Einen Psychologen aufsuchen: Warum es für viele so schwierig ist, diese Entscheidung zu treffen

Psychotherapie ist ein nützliches Werkzeug und viele Menschen sind sich dessen bewusst. Dennoch zögern viele, einen Psychologen aufzusuchen. Warum passiert das?
Einen Psychologen aufsuchen: Warum es für viele so schwierig ist, diese Entscheidung zu treffen

Letzte Aktualisierung: 13. Juni 2021

Wenn ein Mensch ein körperliches Leiden hat, geht er zum Arzt, ohne diese Entscheidung zu hinterfragen. Denke einmal darüber nach. Wenn du Zahnschmerzen hast, wirst du höchstwahrscheinlich einen Zahnarzt aufsuchen. Wenn du dich gesünder ernähren möchtest, wirst du möglicherweise einen Ernährungsberater konsultieren. Nach einer ähnlichen Logik entsteht der Neujahrsvorsatz vieler Menschen, die sich zu einer Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio entscheiden, um an ihrer körperlichen Gesundheit zu arbeiten. Aber warum ist es dann so kompliziert, eine solche Entscheidung auch für die psychische Gesundheit zu treffen? Warum fällt es vielen Menschen so schwer, sich dazu zu überwinden, einen Psychologen aufzusuchen?

Viele Menschen erleben ein hohes Maß an emotionalem Stress, ohne sich wirklich bewusst darüber zu sein, woher er kommt und was sie unternehmen könnten, um ihn zu lindern. Natürlich wissen all diese Menschen, dass es Psychotherapeuten gibt, aber sie sind sich nicht sicher, was passieren würde, wenn sie einen Psychologen aufsuchen würden.

Andere wiederum sind sich der Vorteile der Psychotherapie vollkommen bewusst. Und dennoch haben sie Hemmungen oder weigern sich, diese wertvolle Ressource zu nutzen. Was sind die Gründe, die die meisten Menschen davon abhalten, auf diese Weise etwas über ihre innere Welt zu erfahren? Ist der Besuch bei einem Psychologen immer noch ein Tabu? Mit diesen Fragen wollen wir uns in unserem heutigen Artikel eingehender befassen.

Angst vor Stigmatisierung

Heutzutage ist die allgemeine Wahrnehmung der Psychologie eine ganz andere als noch vor einigen Jahren. Wenn es um diese Wissenschaft geht, sind die Menschen jetzt definitiv wesentlich aufgeschlossener und offener. Aber dennoch ist die Psychologie nach wie vor mit einem gewissen Stigma behaftet. Ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung ist immer noch der Meinung, dass nur “Verrückte” einen Psychologen aufsuchen und sich einer Therapie unterziehen. In ihren Augen konsultieren nur Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen einen Psychologen.

Einige Menschen zögern, eine Psychotherapie zu machen, weil sie Angst davor haben, von anderen dafür verurteilt oder abgestempelt zu werden. Anders ausgedrückt: Manche Menschen glauben möglicherweise, dass ein Besuch bei einem Psychologen automatisch bedeutet, dass sie zugeben würden, ernsthaft psychisch erkrankt zu sein. Und das könnte für sie sehr peinlich und unangenehm sein.

Die Realität ist, dass die Psychotherapie ein Werkzeug ist, das dir dabei helfen kann, dich selbst besser kennenzulernen. Außerdem kannst du lernen, mit deinen eigenen Gedanken und Emotionen angemessen umzugehen. Aus diesem Grund kann sie letztendlich für jeden Menschen äußerst nützlich und vorteilhaft sein. Darüber hinaus kannst du in einer Psychotherapie lernen, effizienter zu kommunizieren und dadurch mehr Ausgeglichenheit und inneres Wohlbefinden zu erreichen. Wer den Mut hat, mithilfe eines Profis persönlich zu wachsen, sollte also sehr stolz auf sich sein!

Einen Psychologen aufsuchen - Therapiesitzung

Angst, ein großes Hindernis, um einen Psychologen aufzusuchen

Angst ist eine starke Emotion, die dich in vielen Bereichen deines Lebens daran hindern kann, voranzukommen. Wenn du dir also die Frage stellst, warum die Entscheidung, einen Psychologen aufzusuchen, oftmals so schwierig und herausfordernd ist, dann ist Angst eine der möglichen und häufigen Antworten darauf.

Angst vor dem Unbekannten, vor der Ungewissheit, nicht zu wissen, was in der Therapiesitzung genau passieren wird, nicht zu wissen, ob der Therapeut dir auch wirklich helfen kann. Aber normalerweise besteht die größte und schwerwiegendste Angst darin, dich deinen inneren Dämonen zu stellen. Denn es ist natürlich auch nicht einfach, alte Verletzungen noch einmal zu durchleben, um sie zu be- und verarbeiten.

Daher sind viele der Begründungen, die Menschen als Rechtfertigung dafür anführen, warum sie trotz ihrer Belastungen und psychischen Leiden nicht zu einem Psychologen gehen, bloße Ausreden, um die eigentliche Wahrheit zu verschleiern. Im Grunde genommen haben diese Menschen Angst davor, sich mit sich selbst zu konfrontieren. Und diese Befürchtungen sind natürlich nicht ganz unbegründet, denn tief in sich selbst einzutauchen kann beängstigend sein. Allerdings solltest du bedenken, dass es noch weitaus beängstigender und schädlicher ist, vor sich selbst davonzulaufen. Denn niemand sollte sich vor sich selbst verstecken und sich davor scheuen, mehr über sich selbst zu lernen und daran zu wachsen.

Schlechte Erfahrungen

Darüber hinaus gibt es einige Menschen, die glauben, einen Psychologen aufzusuchen, wäre eine sinnlose Anstrengung, weil sie von anderen “Horrorgeschichten” über Psychotherapie und deren Erfahrungen damit gehört haben. Vielleicht hast du sogar Freunde, die sich einer Therapie unterzogen und nur schlechte Erfahrungen damit gemacht oder nicht die gewünschten Ergebnisse erzielt haben. Wenn dies zutrifft, solltest du die jeweilige Situation zunächst einmal genau analysieren, um herauszufinden, was bei dieser bestimmten Erfahrung schiefgelaufen ist.

Möglicherweise hatte der Mensch, der einen Psychologen aufsuchte, bereits vorab eine negative Einstellung oder unrealistische Erwartungen an die Therapie. Ein Psychologe ist ein Berater, er steht dir zur Seite und bietet dir Hilfe zur Selbsthilfe, damit du selber vorankommen kannst. Das bedeutet, dass du letztendlich selber die Arbeit an dir bewältigen musst, das kann dir auch ein Psychologe nicht abnehmen. Daher solltest du dir darüber im Klaren sein, dass es keine Abkürzungen oder eine Wunderformel gibt. Heilung und Wachstum erfordern viel Engagement und Ausdauer, das ist richtig. Aber der Nutzen und die Vorzüge, die du daraus ziehen wirst, können ebenfalls immens sein.

Du musst einen Psychologen finden, der zu dir passt und deinen Bedürfnissen entspricht

Darüber hinaus könnte dieser Freund, der dir von seinen oder ihren “schlechten” Therapie-Erfahrungen erzählt hat, möglicherweise auch einfach keinen persönlichen Draht zu seinem Therapeuten gefunden haben. Vielleicht war es aber auch die Methodik, die den Bedürfnissen des Betreffenden schlichtweg nicht entsprach. Diese Situation ist recht häufig.

Daher ist es wichtig, dass du dir vor Augen führst, dass du selbst die Kontrolle über deine therapeutische Reise hast. Wenn dir der Psychologe, den du aufsuchst, aus irgendwelchen Gründen nicht zusagt, hast du die Freiheit, dir einen anderen zu suchen, mit dem du besser harmonierst. Wenn du auf der Suche nach dem für dich richtigen Therapeuten bist, kann dies mitunter eine schwierige und anstrengende Aufgabe sein. Allerdings solltest du deswegen nicht gleich die Flinte ins Korn werfen und eine Therapie als solche verwerfen. Aufgeben ist keine Lösung!

Einen Psychologen aufsuchen - traurige Frau wird getröstet

Vielleicht ist es dein eigener Widerstand, der dich davon abhält, einen Psychologen aufzusuchen

Alle Gründe, die wir bisher aufgeführt haben, sind zutreffend. Allerdings liegt hinter all dem häufig noch ein weiteres und oftmals entscheidendes grundlegendes Hindernis: dein eigener Widerstand. Obwohl du möglicherweise sehr genau weißt, dass du Hilfe benötigst, weil du dich in einer schwierigen Situation befindest und eine Therapie daher für dich von großem Nutzen sein könnte, bist du trotzdem einfach nicht dazu in der Lage sind, diesen Schritt auch zu tun.

Der Grund hierfür liegt darin, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Daher fällt es den meisten Menschen auch so schwer, die eigene Komfortzone zu verlassen, das weißt du sicherlich auch. Veränderungen und Unsicherheit können zweifelsohne beängstigend sein und sie können mitunter sogar bedrohlich wirken.

Wenn du dies bei dir bemerkst, solltest du dennoch nicht davor zurückschrecken, einen anderen Weg einzuschlagen. Wenn du verstehst, dass dies keine echte Bedrohung für dich darstellt, sondern im Gegenteil eine große Erleichterung für dich bedeuten kann, solltest du versuchen, dich nicht länger von deinen unbewussten Ängsten daran hindern zu lassen, dich weiterzuentwickeln. Stelle dich diesen Ängsten und wage diese Investition in dich selbst. Dein Mut und deine Anstrengungen werden sich in jedem Fall lohnen!

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