Erziehungsstile, die zu Leiden führen

· 8. Oktober 2016

Viele Psychologen schenken den familiären Beziehungen spezielle Beachtung, um eine bestimmte psychische Pathologie zu erklären, die bei einem der Familienmitglieder aufgetreten ist. Die gesamte Psychologie, unabhängig von der psychologischen Schule, interessiert sich dafür und sieht in der Familie einen auslösenden Faktor für viele psychologische Störungen.

Es gibt eng verbundene Familien oder getrennte Familien, einen demokratischen versus autoritären Erziehungsstil, Unterschiede zwischen Generationen, Überbehütung, Vernachlässigung, Verlassen. Es gibt viele Phänomene, die untersucht worden sind und bei denen eine Verbindung zwischen einer bestimmten mentalen Krankheit und der familiären Situation festgestellt wurde.

Warum ist es so schwer, dieses Thema richtig darzustellen?

Eine Schwierigkeit bei diesem Thema liegt darin, es richtig darzustellen, zu erklären und dann auch entsprechend zu behandeln, insbesondere, weil die Gesellschaft bereits bestimmte Ideen als absolute Wahrheiten angenommen hat, die leider nicht immer so stimmen. Blut macht Verwandschaft aus, aber mehr als das bedeutet es zunächst nicht. Es werden aber bestimmte Sätze als wahr angenommen, wie etwa: „Es gibt nichts Wichtigeres als die Familie.“ – „Die Familie will einem niemals schaden.“ – „In der Familie muss man alles verzeihen.“

All dies verursacht starke Schmerzen, Schuldgefühle und Verwirrung bei Personen, die das Gefühl haben, dass ihre Verwandten sich nicht an diese Bedingungslosigkeit halten, die sie laut der Gesellschaft gegenüber der Familie zeigen sollten, die körperliche oder psychische Misshandlung erfahren haben oder die wahrnehmen, dass das Erziehungsmodell, mit dem sie groß geworden sind, ihre emotionale Entwicklung und Unabhängigkeit gebremst hat.
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Es gibt Familien, die mit Absicht Schaden zugefügt haben, und andere, die es ohne ihr Wissen getan haben, die eine solche Form der Liebe, der Ratschläge und der Erziehung übermittelt haben, die sie selbst für richtig gehalten haben, ohne zu bemerken, dass ihre Kinder gar nicht diese Zukunft haben wollen, die sie für sie ausgemalt haben.

Mit diesem Artikel möchten wir nicht vorgeben, alles Schlechte zu übertreiben, aber wir möchten versuchen, bestimmte Mythen vorzustellen, um dadurch Realitäten zu erklären: Und die Realität ist nun einmal, dass es Familien gibt, die heilen, und solche, die krank machen.

Zugeschriebene Rollen und Schubladen, in die man einfach gesteckt wird

Von dem Satz ausgehend „Er ist ein bisschen unruhig.“  bis hin zu „Er hat einen schwierigen Charakter.“  gibt es eine kaum wahrgenommene Reihe an kleinen Sätzchen, die, wenn sie im Kern der Familie ständig gesagt und wiederholt werden, diejenigen zerstören können, über die sie gesagt werden. Im Grunde genommen ist dies eine Form, jedem Kind eine Identität zuzuschreiben, dadurch an weiteren Erklärungen zu sparen und in vielen Fällen die eigenen elterlichen Schwächen in der Erziehung zu überdecken.

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Ein Kind von Anfang an in eine Schublade zu stecken, ist eine Form, sein Verhalten zu beeinflussen, es damit glauben zu lassen, dass sein Verhalten unverbesserlich und einfach Teil seines Seins ist. Diese Schubladen werden von den Eltern an Lehrer und Bekannte weitergereicht, und beeinflussen die direkte Umgebung, in der das Kind sich bewegt.

Die Schubladen, in welche die Kinder gesteckt werden, bleiben nicht nur innerhalb der Familie aufrechterhalten, sondern sie übertragen sich auf die Lehrer und auf Bekannte des Kindes. Wenn dieses sein Verhalten ändern will, stößt es auf eine Mauer des Misstrauens.

Schlecht verstandene Liebe

Oft hören wir den Satz: „So wie dich deine Familie liebt, so wird dich niemand lieben.“  Dieser Satz verletzt die Gefühle vieler Personen, die dies eben nicht so erlebt haben, und erschwert es, dass Missbrauch erkannt oder auch angezeigt wird. Wir sollten auch nicht vergessen, dass missbräuchliche Handlungen in beide Richtungen stattfinden können, von der älteren an die jüngere Generation, aber auch von der jüngeren an die ältere.

Nur weil jemand „dein Blut in sich trägt“, bedeutet es nicht, dass er dir mit seinem Verhalten nicht doch schaden könnte. Verwandtschaft ist etwas Biologisches, Genetisches und ein gutes Verhältnis wiederum ist etwas Affektives, Kommunikatives und trägt den großen Unterschieden zwischen den Individuen Rechnung, was wiederum nur sehr wenig mit erblichen Faktoren zu tun hat.

Die Gene bauen eine erbliche Verbindung auf, die nicht unbedingt mit einer befriedigenden affektiven Bindung einhergehen muss. Diese Art der Glaubensvorstellungen, die in der Gesellschaft vorhanden sind, erschweren es uns, unsere wahren Interessen und Bedürfnisse als Individuen zu erkennen.

Die Überbehütung, die erstickt und begrenzt

Es reicht nicht, grenzenlos zu lieben, denn sogar in der Liebe muss man nach einer guten Balance suchen. In frühen Entwicklungsstadien des Kindes kann man bei diesem das Bedürfnis beobachten, sich bei der Entdeckung seiner Umwelt an einer wichtigen Beziehungsperson zu orientieren. Das ist etwas, was die Psychologen John Bowlby und Mary Ainsworth herausgefunden haben.

Studien mit Affen, die von Harry Harlow durchgeführt wurden, beweisen, dass die Affektion und die Zuneigung eines Babys zur Mutter fundamental wichtig sind, um eine Sicherheit gebende Bindung zu entwickeln, die es dem Baby erlaubt, die Welt in Unabhängigkeit zu entdecken. Diese Bindung sollte jedoch nicht mit Überbehütung verwechselt werden.

Die Sorge um die Sicherheit eines Kindes sollte nicht seine Freiheit einschränken, seine Umgebung entdecken zu können. Diese frühe Form der Interaktion mit der Welt wird seine Stärke und Sicherheit bei zukünftigen Herausforderungen bestimmen, denen es sich ausgesetzt sieht.

 Unerfüllte Wünsche, die auf die Kinder übertragen werden

Viele Kinder sind Wunschkinder, aber ganz sicher bedeutet das nicht, dass es sich nicht um eine Entscheidung handelt, die schließlich zu einer Verpflichtung wird. Methoden der Familienplanung und die massive Einbeziehung der Frau in die Arbeitswelt haben dazu geführt, dass die Anzahl der Kinder pro Paar abnimmt und dass einige Paare öffentlich die Entscheidung verteidigen, die sie gewählt haben: Keine Nachkommen zu haben.

Sobald es sich jedoch um eine Option und schon nicht mehr um eine Pflicht handelt, befinden wir uns in einer komplexeren Situation, die ein großes Verantwortungsbewusstsein und Ehrlichkeit verlangt: Die Kinder sollten nicht ein letzter Rettungsversuch für die Beziehung sein, sie sind nicht eine Form der emotionalen Selbstbestätigung und es gibt keinen Grund, warum sie unter dem Gewicht unseres eigenen Frusts leiden sollten.

Es ehrt dich, wenn du deinem Kind eine bessere Kindheit wünschst, als du sie erlebt hast, weil die deine vielleicht voller emotionaler Mängel oder finanzieller Einschränkungen war. Wenn du aber all das, was du selbst nicht machen konntest oder du dich nicht getraut hast, auf dein Kind projizierst, dann irrst du dich in deiner Einstellung.

Unseren Kindern Ziele zu setzen, die mit dem in Verbindung stehen, was wir selbst erreicht oder auch nicht erreicht haben, ihre Entscheidungen damit zu vergleichen oder auf sie Druck auszuüben, einem bestimmten Weg zu folgen, heißt, ihre Individualität zu zerstören. Unsere Rolle als Menschen, die sie lieben, besteht darin, ihnen bei der Suche nach ihrem Weg zu helfen und sie dazu zu bewegen, die besten Werkzeuge zu erlangen, um auf diesem voranzukommen.

Seien wir uns darüber bewusst, dass die Kinder uns nicht gehören, ihre einzige Besitzerin ist das Leben, was ihnen einmal gegeben wurde.
Die Geister, die du seit deiner Kindheit mit dir herumschleppst
Die Kindheit ist die bedeutendste Etappe im Leben,
wenn es darum geht, sich Werte, Wissen und Verhaltensformen… >>>Mehr