Eine Gelegenheit nicht genutzt zu haben, als sie sich bot, schmerzt sehr

17, Februar 2017 en Psychologie 239 Geteilt

Unsere Intuition spricht so gut wie immer mit uns, doch wir hören ihr nicht immer zu. Unsere Vorahnungen sind wie das Rauschen, das wir in einer Muschel hören. Es ist da, aber nicht jedes Mal verstehen wir diese Sprache, bis uns eines Tages klar wird, was sie uns in jenem Moment sagen wollte: „Trau dich, tu es, geh deinen Weg hin zum Glück.“

„Wir Menschen probieren mit Hilfe der Logik, aber entdecken mit Hilfe der Intuition.“

Henri Poincaré

Wieso handelt der Mensch so? Wieso handeln wir zu einem gewissen Zeitpunkt nicht gemäß unserer Intuition oder unseren Wünschen? Wir müssen zuerst verstehen, dass wir Menschen nicht unfehlbar sind. Unseren Lebensweg zu gehen, ist ähnlich wie auf Steinen, die durch einen Fluss führen, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Manche liegen fester als andere und hin und wieder ist es notwendig, dass wir auf unsere Instinkte vertrauen, um diesen mutigen, aber richtigen Schritt zu machen.

Andere Male bleibt uns aber nichts anderes übrig als zurückzuschauen, um zu schlussfolgern und das Gleichgewicht wieder herzustellen. Auf diese großen Schritte sind wir nicht immer vorbereitet, auch wenn uns eine innere Stimme sagt, dass sie das Beste für uns sind. Es hilft nichts, sich darüber zu beschweren, den Kopf in den Sand zu stecken und immer wieder darüber nachzudenken. Wir müssen einfach neue Perspektiven finden.

Wir möchten dich dazu einladen, mit uns darüber nachzudenken.

fuesse

Die verpasste Gelegenheit und das melancholische „Ich“

Werden wir etwas objektiver: Es gibt Züge, die abgefahren sind und nicht mehr wiederkommen. Es wird zweifellos noch viele weitere Jobangebote geben, aber du wirst nicht mehr dieses Jobangebot bekommen, das du dich nicht getraut hast, zu akzeptieren, weil dich neue Herausforderungen erwartet hätten. Es werden auch viele weitere Menschen in dein Leben treten, doch niemals wird es diese ehrliche Stimme sein, die dir versprach, die beste Version ihrer selbst für dich zu sein und die du trotzdem hast gehen lassen. Eine bestimmte Gelegenheit verpasst zu haben, bedeutet aber nicht, dass sich nicht andere und genauso tolle Gelegenheiten bieten werden.

In den Rückspiegel unseres Lebens zu schauen führt oft dazu, dass wir eigenartige Prophezeiungen machen. Wir denken dann, dass das, was wir in einem bestimmten Moment getan oder nicht getan haben, uns das wahre Glück hätte bringen können: „Wieso habe ich ihn gehen lassen, wenn er mein Leben wie kein anderer bereichert hätte?“  Oder: „Warum habe ich mich dazu entschlossen, das zu tun, wenn mir irgendetwas gesagt hat, dass es nicht richtig war?“  Diese Art von Gedanken, die uns ein möglich gewesenes Glück sehen lassen, haben einen Namen: Es sind die kontrafaktischen Gedanken.

regen

Wenn wir damit beginnen, mit Hilfe unserer Vorstellungskraft über das zu spekulieren, was hätte passieren können, dann entstehen kontrafaktische Gedanken. Es handelt sich um einen Mechanismus, durch welchen der Mensch sich Alternativen in Bezug auf bereits geschehene Ereignisse vorstellt, sie visualisiert oder in Gedanken erschafft. Diese Gedanken treten auf, wenn ein Erfolg ausgeblieben, eine Beziehung in die Brüche gegangen ist, sich ein Traum wegen fehlenden Mutes nicht erfüllt hat, um durch unsere Vorstellungskraft zu überdenken, was hätte passieren müssen.

Viele Menschen leben gedanklich in verschiedenen Universen, wo verschiedene Ichs tun, „was hätte sein können und nicht war“.  Doch das Einzige, das man damit erreicht, ist, die eigene Identität zu untergraben. Wir sollten einmal kurz darüber nachdenken, was einst der deutsche Philosoph Martin Heidegger zu diesem Thema sagte: „Das menschliche Wesen ist dazu bestimmt, seine nostalgische – und manchmal dramatische – Vergangenheit Revue passieren zu lassen, um eine hoffnungsvollere und weisere Zukunft zu erschaffen.“

Die Stimme der Intuition, der wir nicht immer Beachtung schenken

Zu Beginn des Artikels haben wir unsere Vorahnungen mit dem Rauschen verglichen, das wir in einer Muschel hören. Ganz ohne Zweifel hören wir dieses Rauschen, aber wir wissen nicht genau, was es ist oder woher es kommt. Eine interessante Tatsache ist, dass dieses Rauschen im Inneren der Muschel nicht das Rauschen des Meeres oder ein Produkt unserer Fantasie ist, sondern in Wahrheit ist es die Luft von außen, die in diesem halb geöffneten Objekt vibriert. Die Muschel ist also nur der Verstärker, wenn man so will.

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Mit unseren Vorahnungen ist es ähnlich. Wir haben das Gefühl, dass wir diese innere Stimme hören, doch wir schenken ihr keine große Beachtung. Aber mit unserer Intuition verhält es sich wie mit der Muschel: Ein äußeres Element interagiert mit unserem Herzen, mit unserem Verstand, um Kontakt mit unserem Unterbewusstsein aufzunehmen. So vibriert dann diese innere Stimme, um uns gemäß unserer Identität etwas konkret mitzuteilen: „Trau dich, es bietet sich dir eine Gelegenheit.“

Ab und an ist die Konsequenz daraus, dass wir diese Stimme missachten, dass wir Reue empfinden. Der Soziologe und Experte auf diesem Gebiet Malcolm Galdwell erklärt uns, dass die Nachrichten, die uns die Intuition zukommen lasse, schwierig zu entschlüsseln seien. Wir würden sie nicht immer verstehen und auch nicht immer hören wollen, weil die Logik oder der Druck anderer größer seien. Das sei etwas, was wir im Laufe der Zeit trainieren könnten, wir könnten aufnahmefähiger, freier und selbstbewusster werden.

Natürlich irrt sich „diese Stimme“ auch oftmals, doch wenn etwas wirklich schmerzt, wirklich schwer auf uns und unserer Seele lastet, dann ist es nicht die Tatsache, dass wir uns zu einem bestimmten Zeitpunkt geirrt haben. Was schmerzt, ist eine Gelegenheit nicht genutzt zu haben, als sie sich bot.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Philipp Klarebone, Frap Carré Art