Ein starkes Selbstwertgefühl – Freud über die Entwicklung des Egos

· 24. März 2019

Sigmund Freud glaubte, wenn wir ein starkes Selbstwertgefühl oder Ego haben, seien wir eher in der Lage, sowohl unsere Bedürfnisse als auch jene Grenzen zu verstehen, die uns unsere Gesellschaft auferlegt. Wenn wir ein starkes Selbstgefühl haben, können wir uns frei durch unser Leben bewegen. Wir würden keine Probleme haben, unsere inneren Hemmungen zu erkennen, und deshalb können wir im täglichen Leben zufrieden und erfüllt sein.

Zunächst aber sollten wir wissen, dass viele der grundlegenden psychoanalytischen Ideen nicht mehr gültig sind. Konzepte wie Penisneid oder weibliche Hysterie sind obsolet. Dennoch ist es der Psychoanalyse gelungen, durch neue Ideen und die Anpassung an Erkenntnisse bis in die heutige Zeit relevant zu bleiben.

Der österreichische Quacksalber

Zu Freuds Lebenszeit waren seine Ideen neu, brisant, gar revolutionär. Einer seiner Spitznamen war „Wiener Quacksalber“, weil seine Zeitgenossen seine Thesen für zu verrückt hielten. Trotzdem ist das Feuer der Psychoanalyse bis heute nicht erloschen, auch wenn seine Flamme nun kleiner brennt als in der Ära Freud. Studien wie die der Linköping-Universität in Schweden haben gezeigt, dass das Hauptproblem der Psychoanalyse heutzutage darin besteht, dass die Behandlung sehr lange dauert.

Denn eine Psychoanalyse bedarf vier Sitzungen pro Woche für so viele Monate oder Jahre, wie es der Gesundheitszustand des Patientens erfordert, und heutzutage fällt es den Menschen schwer, diese Art von zeitlicher Verpflichtung einzugehen. Das moderne Leben ist anspruchsvoll und wir sind daran gewöhnt, unsere Bedürfnisse sofort zu befriedigen. Die Anpassung an einen so langen Behandlungsplan ist da nicht immer möglich. Deshalb setzen moderne Therapeuten viel mehr auf kurzzeitige Therapien.

Sigmund Freuds Idee der Psychoanalyse aber hat einen anderen Ansatzpunkt. Der Wiener Psychiater glaubte, dass es eines der wichtigsten Ziele eines Psychoanalytikers sein sollte, das Selbstwertgefühls des Patienten bzw. sein Ego zu stärken. Deshalb müsse der Psychoanalytiker jeden Konflikt lösen, der seinem Klienten im Wege steht, seine Freiheit und sein Wohlbefinden zu finden. Um dies zu erreichen, glaubte Freud, dass Engagement, Zeit und ein Patient, der bereit sei, sich zu öffnen, erforderlich seien.

„Absolut ehrlich mit sich selbst zu sein, ist eine gute Übung.“

Sigmund FreudLabyrinth im Kopf

Ein starkes Selbstwertgefühl trotz begrenzter mentaler Kräfte

Eines von Freuds interessantesten Werken ist definitiv sein Buch Entwurf einer Psychologie Der wohl bekannteste Abschnitt dieser Abhandlung ist die Definition der Begriffe Es, Ich und Über-Ich. Tatsächlich handelt es sich bei diesem Buch um ein unfertiges Werk. Als Freud das Buch schrieb, befand sich der Psychoanalytiker aufgrund des Zweiten Weltkriegs im Exil. Er war schon ziemlich alt und seine Gesundheit erlaubte es ihm schließlich nicht, das Werk zu vollenden. Es wurde posthum veröffentlicht.

Das Buch stellt eine Synthese dessen dar, worüber Freud bereits geschrieben hatte. Er nutzte dieses Werk jedoch auch, um seine relevantesten Theorien im Detail vorzustellen. Einige Beispiele dafür sind der mentale Apparat, die Traumdeutung und die psychoanalytische Technik.

Weiterhin beschäftigt sich der gefeierte Psychoanalytiker im Buch mit der Idee eines starken Selbstwertgefühls und des menschlichen Bedürfnisses, dieses Selbstwertgefühl in seiner mentalen Struktur zu festigen. Freud war überzeugt, dass es kompliziert sei, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Er glaubte, dass sich deshalb viele von uns nicht erfüllt, glücklich oder frei fühlen.

Gründe, warum wir kein starkes Selbstwertgefühl entwickeln

Laut Freud gebe es entgegengesetzte Kräfte, die in uns koexistieren. Einerseits gebe es das Es mit seinen grundlegenden und elementaren Bedürfnissen. Auf der anderen Seite haben wir das Über-Ich, das die Internalisierung der strengen Regeln der Gesellschaft widerspiegele. Das Über-Ich begrenze unsere Wünsche, Bedürfnisse und Träume.

  • Laut Freud brauche das Es immer etwas und fühlt sich immer irgendwie unzufrieden. Das Es ist ängstlich, unruhig und versteht weder die Vergangenheit noch die Zukunft.
  • Das Über-Ich dagegen ist eine komplexe Entität, die unsere Emotionen im Zaum hält. Es schränkt unsere Freiheit ein, kontrolliert unser Verhalten und zerstört unsere Träume. Das Über-Ich ist eine soziale und kulturelle Entität, die uns prägt und das Es unterdrückt.
  • Das Ich, das Selbstwertgefühl, ist in der Mitte von alledem. Wir können unsere Bedürfnisse nicht immer mit unseren Verpflichtungen, Träumen und Vorstellungen der Gesellschaft bringen. Das mag einer der Gründe sein, warum wir oft kein starkes Selbstwertgefühl entwickeln können. Darüber hinaus führt dieser Konflikt zu einem Gefühl der Verlorenheit.
Silhouette eines Kopfes, die von Abrissbirnen getroffen wird

Wie können wir ein starkes, gutes und gesundes Selbstwertgefühl entwickeln?

In Freuds Entwurf einer Psychologie  erklärt der Autor, dass es eine Reihe von Faktoren gebe, die darüber bestimmen, ob wir ein starkes Selbstwertgefühl entwickeln können. Er schlug folgende Gründe dafür vor:

  • Übermäßige Abhängigkeit von unseren Eltern: Freud glaubte, dass abhängige Kinder immer länger brauchen, um zu reifen und zu unabhängigen Menschen zu werden. Freud ging davon aus, dass diese Kinder viel später in ihrem Leben die Initiative ergreifen würden.
  • Eine Kindheit haben, die von strikten Regeln, Bestrafung und strenger Erziehung geprägt ist
  • Aufwachsen ohne enge und liebevolle Vorbilder, die eine optimale Entwicklung ermöglichen

Wie wir sehen, glaubte Freud, dass die Kindheit eine sehr wichtige Zeit im Leben einer Person sei. Darüber hinaus ist ein wirklich wertvoller Teil seiner posthumen Abhandlung der Rat, den er zur Entwicklung eines starken Selbstwertgefühls gibt.Eine Frau steht in einem Feld und beobachtet den Sonnenuntergang.

Wie wir ein starkes Selbstwertgefühl haben können

  • Um ein starkes Selbstwertgefühl zu entwickeln, sollten wir nicht gegen unser Es oder Über-Ich ankämpfen.
  • Es geht darum, ein Gleichgewicht zwischen diesen Kräften zu wahren. Wir sollten versuchen, eine Harmonie zwischen unseren Bedürfnissen und unseren Verpflichtungen zu erreichen.
  • Damit diese beiden Energien miteinander in Balance kommen, müssen wir ein Licht auf alles werfen, was wir unterdrückt oder in uns versteckt haben. Während wir an uns selbst arbeiten, werden uns unsere verborgenen Bedürfnisse, Motivationen und Ängste deutlich. Wir sollten uns auch mit Kindheitsängsten, Traumata und Erinnerungen beschäftigen, die wir noch nicht verarbeitet haben.
  • Freud spricht auch darüber, wie wichtig es ist, an unserer Unabhängigkeit zu arbeiten.
  • Möglicherweise glauben wir, wir hätten nie das bekommen, was wir verdient haben. Diese ungelöste Angst wird uns folgen, wohin auch immer wir gehen werden. Eine Möglichkeit, ein starkes Selbstwertgefühl zu entwickeln, besteht darin, sich von diesem Bedürfnis zu befreien. Denn dieser Zwang führt schließlich nur zu Unterwerfung und Krankheit.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass viele Ideen Freuds noch heute relevant sind und uns helfen können, einige wichtige Konzepte zu reflektieren. Unser Selbstwertgefühl zu stärken ist etwas, an dem wir praktisch unser ganzes Leben lang täglich arbeiten müssen. Schieben wir diese Aufgabe nicht länger auf, es lohnt sich!

  • Freud, Sigmund (1998) Esquema del psicoanálisis. Madrid: Debate