"Es war ungewollt": Die Kunst, sich der Schuld zu entziehen

Schuldgefühle sind alltäglich. Wir spüren sie, wenn wir glauben, für ein negatives Ergebnis verantwortlich zu sein.
"Es war ungewollt": Die Kunst, sich der Schuld zu entziehen
Michael Schaller

Geprüft und freigegeben von Psychologe Michael Schaller.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 05. September 2022

Sprache beeinflusst das Denken. Wir alle wissen das und wählen unsere Worte, um Erklärungen oder Ideen zu vermitteln. Auch die Welt des Marketings und der Politik macht sich diese Tatsache zunutze, die wir tagtäglich in unserem Alltag beobachten können. Wir sprechen heute über die Kunst, sich der Schuld zu entziehen – und wie du weißt, gibt es darin größere und kleinere Experten.

Egal, ob es darum geht, einer Strafe zu entgehen oder eine Lüge zu verbergen: Die Sprache ist das perfekte Allheilmittel. Absicht und Verantwortung ändern sich im Kopf des Betrachters abhängig von der Darstellung der verbalen Botschaft. Erfahre anschließend mehr über dieses spannende Thema.

Beeinflussen sprachliche Mittel das Denken?

Die Antwort ist eindeutig: Ja. Die Sprache ist formbar, vielseitig und sehr komplex. Sie ist ein Spiegelbild der Gedanken einer Person, welches auf das mentale Bild einer anderen Einfluss nimmt. Auch wenn es nicht unbedingt bewusst erfolgt, nutzen wir alle sprachliche Mittel, um Mitmenschen auf die eine oder andere Weise zu beeinflussen.

Der Erste, der versuchte, wissenschaftlich zu untersuchen, wie Sprache das Denken verändert, war Benjamin Whorf. Er behauptete, dass die Grammatik und der Wortschatz einer Sprache die Wahrnehmung der Welt bestimmen – eine Tatsache, die wiederum jede Sprachgemeinschaft mit einem gemeinsamen Verhalten und einer gemeinsamen Wahrnehmung ausstattet, die für ihre Sprache spezifisch sind.

Frau beherrscht die Kunst, sich der Schuld zu entziehen
Die Sprache ist ein sehr effektives Mittel, um sich der Schuld zu entziehen.

Ein Beispiel

Damit du besser verstehst, wie abstrakte und unbewusste Ideen mit der Sprache verbunden sind, erklären wir kurz ein Experiment, das unter spanischen und deutschen Sprechern durchgeführt wurde, um den Einfluss des Wortgeschlechts auf das Denken zu untersuchen. Darin mussten die Probanden Adjektive benennen, wenn ihnen ein Wort vorgelegt wurde.

So können wir als Referenz das Wort “llave” nehmen, das “Schlüssel” bedeutet. Im Spanischen handelt es sich um ein feminines Wort. Die deutschen Teilnehmer beschrieben den Schlüssel mit Worten wie “hart”, “schwer” und “nützlich”, während die Spanier Begriffe wie “golden”, “klein” und “schön” verwendeten. Die Schlussfolgerung des Forscherteams ist, dass das Geschlecht unbewusst die Denkweise beeinflusst, da damit unbewusste Vorstellungen übertragen werden.

Sprache und die Kunst, sich der Schuld zu entziehen

Schuld dreht sich ebenso wie Verantwortung um eine abstrakte Achse: die Kausalität. Das heißt, dass die eigenen Handlungen Konsequenzen nach sich ziehen, die als bewusst und gewollt verstanden werden. Wenn die Konsequenzen jedoch negativ sind, entstehen aufgrund des Fehlers Schuldgefühle. Du musst jetzt Verantwortung übernehmen und entsprechende Maßnahmen ergreifen.

Was passiert, wenn jemand nicht beabsichtigt, den Fehler zuzugeben oder den Schaden zu beheben? Oder wenn jemand absichtlich bestimmte Folgen provoziert?  Hier kommt die Kunst ins Spiel, sich der Schuld durch geschickte Sprachkompetenz zu entziehen. Unter Berücksichtigung der oben genannten Elemente gibt es dafür drei grundlegende Strategien:

  • Entkopplung der Folgen von den Handlungen: Das bedeutet, die Kausalität zwischen Handlung und Folge abzustreiten. Ein Beispiel dafür ist Gaslighting: “Wenn du wütend bist, wenn ich schlecht über dich rede, liegt das daran, dass du übertreibst.”
  • Die Absicht abstreiten: “Es war ungewollt” ist eine Ausrede, um die Schuld für die Konsequenzen nicht auf sich nehmen zu müssen.
  • Die Ausrede, dass die negativen Folgen nicht vorhersehbar waren: So wird der Eindruck vermieden, dass das Ergebnis der Handlung nicht absehbar war. “Woher sollte ich wissen, dass ich am Montag nicht leistungsfähig bin, nur weil ich am Sonntag ausging?”

All dies führt dazu, dass man Konsequenzen und Verantwortung für Fehler abwendet, sowohl gesellschaftlich als auch persönlich.

Mann beherrscht die Kunst, sich der Schuld zu entziehen
Schuld zu vermeiden bedeutet, keine Verantwortung für die Konsequenzen zu übernehmen.

Beeinflusst die Sprache den Umgang mit Kausalität?

Auch hier lautet die Antwort: Ja. Grammatik, Semantik und Syntax haben auch einen Einfluss auf das Denken, der sich auf die Vermeidung von Schuld durch verbale Botschaften übertragen lässt. Schauen wir uns zum Beispiel den Unterschied zwischen dem Englischen und dem Spanischen an, wenn es darum geht, die Verursacher eines Ereignisses zu benennen.

Stell dir vor, jemand stößt mit einem Freund zusammen und dieser lässt deshalb ein Glas Wasser fallen. Im Englischen würdest du sagen: “you dropped the glass” (du hast das Glas fallen lassen), während du es im Spanischen mit “se te ha caído el vaso” (das Glas ist dir hinuntergefallen) ausdrücken könntest.

In beiden Fällen ist die offensichtliche Ursache der Stoß, aber nur im Spanischen gibt es eine passive Art, dies auszudrücken. Im Englischen könntest du auf die Verantwortung des Stoßes anspielen oder die Ursache dem Zufall zuschreiben, aber du musst immer auf einen “Schuldigen” hinweisen. Im Deutschen haben wir beide Möglichkeiten.

Unterschätze also nie die Macht der Worte. Ob es nun darum geht, Schuldzuweisungen zu vermeiden oder eine Wahl zu gewinnen, man sollte nicht vergessen, dass die Sprache das komplexeste Werkzeug ist, das wir haben, und dass sie die innere Welt eines jeden Menschen prägt. Lass uns fair damit umgehen.

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