Emily Dickinson und ihre inneren Dämonen

4. Juli 2019
Die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens verbrachte Emily Dickinson in ihrem Zimmer. Sie trug immer weiße Kleidung, litt an Migräne und bat darum, in einem nach Vanille duftenden weißen Sarg begraben zu werden.

„Man muss keine Kammer sein, um sich verfolgt zu fühlen und auch kein Haus“, schrieb Emily Dickinson. Aus psychologischer Sicht sind nur wenige Dichter und Dichterinnen so mysteriös wie die bekannte Lyrikerin.

Viele Literaturwissenschaftler glauben, dass ihre Gedichte wie Begräbnis fühlt‘ ich im Gehirn einen Einblick in die Psyche der Dichterin geben und warum sie eines Tages beschloss, ihr Zimmer nicht mehr zu verlassen und sich von der Welt und der Gesellschaft zu isolieren.

Es wurde viel spekuliert, ob die berühmte amerikanische Dichterin an einer psychologischen Erkrankung litt. Ihre frei gewählte Abkapselung begann 1864, als sie ca. 30 Jahre alt war, und endete am Tag ihres Tode im Alter von 55 Jahren. Während dieser Zeit zog Dickinson es vor, weiße Kleidung zu tragen und ihr Zimmer nicht zu verlassen.

Studien über Emily Dickinson

Aber gerade Dickinsons Abgeschiedenheit ermöglichte es ihr, sich ganz auf ihre literarische Arbeit zu konzentrieren. Ohne Zweifel schöpfte sie sehr viel Inspiration für ihre Gedichte aus ihrer Einsamkeit.

Aber nach und nach wurde sie nur noch ein Schatten ihrer selbst. So konnte sie noch nicht einmal an der Beerdigung ihres Vaters teilnehmen, die im Wohnzimmer ihres eigenen Hauses stattfand.

Im Jahr 2003 wurde eine interessante Studie mit dem Titel Reflections on Self-Reflexiveness in Literature (Deutsch: Reflexionen über Selbstreflexivität in der Literatur) in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht. In dieser Studie analysiert Professor David F. Mass Dickinsons emotionalen Zustand.

Seitdem wurden mehrere Studien zu diesem Thema veröffentlicht. Sie geben uns einen Eindruck davon, welche inneren Dämonen Emily Dickinson verfolgten und ihr letztendlich auch das Leben nahmen. Ironischerweise sind es die gleichen Dämonen, die ihr zweifelsohne einen kreativen Impuls gaben.

Ich fühlt‘ ein Begräbnis im Gehirn
Und Trauergäste – hin
Und her – die trampelten und trampelten
Bis alles Sinn ergab.

Und als sie alle saßen,
Die Andacht, trommelgleich,
sie hört nicht auf zu schlagen und schlagen,
Und schlug das Hirn mir weich.

Emily Dickinson

Ein Bild, das die berühmte Dichterin Emily Dickinson zeigt.

Emily Dickinson und ihre inneren Stimmen

Schon immer hatten Dichter die außergewöhnliche Fähigkeit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und über ihr Dasein zu reflektieren. Zum Beispiel schrieb Edgar Allen Poe selbst in seinem Gedicht Allein: „Von klein an ging ich eigne Bahn / Ich sah nicht so, wie andre sahn / Was mich ergriff zu Lust und Pein / Das musste ungewöhnlich sein.“

Es scheint, dass aus irgendeinem Grund viele Dichter sowohl außergewöhnlich brillant als auch an psychischen Problemen litten. Oft waren sich die Lyriker dieser beiden Faktoren bewusst.

Emily Dickinson schrieb in ihrem Gedicht Begräbnis fühlt‘ ich im Gehirn, dass ihr Wahnsinn Gott gegeben sei. Dieser Wahnsinn ließ sie ihre tiefsten Nöte fühlen und diente ihr als Inspiration für ihre Gedichte.

Migräne

Was wir allerdings über Emily Dickinson wissen sollten, ist, dass sie wie viele andere Menschen nicht nur an einer psychischen Erkrankung litt. Es gibt Hinweise darauf, dass sie auch viele physische Probleme hatte, wie z. B. Migräne.

Soziale Angst und Agoraphobie

Manche Experten über Emily Dickinson glauben, dass die Dichterin beschloss, sich abzusondern, um sich besser auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Dabei müssen jedoch einige Aspekte berücksichtigt werden:

  • Zuallererst war Dickinsons Isolation absolut. Sie empfang weder Besuch, noch ihre eigene Familie, die im selben Haus lebte.
  • Die Dichterin zog es vor, durch die geschlossene Tür mit ihren Brüdern und Neffen zu kommunizieren (wann immer dies möglich war).
  • An Freunde schrieb sie Briefe.

Damalige Ärzte informierten Dickinsons Familie darüber, dass Emily an einer seltenen Krankheit namens „nervöse Erschöpfung“ litt. Heutzutage werden die Symptome der Dichterin mit sozialer Angst und schwerer Agoraphobie (Platzangst) in Verbindung gebracht.

Emily Dickinson kämpfte mit ihren inneren Dämonen.

Schizotypische Persönlichkeitsstörung

In dem Buch Wider than the Sky: Essays and Meditations on the Healing Power of  Emily Dickinson (zu Deutsch etwa: Größer als der Himmel: Essays und Meditationen über die Heilkraft von Emily Dickinson) herausgegeben von Cindy MacKenzie schreibt die Herausgeberin wie sie Dickinsons Gedichte nutzte, um mit ihrer eigenen Krankheit umzugehen.

Dickinson war sich immer im Klaren darüber, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Ebenso wusste sie, dass ihre inneren Dämonen, wie die Dichterin sie nannte, ihre Vernunft und Sinne trübten und ihre innere Balance erschütterten.

Steven Winhusen, ein Arzt der John Hopkins University, veröffentliche eine weitere interessante Studie über Emily Dickinson.

Winhusen ist der Meinung, dass die berühmte Dichterin an einer schizotypen Persönlichkeitsstörung litt. Es gibt verschiedene Dinge, die seine Schlussfolgerungen stützen. Dazu zählen auch Emily Dickinsons Gedichte. Denn darin offenbart sie ihre Bedürfnisses nach Isolation und wie sich ihre Kreativität verschlechterte.

Dickinsons Gedanken, ihr kreatives Genie und die Emotionen, die sich in ihren Gedichten spiegeln, passen zweifellos zu dieser Diagnose.

Fazit

Emily Dickinson starb am 15. Mai 1886 an einer Nierenerkrankung. Interessanterweise ist dies die gleiche Erkrankung, an der auch Mozart verstarb. Dickinson wurde auf dem Friedhof ihrer Stadt in einem nach Vanille duftenden weißen Sarg begraben, gemäß den Anweisungen, die sie zurückließ.

Der Grund für ihre Isolation ist und bleibt ein Rätsel. Obwohl Dickinson ihr Geheimnis mit in ihr Grab nahm, hinterließ sie ein großes literarisches Vermächtnis. Trotz des immensen Leidens, das sie zweifellos aufgrund ihrer „inneren Dämonen“ verspürte, schenkte die Dichterin uns ihre beeindruckenden Gedichte.

 

  • Maas, DF (2003). Reflexiones sobre la autorreflexividad en la literatura. Et Cétera, 60 (3), 313.
  • Winhusen, S. (2004). Emily dickinson y la esquizotipia. The Emily Dickinson Journal, 13 (1), 77–96.
  • Thomas, H. H. (2008). Wider than the sky: Essays and meditations on the healing power of Emily Dickinson. The Emily Dickinson Journal, 17(2), 113–116,124.