Divergentes Denken bei Kindern: eine verkannte Fähigkeit

· 17. April 2019

Divergentes Denken bei Kindern ist eine außergewöhnliche und zugleich natürliche Gabe, denn den Jüngsten hat noch niemand gesagt, was normal sei und was nicht. Ihr offener Geist ist voller Möglichkeiten und ungewöhnlicher Argumentation, originell und kreativ. Manchmal jedoch neigt dieses Potenzial dazu, mit zunehmendem Alter zu erlöschen, auch dank eines Bildungssystems, das darauf abzielt, die Denkweise seiner Schüler zu standardisieren und Perspektiven zu vereinen.

Ein offener Geist ist zweifellos derjenige, der die Welt herausfordert, und er ist auch derjenige, der ihr hilft, voranzukommen. Aber wenn es eine Sache gibt, die die meisten von uns wissen, dann ist es die, dass es gefährlich sein kann, gegen den Strom zu schwimmen. Galileo Galilei erfuhr das mit eigener Haut, als seine Ideen dazu führten, dass er für seinen Lebensabend in sein Haus im italienischen Florenz verbannt wurde.

Es ist klar, dass sich die Zeiten geändert haben, dass die Wissenschaftler von heute nicht mehr wie Giordano Bruno enden. Es gibt allerdings auch noch andere Kontexte. Wie Sir Ken Robinson, ein anerkannter Bildungsexperte, betont, „töten“ die heutigen Schulen die Kreativität der Kinder. Ihm zufolge basieren unsere Schulen ihre Lehrpläne auf Systemen des 19. Jahrhunderts, einer Zeit, in der die Industrialisierung der Gesellschaft dazu führte, dass bestimmte Fähigkeiten gegenüber anderen priorisiert wurden: Die Förderung von Innovation, Kreativität und kritischem Denken hat da keinen Platz, wo wir eine Hierarchie von Themen und sehr strenge Kompetenzen zu übernehmen haben.

Wir vergessen, dass Kinder mit außergewöhnlichen Talenten auf die Welt kommen. Wir übersehen das Potenzial ihres divergenten Denkens, jenes außergewöhnlichen psychischen Muskels, den wir manchmal schwächen, indem wir sie ausschließlich im konvergenten Denken unterrichten.

„Es ist nicht das, was du betrachtest, das zählt, es ist das, was du siehst.“

Henry David Thoreau

Junge mit Löwenzahn

Divergentes Denken bei Kindern

Henry David Thoreau war zweifellos ein revolutionärer Philosoph. Seine ungewöhnlichen Vorstellungen von Freiheit und Verantwortung machten ihn zu einer jener Gestalten, die stets von deutlich divergierenden Denken getragen wurden. Die gelegentliche Rückkehr zu seinen Texten ist zweifellos ein Weg, um Inspiration in mehrfacher Hinsicht zu finden.

Er lehrte uns, dass das Leben eine Leinwand für die Fantasie ist. Er ließ uns auch sehen, dass es Menschen gibt, die mit einer anderen Musik in sich geboren werden, und dass wir sie passieren lassen müssen, denn Freiheit führt zu Selbstverwirklichung. Bei Kindern ist es fast genauso. Allerdings sind wir nicht immer in der Lage, diese magische Melodie und das unglaubliche Potenzial, das in jedem Kind steckt, zu nutzen.

Experten zu diesem Thema, wie Dr. Len Brzozowski, weisen auf etwas Interessantes hin:

  • Divergentes Denken ist bei 5-Jährigen ähnlich stark ausgeprägt wie bei einem Erwachsenen mit hohen intellektuellen Fähigkeiten. Wenn diese Kinder also gefragt werden, wie viele Verwendungsmöglichkeiten sie für einen Becher, einen Bleistift oder einen Schuh haben, können sie bis zu 100 (valide) Antworten geben. Ein Erwachsener gibt im Durchschnitt nur 10-12 Antworten.
  • Wenn wir jedoch einen Test für divergentes Denken bei einem 10-Jährigen durchführen, werden wir feststellen, dass sein Potenzial schon signifikant gesunken ist.
Mädchen spielt mit Bausteinen

Vorschulkinder sind wahre Genies

Divergentes Denken von 5-Jährigen führt zu erstaunlichen Ergebnissen. An dieser Stelle ist es notwendig, auf das zu verweisen, was Álvaro Pascual-Leone, Professor für Neurologie an der Harvard Medical School, uns sagt. Im Laufe dieses Zeitalters findet die sogenannte „synaptische Auslese“ im Gehirn statt. Damit wird eine empfindliche Periode bezeichnet, in denen eine Synapse wie vorgesehen eliminiert wird, es sei denn, Erfahrungen bewirken ihren Erhalt. Wenn keine ausreichenden Reize erhalten wurden, wird diese Verbindung zwischen Neuronen gelöscht und damit ein Teil des Lernpotenzials des Kindes.

Es geht auch nicht darum, willkürlich möglichst viele Verbindungen zu erhalten, denn das erzeugt im Gehirn einen Überschuss an „Rauschen“, wie es etwa bei Autismus-Spektrum-Störungen eintritt. Der Schlüssel liegt darin, die synaptische Auslese mit idealen Lernmethoden und geeigneter Stimulation zu optimieren. Und das gilt besonders für den Zeitraum zwischen 4 und 6 Jahren, in dem sich Kinder ihr Potenzial noch bewahren.

Wie können wir divergentes Denken schützen und fördern?

Divergentes Denken bei Kindern hat besondere Lernbedürfnisse, die erfüllt werden müssen, damit die Lernerfahrung nicht verloren geht. Es sind die folgenden:

  • Es bedarf einer immersiven Ausbildung. Die Kinder müssen experimentieren, mit ihren Sinnen spielen, sich begeistern können. Sie müssen es in einer Gruppe mit Gleichaltrigen, aber auch in der Einsamkeit tun, um autonome Arbeit und ihre eigene Kreativität zu fördern.
  • Sie müssen auch an Fragen arbeiten, auf die es keine einzig gültige Antwort gibt. Divergentes Denken bedeutet, geschickt mehrere Antworten auf dieselbe Frage zu erzeugen. Wenn ihre Ideen hingegen sanktioniert und als „falsch“ oder „verkehrt“ bezeichnet werden, wird sie das demotivieren.
  • Um divergentes Denken bei Kindern zu fördern, ist es auch notwendig, dass sie sich emotional bestätigt fühlen. Das Gefühl, dass sie akzeptiert, respektiert, geschätzt und geliebt werden, wird ihnen helfen, sich frei zu fühlen, zu erforschen, neue Interessen zu entdecken, Antworten, Ideen und Argumente hervorzubringen, in dem Wissen, dass sie nicht dafür kritisiert werden.
Fisch springt von einem Aquarium ins andere

Schließlich ist anzumerken, dass die Förderung und der Schutz des divergenten Denkens bei Weitem nicht die vollständige Beseitigung des konvergenten Denkens bedeutet. In Wahrheit geht es darum, beide Dimensionen zu harmonisieren. Manchmal gibt es Probleme, die eine einzige Lösung erfordern, und auch Kinder müssen das verstehen.

Deshalb sollten wir in der Lage sein, uns um diese Realitäten zu kümmern und sie zu optimieren. Erinnern wir uns an den bekannten Satz von Albert Einstein:

„Jeder ist ein Genie. Aber wenn man einen Fisch nach seiner Fähigkeit beurteilt, auf einen Baum zu klettern, dann wird er sein ganzes Leben lang in dem Glauben leben, er sei dumm.“