Erfolgreiche Tigerkinder: Chinas wettbewerbsfähiges Bildungsmodell

Konfuzius lehrte, dass Tigereltern ihre Kinder dazu erziehen, loyal zu sein, und eine starke Arbeitsmoral zu entwickeln, um der Familie durch akademischen und sozialen Erfolg Ehre zu machen. Dieses philosophische Prinzip durchdringt auch heute noch die chinesische Bildungskultur.
Erfolgreiche Tigerkinder: Chinas wettbewerbsfähiges Bildungsmodell
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 30. September 2022

Der konfuzianische Gedanke durchdringt weiterhin die östliche Kultur. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Lehren dieses Meisters und dieses Vermächtnis schon mehr als zweitausend Jahre alt sind. Die Beiträge des chinesischen Denkers sind in der Philosophie, der Kultur und dem Denken dieses Volkes tief verankert. Das kann in vielen Lebensbereichen Vorteile, aber auch einige Einschränkungen haben. Letztere gilt es zu überdenken oder neu zu formulieren. Wir sprechen heute über das chinesische Bildungsmodell und die “Tigerkinder”, die dieses hervorbringt.

Das Konzept der “Tigermutter” hat vor ein paar Jahren durch die Veröffentlichung eines Buches an Popularität gewonnen. Amy Chua, Juraprofessorin an der Universität Yale, ist Autorin des umstrittenen Werks “Die Mutter des Erfolgs: Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte“, in dem sie die Freizügigkeit und Laxheit des westlichen Erziehungsmodells infrage stellt.

Stattdessen schlägt Chua jenes Modell vor, das in China seit Jahren brillante junge Menschen hervorbringt. Die junge Generation erzielt in verschiedenen Bereichen der Wissenschaft, des Sports und der Kunst Bestleistungen. Chua selbst erzog ihre Töchter nach der chinesischen Methode zu Spitzenleistungen und Disziplin. Doch wie sie an einer Stelle des Buches feststellte, rebellierte ihre 13-jährige Tochter an einem Punkt. Das brachte Chua dazu, über ihre Erziehungsmethoden nachzudenken.

Einheits-Erziehungsphilosophien – wie die auf konfuzianistische Techniken basierenden – funktionieren nur mit Druck und Autoritarismus. Die Eltern setzen dabei folgende Werkzeuge ein: Sie versuchen, ihre Kinder so zu formen, dass diese in einer äußerst feindseligen und konkurrenzbetonten Umgebung überleben können.

Dies ist ein Modell, das uns aus sozialer, psychologischer und anthropologischer Sicht ansprechen kann. Die Prägung durch dieses Bildungsideal hinterlässt jedoch schwerwiegende Nachwirkungen bei den jungen Menschen.

Die konfuzianische Philosophie sieht Kinder als Tiere, die gezähmt und erzogen werden müssen. Diese sollen der Familie treu bleiben und Erfolg bringen.

erfolgreiche Tigerkinder
Tigerkinder haben vielfach Angst, Fehler zu machen, da sie ihre Eltern nicht enttäuschen möchten.

Tigerkinder: strenge Eltern, unglückliche Kinder

Jedes Jahr findet in China die “Gao Kao” statt, eine sehr schwierige Hochschulaufnahmeprüfung. Das Land ist für zwei Tage fast lahmgelegt, denn mehr als 10 Millionen junge Menschen setzen ihr Schicksal aufs Spiel. In der Atmosphäre sind Angst, Beklemmung und Nervosität fast greifbar. All diese Jungen und Mädchen streben danach, eine bestimmte soziale Leiter zu erklimmen.

Das Ergebnis dieses Tests entscheidet darüber, wer Zugang zu den besten Universitäten des Landes und dann eine Genehmigung, in einer der elitärsten Städte Chinas zu leben, erhält. Der Rest wird sich für eine Provinz-Universität mit weniger Prestige entscheiden müssen. Neben schulischem Erfolg oder Misserfolg geht es aber vor allem darum, die Familie zu ehren oder zu enttäuschen.

Viele Eltern vertreten die Philosophie, von Geburt auf Tigerkinder zu erziehen. Das Ziel ist nichts anderes, als bei den Nachkommen die Bereitschaft zu fördern, nach akademischen Leistungen zu streben. Eine gute Hochschulbildung ist ein Statussymbol und ein lang ersehntes elterliches Ziel. Sie im Stich zu lassen, gilt fast als moralischer Angriff auf die Familieneinheit.

In vielen östlichen Ländern wie China ist die Bildung das Tor zum Erfolg und ermöglicht es, den sozioökonomischen Status zu verbessern.

Kinder, die im Dschungel des Wettbewerbs zu Tigern werden wollen

Das philosophische Bild der Tigerkinder hat seinen Ursprung in den Texten von Konfuzius. Der chinesische Denker lobte hierarchische Familienstrukturen, in denen die Eltern als Tiger agieren, die ihre Kinder erziehen und zähmen. Werte wie Loyalität, Hingabe an die Familie, harte Arbeit und Ehrlichkeit sind die Säulen dieser Erziehung.

Heute sind diese Prinzipien an die vorherrschende Kultur in Ostasien angepasst. Eltern streben danach, Tigerkinder aufzuziehen, die sich im Dschungel des Wettbewerbs durchsetzen können. Der schulische Erfolg ist das einzige Mittel, um eine gute sozioökonomische Position in einer Klassengesellschaft zu erreichen.

Die Strategien, um diesen Erfolg zu erreichen, basieren auf den folgenden Prinzipien:

  • Strenge und disziplinierte Erziehung auf der Grundlage von Aufopferung. Kinder können ihre Kindheit kaum genießen. In der Pubertät sind ihre Möglichkeiten, soziale Kontakte zu knüpfen und mit Gleichaltrigen in Kontakt zu treten, stark begrenzt.
  • Die Familie schränkt ihre Kinder ein, um frühzeitige romantische Beziehungen zu verhindern. Diese sollen sich ausschließlich auf ihr Studium und ihren Zugang zu einer angesehenen Universität konzentrieren.
  • Die Erwartungen, die Tigereltern an ihre Kinder stellen, sind überzogen. Das Versagen des jungen Menschen bedeutet Scham für die Familie.
  • Dem Kind fehlt es an Autonomie und an grundlegenden psychosozialen Fähigkeiten. Tigerkinder wachsen in einem autoritären Modell auf, in dem Strafen häufig sind. Verachtung, ständige Bedrohung und fehlende emotionale Bindung sind in der Erziehung ganz normal.

Bildung ist in China der soziale Aufzug, der es jungen Menschen ermöglicht, eine höhere Lebensqualität zu erreichen und die eigene Familie zu ehren. Dieser psychologische Druck ist ein Faktor, dem nicht jeder standhalten kann.

Tigerkinder leiden stark an dem Druck durch die Eltern und Gesellschaft
Tigerkinder haben ein höheres Risiko für Depressionen.

Tigerkinder leiden häufig an Depressionen und Ängsten

Die Suizidrate liegt in China bei 10,02 pro 100.000 Einwohner. Das ist mehr als der weltweite Durchschnitt. Es stimmt, dass sich hinter diesen Zahlen eine erhebliche Heterogenität verbirgt. Wir können jedoch nicht die Tatsache ignorieren, dass ein Teil derjenigen, die sich das Leben nehmen, junge Menschen sind.

Studien wie die der Central South University in Hunan, China, bestätigen, dass die Depressionsrate unter chinesischen Universitätsstudenten extrem hoch ist. Der Zugang zu höherer Bildung garantiert noch lange nicht die Befriedigung, die eigene Familie geehrt und das ersehnte Ziel erreicht zu haben. Der Druck geht weiter, eigentlich hört er nie auf.

Tigerkinder sind nicht unbedingt erfolgreich. Wir haben es vielfach mit traumatisierten Jungen und Mädchen zu tun, die mit Stress und Ängsten zu kämpfen haben. Die Betroffenen werden von ihren Familien gedrängt und verfügen über geringe psychosoziale Kompetenzen. All das ist eine tickende Zeitbombe für die psychische Gesundheit.

Strenge Bildungsmodelle, die auch mit Ideologie beladen sind, nehmen dem Einzelnen die Freiheit und die Möglichkeit, das zu werden, was er will. Nicht jeder kann Tiger sein, auch Löwen, Gazellen, Delfine oder Steinadler brauchen Chancen, um ihr Glück zu finden.

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  • Chu, Amy (2011) Madre tigre, hijos leones: Una forma diferente de educar a las fieras de la casa. Roca
  • Lei XY, Xiao LM, Liu YN, Li YM. Prevalence of Depression among Chinese University Students: A Meta-Analysis. PLoS One. 2016 Apr 12;11(4):e0153454. doi: 10.1371/journal.pone.0153454. PMID: 27070790; PMCID: PMC4829172.

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