Emotionale Fragilität: Die Schlüssel zum Verständnis unseres Ichs und seiner Stärkung

· 26. Oktober 2018

Emotionale Fragilität unterscheidet sich stark von emotionaler Sensibilität. Sensibilität beschreibt eher eine Eigenschaft, die uns ausmacht. Zerbrechlichkeit aber beschreibt einen Mangel an Ressourcen für die Verwaltung unserer komplexen, emotionalen Innenwelt. Mit anderen Worten, Fragilität bedeutet, dass wir große Probleme haben, uns selbst den kleineren Schwierigkeiten des Alltags zu stellen.

Wir erklären diesen Unterschied zwischen emotionaler Fragilität und Sensibilität einem sehr wichtigen Grund: Es gibt eine Menge Leute, die versuchen, ihre emotionale Fragilität in den Griff zu bekommen. Sie behaupten, dass sie so seien, wie sie sind, das sei nun mal ihr Leben. „Ich bin eben eine sensible Person und das kann ich nicht ändern“,  sagen diese Menschen häufig zu ihrer Verteidigung, und differenzieren dabei eben nicht zwischen Instabilität und Sensibilität.

Emotionale Fragilität kann zu lähmenden Zuständen führen, die Angst und Stress beinhalten und Depressionen verursachen mögen.

Es ist auch wichtig, zu verstehen, wenn ein Verhalten oder eine Einstellung uns nur unsicher macht bzw. zum Verlust unserer Kontrolle führt, dann gibt es keinen Platz für Ausreden. Sie gelten schlicht nicht, wenn dieser Zustand uns nur leiden lässt. Im Grunde haben sensiblere Menschen eine erweiterte Sicht auf das Leben. Sie können besser mit ihren Bedürfnissen und ihrer Umwelt umgehen. Zerbrechliche Menschen stoßen schnell an ihre emotionalen Grenzen.

Darüber hinaus liegt emotionaler Fragilität oft ein größeres Problem zugrunde. Das können zum Beispiel depressive Störungen, Ängste, schlechtes emotionales Management, etc. sein. Daher werden wir das Problem nun noch ein weniger näher erläutern.

Eine Maske, die zersprungen ist

Emotionale Fragilität: Ursachen und Eigenschaften

Die American College Health Association veröffentlichte vor einigen Jahren eine interessante Studie über emotionale Fragilität. Darin stellte der Verband eine besorgniserregende Statistik vor, nach der Jugendliche heute viel eher an Depressionen, Stress und emotionaler Abhängigkeit leiden. Das Schlimmste ist, dass die Selbstmordraten in dieser Altersgruppe ebenfalls gestiegen sind. Ein Grund dafür, laut dieser Veröffentlichung, sei die weite Verbreitung emotionaler Zerbrechlichkeit.

Die meisten dieser psychologischen Probleme haben ihre Wurzeln in der Erziehung. Pädagogen und Eltern haben nur verzögert darauf reagiert, dass unsere Gesellschaft mehr und mehr Kompetenzen fordert. Das hat dazu geführt, dass Eltern noch härter arbeiten, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Gleichzeitig leiten sie ihre Kinder dazu an, selbst in jungen Jahren fleißiger zu sein, um später in ihrem Leben Erfolg zu haben. Manchmal zwingen Eltern ihre Kinder dabei, sich selbst zu übertreffen, und erinnern sie ständig daran, wie besonders sie seien, wenn sie sich nur anstrengen.

Die Eltern versuchen also, ihren Kindern alle möglichen Ressourcen zur Verfügung zu stellen, um sicherzustellen, dass sie erfolgreich sein können. Natürlich ist dieser Wunsch der Eltern verständlich. Aber manche Eltern vergessen dabei ein paar wichtige Details.

Denn oft schützen Eltern ihre Kinder vor Misserfolgen. Aus diesem Grund ist der Nachwuchs nicht in der Lage, mit Frustration fertig zu werden, egal wie klein diese ist. Er tut sich dann auch schwer, zu lernen, eigene Entscheidungen zu treffen. Er fühlt sich unsicher und äußerst unbehaglich, wenn es darum geht, mit den eigenen Emotionen umzugehen.

Nach und nach merkt diese Generation dann, dass sie für alle anderen nicht so „besonders“ ist, wie ihr immer gesagt wurde. Sie erkennt dann, dass sie nicht über die Fähigkeiten, Werkzeuge oder Strategien verfügt, um selbst die grundlegendsten Probleme zu bewältigen. Das ist die Basis emotionaler Fragilität.

Eine junge Frau sitzt niedergeschlagen an einem Ufer.

Diese sind typische Eigenschaften von emotional fragilen Menschen:

  • Unfähigkeit, Gefühle wie Traurigkeit, Wut, Enttäuschung usw. zu verarbeiten und zu verstehen. Oft reagieren Betroffene sehr stark auf ihre Gefühle.
  • Unfähigkeit, mit Frustration umzugehen
  • Sich von einfachen Problemen, Meinungsverschiedenheiten oder anderen Situationen überwältigt fühlen, die nicht so verlaufen, wie der Betroffene es sich erhofft hatte
  • Schwierigkeiten, die Kontrolle über das eigene Leben zu übernehmen; ein Gefühl, dass einem alles zu viel sei
  • Fortwährende Probleme im Sozialleben, die von den Gedanken an Täuschung und Verrat geprägt sind
  • Geringer Antrieb, Apathie, ständige Melancholie
  • Ein ständiges Gefühl der Leere
  • Betroffene scheinen unsicher zu sein, auch bei der Ausführung der leichtesten Aufgaben. Sie fühlen sich inkompetent und haben ein geringes Selbstwertgefühl.

Unsere emotionale Gesundheit hängt oft davon ab, wie wir aufgewachsen sind, und von der Qualität unserer frühesten Interaktionen mit anderen Menschen. Aber eine toxische oder ineffektive Erziehung ist nicht das Ende. Man kann emotionale Fragilität jederzeit überwinden.

Strategien, um das Ich zu stärken und emotional stark zu werden

Wenn wir verstehen wollen, wie wir emotional stärker werden können, stellen wir uns doch eine Porzellantasse vor. Wir wissen, dass das Material der Tasse empfindlich ist. Vielleicht können wir auch schon kleine Faserrisse auf der Oberfläche erkennen. Doch diese Porzellantasse ist alles andere als zerbrechlich. Tatsächlich ist sie erstaunlich wegen ihrer Schönheit, ihres Designs und all ihrer kleinen Unvollkommenheiten.

Gesicht eines Jungens, der aus Laub herausblickt

Wir können durchaus empfindlich sein, aber wir sollten nicht zerbrechlich werden. Überschreiten wir nicht die Linie, hinter der wir zerbrechen werden. Erinnern wir uns an unsere Identität, unseren Eigenwert und unsere innere Schönheit. Aber wie machen wir das? Wie befreien wir uns von emotionaler Zerbrechlichkeit, die uns daran hindert, glücklich zu sein?

  • Der erste Schritt ist, sich unserer emotionalen Schwächen bewusst zu werden. Wir reden über all die Situationen, die uns begrenzen und Unbehagen verursachen. Es klingt vielleicht wie eine seltsame Methode, aber es gibt Studien, die zeigen, dass Kunsttherapie uns dabei helfen kann, dieses Problem in den Griff zu bekommen. Es ist eine gute Idee, unsere Gedanken, Emotionen und Probleme durch Farben und Zeichnungen zu erkunden.
  • Der zweite Schritt ist, Verantwortung für uns selbst zu übernehmen. Zerbrechliche Menschen fühlen sich als Opfer ihrer Umwelt, der Gesellschaft oder ihrer Mitmenschen. Sie reagieren nur wie ein Ball, der von einer Wand abprallt. Anstatt zu reagieren, müssen wir jedoch die Kontrolle übernehmen und Verantwortungsbewusstsein entwickeln.
  • Diese Verantwortung bedeutet auch, dass wir unsere vergangenen Erfahrungen hinter uns lassen und unsere Gegenwart gestalten. Alle Veränderungen gehen mit Angst einher. Aber wenn wir diese „Stolpersteine“ aus unserem täglichen Leben entfernen, werden wir merken, wie wir uns besser fühlen. Denn wir haben endlich die Kontrolle über uns selbst erlangt.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass dies offensichtlich kein einfacher Prozess ist. Oft brauchen wir die Hilfe eines guten Psychologen, um dies zu schaffen. So schwer es uns auch fallen mag, wir sollten uns immer daran erinnern, dass wir emotional stärker werden können.