Existenzielle Psychotherapie: Nichts ist echt, bis wir es erleben.

· 4. November 2018

Sören Kierkegaard, der Vater des Existenzialismus, sagte: „Das Leben ist kein zu lösendes Problem, sondern eine zu erlebende Realität.“  Der Existenzialismus interessiert sich für die Wahrheit des Individuums und dafür, was es wirklich ist und wünscht. Die existenzielle Psychologie und somit auch die existenzielle Psychotherapie geht Hand in Hand mit der Existenzphilosophie, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Europa geboren wurde. Wenig später erreichte sie die Vereinigten Staaten, wo bekannte Psychologen wie Allport, Rogers, Fromm und Maslow explizit darauf hinwiesen. Auf der anderen Seite übte die existenzielle Psychologie einen großen Einfluss auf die humanistische Psychologie aus, und zwar so sehr, dass ihr einige Verfahren und grundlegende Aspekte entnommen wurden.

Die humanistisch-existenziellen Modelle

Die Existenzialanalyse ist Teil der sogenannten humanistisch-existenziellen Modelle. Das Aufkommen dieser Modelle in den USA der 1960er Jahre ist das Ergebnis mehrerer, nicht ausschließlich akademischer Faktoren. Zunächst muss ihre Entwicklung im Lichte der sozialen und kulturellen Auswirkungen auf die nordamerikanische Szene gesehen werden, um dann in ihren europäischen Formen betrachtet werden zu können.

Auch wenn der Existenzialismus als dritte Kraft in einem Dreieck gilt, dessen weitere Eckpunkte der Behaviorismus und die Psychoanalyse sind, fehlt ihm eine paradigmatische Berufung. Heutzutage werden humanistisch-existenzielle Modelle als eine Reihe von therapeutischen Verfahren verstanden, die meist von den bekannten Denkschulen getrennt Anwendung finden.

So sind die wichtigsten Vorläufer dieser Modelle der Existenzialismus und die Phänomenologie. Franz Betanos Gedanken begründeten die Phänomenologie. Betano konzentrierte sich auf die Erfahrung, auf den aktiven Charakter der Psyche und die bewusste Natur jeder psychologischen Handlung. Mit seinen Ideen nahm Betano Einfluss auf den heute bekanntesten Vertreter der Phänomenologie, auf Edmund Husserl.

Für Husserl glich die unmittelbare Erfahrung eines Aktes der Offenbarung der wahren Natur desselben. Um sie zu erreichen, sei es notwendig, die Epoche oder phänomenologische Haltung anzunehmen. Das bedeutet, dass wir das Phänomen in seiner reinsten Form beobachten müssen, ohne Vorurteile und Überzeugungen, die a priori,  also vor der Erfahrung, etabliert wurden.

Existenzielle Psychotherapie

„Der Mensch ist nichts anderes, als das, was er aus sich macht. Das ist das erste Prinzip des Existenzialismus.“

Jean-Paul Sartre

Sartre und die existenzielle Psychotherapie

Der Schwerpunkt der existenziellen Psychotherapie liegt auf dem Existenzprojekt. Nach Jean-Paul Sartre gehe der Existenz die Essenz voraus. Das bedeutet, dass der Mensch nicht mit einem zu entwickelnden Sein daherkommt, sondern dass er es erst finden muss. Sartre betrachtete den Menschen als radikal freies und unbestimmtes Wesen, wenn auch durch seine Faktizität begrenzt, ohne die man ihn nicht verstehen könnte. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Mensch sich über das Existenzprojekt selbst bestimmt.

Um zu leben, muss man immer etwas tun, auch wenn es nur zu atmen ist.“

José Ortega y Gasset

Dieses Zitat von Ortega y Gasset mag den Schwerpunkt der Existenzanalyse beschreiben. Das Ziel der existenziellen Psychotherapie ist es also, die Struktur dessen zu analysieren, was wir im Leben tun. Ludwig Biswanger nannte diese Struktur „Dasein“, Sartre das Existenzprojekt. Heute wird die existenzielle Psychotherapie als „eine Methode der zwischenmenschlichen Beziehung und psychologischen Analyse“ definiert. Ihr Zweck ist es nach wie vor, genügend Selbsterkenntnis und Autonomie zu provozieren, um unsere Existenz frei anzunehmen und zu entwickeln.

Die existenzielle Psychotherapie klärt und versteht die Werte, Bedeutungen und Überzeugungen, die der Einzelne als Strategien anwendet, um die Welt zu verstehen. Sie zeigt also die Annahmen über unsere Lebensweise, seit wir begonnen haben, an unserer eigenen Existenz zu zweifeln.

Mann über einem Wolkenmeer

Psychotherapie in humanistisch-existenziellen Modellen

Aus psychotherapeutischer Sicht ist das relevanteste Merkmal humanistisch-existentieller Modelle die Bedeutung, die sie der unmittelbaren Erfahrung als primärem Phänomen beimisst. Das bedeutet, dass sowohl die theoretischen Erklärungen als auch das manifeste Verhalten der Bedeutung, die die Person ihr beimisst, untergeordnet sind.

Die Betonung, die diese Modelle auf die willentlichen, kreativen und bewertenden Aspekte des menschlichen Verhaltens legen, ist durchaus charakteristisch für sie. Es ist allerdings schwierig, über diese allgemeinen Merkmale hinaus über grundlegende Konzepte zu sprechen.

Besser ist es, wenn wir uns auf die spezifischen Theorien beziehen, in denen sie Sinn machen. Diese Theorien sind die Existenzanalyse, der personenzentrierte Ansatz, der Gestaltansatz, die Transaktionsanalyse, das Psychodrama und die Bioenergetik.

Illustration eines aufschauenden Mannes

Existenzielle Lücken als psychopathologische Störungen

Wie wir bereits erwähnt haben, ist der Hauptbegriff der existenziellen Psychotherapie das Existenzprojekt. Der Zweck dieser Psychotherapie ist es, dieses Projekt zu analysieren und zu modifizieren. Die Psychotherapie hat daher nicht die Absicht, die äußere, körperliche oder soziale Realität zu verändern, sondern die Person und ihre Wahrnehmung der Dinge. Denn es wird radikal angenommen, dass dies das Einzige sei, was von sich selbst abhänge und somit kontrollierbar sei.

„Das Leben hat a priori keine Bedeutung. Es liegt an dir, ihm einen Sinn zu geben.“

Jean-Paul Sartre

Ihr Ziel ist es, den Einzelnen für seine Selbstbeherrschung und Selbstbestimmung zu gewinnen. Das bedeutet, dass er sich irgendwann einmal sich selbst stellen muss. Häufig findet er sich verloren oder entfremdet wieder, während er versucht, die Probleme zu lösen, vor die ihn der radikale Wandel stellt.

Der Zweck der Analyse der Strukturen seiner Welt ist es also, die Wege und Punkte der Entfremdung zu entdecken, denn nur so kann seine Freiheit vollständig wiederhergestellt werden, nur so kann eine alternative Rekonstruktion seiner Erfahrung erfolgen. Nach der existenziellen Psychotherapie sei nichts real, bis der Einzelne es erlebt.

Die existenzielle Psychotherapie betrachtet die verschiedenen psychopathologischen Störungen als nicht authentische Lebensweisen. Sie sind Stagnation und existenzielle Lücken, Verlust der Freiheit oder Resignation. Sie sind also Bewältgigungsmechanismen oder Negationen des „In-der-Welt-Seins“.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es nicht einfach ist, eine klare Erklärung dafür zu geben, was die existenzielle Psychotherapie ausmacht, aber wir können sagen, dass sie versucht, eine persönliche Analyse voranzubringen, die die Möglichkeit fördert, individuelle Pläne zu schmieden und zu verfolgen. Darüber hinaus besteht der Anspruch, den Alltag des Einzelnen mit einem philosophischen Ansatz zu diversifizieren und zu stärken.