sechsten Sinn. Wir behaupten beispielsweise, dass eine Mutter bestimmte Sachen einfach wüsste, und beziehen uns darauf, dass Mütter wissen, was für ihre Kinder gut oder schlecht ist. Auch sagen wir Dinge wie „ich fühle es“  oder „ich spüre es“.  Diese Aussprüche beziehen sich auf die angenommene Fähigkeit von uns, im übertragenen Sinne in die Zukunft zu sehen.

„Sei deinen Gefühlen gegenüber treu und deinen Vorahnungen gegenüber noch mehr.“

Luis Gabriel Carrillo

Der sechste Sinn zwischen Intuition und Vorahnung. Wir betrachten ihn als eine Art Radar. Auf eine Art und Weise nimmt er Omen wahr, die uns verraten, ob etwas gut oder schlecht laufen wird. Der eine Weg führt zu einem guten Ende, wohingegen ein anderer nur Ärger bringt. Da stellt sich doch die Frage: Existiert der sechste Sinn? Ist er das, wofür wir ihn halten?

Beweise für den sechsten Sinn

Ivan Tozzo ist der Vizepräsident von Chapecoense, einem brasilianischen Fußballteam, welches 2016 nach einem tragischen Flugzeugabsturz weltweit bekannt wurde. Als leitendes Mitglied des Vereins war es eine seiner Aufgaben, das Team zu den Endspielen der Südamerikameisterschaft zu begleiten. Doch bevor das Unglücksflugzeug abhob, meldete sich der sechste Sinn von Tozzo: Er entschied sich dafür, nicht zu reisen, ohne zu wissen, warum. Und diese Entscheidung rettete sein Leben.

Grünes Auge

Ein ehemaliger Guerrilla-Kämpfer aus El Salvador, er hieß Francisco Cerquera, berichtete von der Nacht, in der er damit beauftragt wurde, das südliche Areal des Lagers zu bewachen. Im Gegensatz zu anderen Wachen hatte er in dieser Nacht Angst. Sogar so sehr, dass er furchtbare Bauchschmerzen vortäuschte, damit ein anderer Kämpfer mit der Aufgabe betraut wurde. Genau in dieser Nacht attackierte die Armee genau in dem Bereich, den er verweigert hatte zu bewachen.

In den sozialen Medien berichtete eine Mutter namens Martha Fernández von dieser Begebenheit: Ihr Sohn kommt oft erst spät nach Hause, und nicht immer zur gleichen Zeit. Eines Tages, es war noch recht früh, fühlte sie, wie in ihr Angst aufstieg. Die Stunden vergingen und ihr Sohn kehrte nicht heim. Während der Dämmerung erhielt sie einen Anruf, dass er im Krankenhaus läge. Jemand hatte ihn angefahren. Die Mutter sagte, dass sie eine Stunde vor dem Unfall begonnen hatte, sich ängstlich zu fühlen.

Es gibt sicherlich noch viele andere Berichte von ähnlichen Begebenheiten. Können wir diese Geschichten aber als Grundlage dafür nehmen, dass der sechste Sinn existiert?

Die Wissenschaft hat sich diese Frage ebenfalls gestellt. Tatsächlich wurden einige Experimente durchgeführt, um die Wahrheit zu finden. Es gibt ein interessantes Konzept, welches aus den Ergebnissen abgeleitet wurde: das Konzept der „anormalen antizipatorischen Aktivität“.

Die anormale antizipatorische Aktivität

An der Northwestern University in Illinois, USA, hat man sich mit 26 Studien beschäftigt, die einen möglichen sechsten Sinn untersuchten. Die Studien wurden zwischen 1978 und 2010 veröffentlicht. Mit der Frage konfrontiert, ob ein sechster Sinn existiere, haben die Wissenschaftler im Anschluss eine klare Antwort gegeben: ja.

Ihren Untersuchungen zufolge gäbe es Zeiten, in denen menschliche Wesen voraussehen könnten, was passieren würde. Es ist keine Magie. Es ist unser Bewusstsein. Die Studien legen nahe, dass das Unterbewusste Informationen und Wissen umfasse, welche über das hinausgingen, was der Verstand erfasse.

Mann blickt durch Augenbinde

Eine Studie der University of Washington (Washington, USA) bestätigte dies 2005 in einem neuen Experiment: Physiologische Experimente ließen erkennen, dass unser Körper auf einen Stimulus reagiert, bevor wir diesen wahrnehmen. Messungen zeigten Alterationen der Herz- und Lungenaktivität, Sekunden bevor eine gefährliche Situation eintraf. Doktor Julia Mossbridge, die Leiterin dieser Untersuchung, weist darauf hin, dass Menschen, die sich in Harmonie mit ihrem Körper befinden, eine risikoreiche Situation bis zu zehn Sekunden, bevor sie eintrifft, spüren können.

Die Forscherin legt jedoch auch nahe, dass wir dieses Phänomen nicht als sechsten Sinn bezeichnen können. Sie nennt diese Art von Reaktionen „anormale antizipatorische Aktivität“. Sie bestätigt, dass diese nicht „normal“ in dem Sinne sei, als dass sie nicht auf jedes Gebiet zutreffe. Allerdings ist die genannte Aktivität unter Laborbedingungen verifizierbar. Mossbridge zufolge können wir dieses Phänomen mit unserem derzeitigen Verständnis von Biologie nicht erklären.

Das Team der Northwestern University weist diesbezüglich darauf hin, dass mögliche Erklärungen in der Quantenbiologie zu finden seien. Sie haben ihre Studie in Frontiers in Psychology: Perception Science veröffentlicht.

Frau berührt Sonnenlicht

Obwohl wir nicht allen Gefühlen und Gedanken in uns Vertrauen schenken können, sind sie manchmal so intensiv, dass wir sie nicht leugnen können. Und wir es den sechsten Sinn, Intuition oder Bauchgefühl nennen – wir sollten jedes Gefühl anerkennen, dass uns hilft, uns beschützt oder uns den Moment genießen lässt.