Erfahrungsbasiertes Lernen gibt uns erstaunliche Macht

Erfahrungen sind ein wertvolles Instrument, das uns hilft, besser zu werden. Doch oft lernen wir nicht daraus und wiederholen dieselben Fehler. Warum ist das so?
Erfahrungsbasiertes Lernen gibt uns erstaunliche Macht
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 28. Januar 2023

Erfahrungsbasiertes Lernen gibt allen Lebewesen erstaunliche Macht. Tier, Pflanzen und sogar Bakterien experimentieren diesen Prozess, um sich besser an ihre komplexe Umgebung anzupassen. Bei uns Menschen ist allerdings eine ungewöhnliche Schattierung zu beobachten, die dieses Thema besonders interessant gestaltet.

John B. Watson, der berühmte Psychologe und Vater des Behaviorismus, pflegte zu sagen, dass jedes Verhalten das Ergebnis eines Lernprozesses ist. Allerdings, und hier kommt der springende Punkt, ziehen wir nicht immer die richtigen Schlüsse aus unseren Erfahrungen.

Das würde erklären, warum viele immer wieder in affektive Beziehungen geraten, die sie unglücklich machen. Wir stolpern nicht nur immer wieder über denselben Stein, sondern sind richtig vernarrt in ihn. Aus irgendeinem Grund ist nicht jede Erfahrung, die das Schicksal uns beschert, auch eine wertvolle Lernerfahrung.

Wie Oscar Wilde erklärt, hat Erfahrung keinen ethischen Wert, sie ist nur der Name, den wir unseren Fehlern geben. Lass uns tiefer gehen.

Jüngste Studien zeigen, dass wir in der Kindheit bessere Schlussfolgerungen aus unseren Erfahrungen ziehen, als wir es als Erwachsene tun.

Erfahrungsbasiertes Lernen von Kindern

Erfahrungsbasiertes Lernen

Tiere und Kinder sind am besten, wenn es darum geht, aus Erfahrungen zu lernen. Sie fliehen vor dem, was ihnen schadet, und lernen, welche Reize und Kontexte für sie vorteilhaft sind.

Schwierig am Erwachsenwerden ist jedoch, dass das Leben komplexer wird und es nicht immer einfach ist, gute Schlussfolgerungen zu ziehen. Es gibt also etwas Gemeinsames, das wir in der Psychologie gut kennen. Wenn mehrere Menschen dieselbe Erfahrung machen, konstruieren sie manchmal unterschiedliche Interpretationen der Erfahrung und erfahren entgegengesetzte Lernprozesse.

Der Grund dafür ist, dass jeder Mensch die Realität aus seiner eigenen Perspektive und Persönlichkeit betrachtet und wahrnimmt. Erfahrungsbasiertes Lernen gibt zwar viel Kraft, aber es muss so objektiv und logisch angepasst wie möglich geschehen. Und diese Kunstfertigkeit nicht gerade einfach ist.

Denn wie der Philosoph Gottfried Leibniz einmal feststellte, besteht die Erfahrung der Welt nicht in der Anzahl der Dinge, die man gesehen hat, sondern in der Anzahl der Dinge, über die man gründlich nachgedacht hat.

Erwachsene scheinen eher irrational zu sein, wenn es darum geht, aus Erfahrungen zu lernen

Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin hat kürzlich eine aufschlussreiche Studie durchgeführt. Dabei stellte sich heraus, dass Babys schon im frühen Alter die intuitive Fähigkeit haben, korrekte statistische Urteile zu fällen. Diese Fähigkeit zeigen auch Affen, die ebenfalls sehr geschickt Informationen ableiten und Entscheidungen treffen können, wenn sie mit verschiedenen Wahrscheinlichkeiten konfrontiert werden.

Die frühkindliche Kognition ist sehr ausgeklügelt, auch die einiger Tiere. Sie sind Lebewesen, die in der Lage sind, gute intuitive Schlüsse zu ziehen. Wenn wir das Erwachsenenalter erreichen, lässt die Fähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen, nach. Werden wir vielleicht “dumm”? Die Antwort ist natürlich negativ.

Wenn wir erwachsen werden, filtern wir jede Erfahrung durch unsere Persönlichkeit, unseren emotionalen Zustand und unsere Bedürfnisse. Manche Menschen sind in der Lage, auf logische und rationale Weise wertvolle Lehren aus ihren Erfahrungen zu ziehen. Wir sind jedoch das Ergebnis unserer Emotionen, unserer kognitiven Voreingenommenheit und unserer Einstellungen.

Es ist nicht immer leicht, aus dem zu lernen, was uns widerfährt, wenn unser Verstand uns nicht erlaubt, die Dinge analytisch und objektiv zu analysieren.

“Erfahrung ist der Gehstock des Blinden.”

Jacques Roumain

Erfahrungsbasiertes Lernen… Erkenne dich selbst zuerst

Erinnern wir uns an die Inschrift am Tempel des Apollo in Delphi: “Temet Nosce” (Erkenne dich selbst). Nur wenige Botschaften, die unsere Vorfahren hinterlassen haben, sind so nützlich und transzendent zugleich. Selbsterkenntnis ist die Wurzel, die alles nährt, das Licht, das alles erhellt.

Eine größere Selbsterkenntnis ermöglicht es uns, erfahrungsbasiertes Lernen zu optimieren. Wir sind ein Puzzle, das sich aus unseren vergangenen Erfahrungen, unseren Gedanken, Emotionen, Bedürfnissen, Träumen, einem physischen Körper und einem Bewusstsein zusammensetzt.

Wir müssen mit jedem dieser Bereiche in Kontakt kommen und uns darin bewegen. Nach und nach werden wir ein realistischeres Bild von uns zeichnen. In dem Moment, in dem wir uns so kennen, wie wir es verdienen, werden wir aus der Erfahrung lernen, wie wir es brauchen. Von da an wird uns das, was wir aus jeder Erfahrung lernen, dabei helfen, einen sicheren und bereichernden Weg für uns selbst zu finden.

Es gibt schmerzhafte Erfahrungen, die unseren individuellen Fortschritt verlangsamen, aber sie können uns dennoch einige Lektionen vermitteln.

Frau in gelbem Blumenfeld genießt erfahrungsbedingtes Lernen

Aus schmerzhaften Erfahrungen lernen

Manche glauben, dass ein Mensch erst im Umgang mit Widrigkeiten herausfindet, worum es im Leben geht. Das ist nicht der richtige Ansatz. Menschen lernen aus schwierigen Ereignissen, aber auch aus unbedeutenden und glücklichen Momenten.

Wir sind erfahrungsorientierte Lebewesen und ziehen immer Schlussfolgerungen aus allem, was wir sehen, hören und fühlen. Es gibt aber noch eine andere unbestreitbare Tatsache. Es gibt schmerzhafte Erfahrungen, die uns blockieren und ausbremsen. Die Herausforderungen des Schicksals stellen uns auf die Probe und egal, wie schmerzhaft manche Ereignisse sind, es ist möglich, etwas zu lernen.

Der Schlüssel ist, nicht aufzuhören zu lernen, trotz der Jahre, trotz des Schadens. Nur der demütige Geist, der sich selbst kennt und sich erlaubt, jeden Tag zu lernen, kommt in Würde und Gelassenheit auf der Reise des Lebens voran.


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