Entlieben – ein herzzerreißender Prozess

23. April 2019

Entlieben bezieht sich auf jenes schreckliche Schwindelgefühl, das sich aus der Erkenntnis speist, dass die Person, die wir lieben, nicht die ist, für die wir sie gehalten haben. Alfred Hitchcock hat dieses Gefühl in seinem Film Vertigo – Aus dem Reich der Toten  (1958) nur zu gut dargestellt.

Entlieben bedeutet, dass das Podest, auf das wir die andere Person gestellt haben, langsam zerbröckelt. Das Schlimmste daran ist, dass wir nichts tun können, um es zu stoppen, es passiert einfach vor unseren Augen. Dieser Prozess setzt ein, wenn wir beginnen, die Realität zu sehen. Wenn wir mit dieser Situation konfrontiert sind, ziehen wir es manchmal vor, zu fliehen oder unsere geliebte Person durch den Schleier unserer wunderbaren Vorstellungskraft zu betrachten.

Eines ist sicher: Wir haben die Kontrolle über unsere Vorstellungskraft und können damit alles schaffen, was wir wollen. In unserer Fantasie erschaffen wir einen anderen Menschen. Einen Menschen, von dem wir wissen, dass er nicht echt ist. Unsere Liebe ist dann auch nur mehr ein Produkt unserer Fantasie, so wie wir sie gern haben wollen …

Sich zu entlieben ist schwierig, weil wir selbst oft Widerstand leisten. Wir wollen die Realität nicht akzeptieren, aber es gibt nichts, was uns den Schmerz ersparen könnte. Wir können unser Leiden nicht mehr in Magie verwandeln. Denn es ist wirklich vorbei. Für immer.

„Ich will den Herzschmerz nicht verherrlichen oder romantisieren, aber für mich war es eine Art, zu sterben, und ich musste trotzdem weiterleben.“

Warsan ShireEine Frau weint.

Das verheerende Gefühl, sich zu entlieben

Sich zu entlieben bedeutet also, dass wir erkennen, dass wir unseren Partner durch eine rosarote Brille betrachtet haben und er in Wirklichkeit einen anderen Charakter hat, als wir bisher angenommen haben. Es ist auch das, was passiert, wenn unserer Partner zu uns sagt, dass er nie das Gleiche für uns empfunden hätte, dass es niemals „echte Liebe“ für ihn gewesen sei. Es ist auch diese Leere, die wir fühlen, wenn wir unseren Partner plötzlich als einen Fremden betrachten und nicht als unsere bessere Hälfte.

Wenn dies geschieht, macht die Liebe uns nicht länger blind; wir sehen dann die Realität. Und diese Wahrheit lähmt uns. Endlich sehen wir die andere Person so, wie sie wirklich ist, ohne Filter. Wir fühlen uns hilflos und unser Leben erscheint plötzlich bedeutungslos. Die Liebe wird zu einem Schwindelgefühl, weil sie nicht echt ist.

Die Realität kann uns manchmal unerträglich erscheinen, und obwohl wir uns in einer Beziehung befinden, fühlen wir uns einsam und sind enttäuscht. Wir ziehen es vor, die Situation herunterzuspielen, statt uns dem unangenehmen Gefühl des Schwindels zu stellen. Wir stellen uns dann vor, wie Liebe sein sollte. Wir unterdrücken unseren Schmerz und verwandeln unsere ungelösten Probleme in Fantasien, die uns schließlich nur noch mehr schaden. Durch den Blick durch die rosa Brille idealisieren wir Ehen und Beziehungen, die niemandem guttun.

Es ist jedoch wichtig, zu wissen, dass es viele Menschen gibt, die bereit sind, uns auf eine Weise zu lieben, die wir uns gar nicht vorstellen können. Es gibt Menschen, die uns niemals allein lassen würden. Diese Menschen machen unsere Realität viel lebenswerter als unsere Fantasien.

Paar in intimer Umarmung

Echte Liebe kann auch Schwindel verursachen

Wir können nicht leugnen, dass Liebe auch Geheimnisse braucht. Wir müssen uns nicht gänzlich unserer besseren Hälfte offenbaren. Über uns selbst sprechen zu können, ist gut, aber es ist nichts falsch daran, von Zeit zu Zeit etwas für uns zu behalten.

Es gibt viele Gründe, warum zwei Menschen sich lieben. Wenn wir aber der Meinung sind, dass unsere Liebe unseren Vorstellungen entsprechen werde, liegen wir falsch. Denn letztendlich weicht die Realität immer von unserer Vorstellung ab.

„Liebe niemals jemanden, der dich so behandelt, als wärst du gewöhnlich.“

Oscar Wilde