Das Gehirn von Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung

23. Februar 2019

Wenn das Gehirn von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung ein Haus wäre, gäbe es ohrenbetäubenden Lärm in jedem Raum, komplexe Verkabelungen und Wände, durch die fast jeder Stimulus geht. Dieser Überschuss an Synapsen oder neuronalen Verbindungen erzeugt beim individuellen Patienten ganz eigene Besonderheiten, sodass es selten zwei vergleichbare Fälle gibt.

Es spielt keine Rolle, dass die Wissenschaft Fortschritte macht. Es nützt nichts, dass wir jedes Jahr mehr über diese neurologischen Entwicklungsstörungen lernen, die einen großen Teil unserer Bevölkerung betreffen. Mangelndes Bewusstsein, Stereotype und Mythen, an denen wir festhalten, lassen uns viel von dem entgehen, was diese Personengruppe uns bieten kann.

Kinder und Jugendliche mit einer Autismus-Spektrum-Störung mögen ein starres Verhalten an den Tag legen, das uns auf die Probe stellen kann, keine Frage. Sie mögen einen privilegierten Verstand haben oder schwerwiegende intellektuelle Defizite aufweisen. Doch trotz dieser rätselhaften Welt, der sie ohne eigenes Zutun ausgeliefert sind, überraschen sie uns mit ihren Stärken, Bedürfnissen, mit ihrer Sensibilität und Zuneigung.

Wir bewundern auch ihre Familien. Diese Liebe, unermüdlich und immer voller Energie, die nicht nur gegen Stereotype kämpft, sondern auch versucht, Bündnisse mit anderen sozialen Akteuren einzugehen: mit Ärzten, Psychologen, Lehrern und anderen Personengruppen, die sich ganz diesen Kindern widmen.

Daher besteht eine Möglichkeit, ihnen zu helfen, darin, jene Realität etwas besser zu verstehen, die sich in ihrem Gehirn abspielt, in jenen Köpfen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Entwicklung aus noch unbekannten Gründen einen Punkt ohne Wiederkehr erreichten. Schauen wir uns das genauer an.

„Ich höre dich besser, wenn ich dich nicht ansehe. Augenkontakt ist unangenehm. Die Menschen werden den Kampf, den ich austragen muss, um dies tun zu können, nie verstehen.“

Windy Lawson

Gehirn

Hyperkonnektivität im Gehirn von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung

Im Jahre 2014 wurde an der Columbia University (New York, USA) eine aufschlussreiche Studie durchgeführt. Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift Neuron  veröffentlicht und zeigen zwei ebenso interessante wie hoffnungsvolle Aspekte auf:

  • Der erste bezieht sich auf die Besonderheit des Gehirns von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung, auf die wir bereits hingewiesen haben: das Vorhandensein eines Überschusses von Synapsen oder Verbindungen zwischen Neuronen.
  • Der zweite hat mit einer experimentellen Behandlung zu tun, die diese Hyperkonnektivität regulieren könnte.

Ebenso dürfen wir nicht vergessen, dass es neben dieser synaptischen Singularität noch weitere Besonderheiten gibt, wie zum Beispiel Veränderungen in der Kommunikation zwischen verschiedenen Hirnarealen. Wir wollen diese Merkmale nun im Detail analysieren.

Das Problem mit dem synaptischen Schnitt

Von unserem Embryonalstadium bis zum Alter von etwa 2 Jahren findet in unserem Gehirn ein erstaunlicher Prozess statt: die Synaptogenese. In diesem Stadium entstehen bis zu 40.000 neue Synapsen pro Sekunde!

  • In diesen Monaten haben Kinder mehr Neuronen als sie brauchen. Deshalb werden schrittweise, und während sich das Gehirn spezialisiert, die nützlichsten Verbindungen myelinisiert, und der Rest wird eliminiert.
  • Dieser synaptische Schnitt findet hauptsächlich in der Großhirnrinde statt. Auf diese Weise werden die Prozesse, die exekutive Funktionen wie Denken, Analysieren, Reflektieren, Aufmerksamkeit usw. regeln, gestärkt.
  • In der Pubertät wird fast die Hälfte der kortikalen Synapsen abgebaut.
  • In der an der Columbia University durchgeführten Studie konnte festgestellt werden, dass bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung dieser synaptische Schnitt nur 16 % der Synapsen erreichte, also wesentlich weniger Verbindungen abgebaut wurden.
Rosa Neuronen

Das Corpus callosum und die zerebrale Kommunikation

Das Gehirn von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung zeigt weitere Auffälligkeiten. In diesem Fall beziehen wir uns auf eine ebenso relevante wie signifikante Struktur, auf das Corpus callosum.

  • Diese Struktur ist der Schlüssel zur Kommunikation zwischen den verschiedenen Gehirnregionen.
  • Lynn Paul, eine Forscherin am California Institute of Technology (Kalifornien, USA), weist darauf hin, dass verschiedene Veränderungen im Corpus callosum von autistischen Kindern zu beobachten sind. Diese bedeuten unter anderem, dass die Patienten Probleme mit täglichen sozialen Interaktionen haben, verschiedene Arten von Informationen nicht zu handhaben wissen, Eindrücke falsch interpretieren und einen rigideren geistigen Fokus aufweisen.

Heterogenität im Gehirn von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung

Studien wie die der Yonsei University of Medicine in Seoul, Südkorea, zeigen, dass die im Neuroimaging zu erhebenden Befunde sehr heterogen sind. Es ist klar, dass es bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung strukturelle und funktionelle Anomalien in der Gehirnentwicklung gibt und dass diese sehr signifikant sind. Allerdings können selten zwei Gehirne als vergleichbar angesehen werden.

  • Dies deutet darauf hin, dass jedes Gehirn zweifellos Besonderheiten innerhalb des autistischen Spektrums aufweist.
  • Es gibt auch genetische Grundlagen, die die neuronalen Schaltkreise und die Art und Weise, wie die Gehirnregionen miteinander kommunizieren, beeinflussen, sodass es Kinder mit größerem intellektuellem Potenzial und andere mit schwerwiegenderen Problemen gibt, was kommunikative Prozesse betrifft.
  • Das Gehirn von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung weist zudem Anomalien in der Verarbeitung sozialer und emotionaler Reize auf.
  • Das bedeutet jedoch nicht, dass sie keine Emotionen empfinden würden, ganz im Gegenteil. Sie brauchen sie, und sie müssen sich auch geliebt, unterstützt und bestätigt fühlen. Sie wissen jedoch nicht, wie sie auf Zuneigung reagieren sollen.
Mädchen unter Bäumen

Fazit

Derzeit wird das mTOR-Protein untersucht, das verschiedenen Untersuchungen zufolge den synaptischen Schnitt behindert, der für die Spezialisierung des Gehirns und die Schaffung stärkerer neuronaler Verbindungen notwendig ist. Bislang gibt es jedoch nichts Schlüssiges. Deshalb können wir uns nur mit dem Thema vertraut machen und uns darauf konzentrieren, die besonderen Bedürfnisse jener Kinder kennenzulernen und bestmöglich darauf zu reagieren, um uns ihren besonderen Eigenschaften anzupassen.

Glücklicherweise haben wir immer mehr Experten, die sich auf dieses Thema spezialisieren, die sich um diese 1 % der Bevölkerung sorgen und sich dafür einsetzen, dass wir die Realität Betroffener besser verstehen können.

Denn denken wir daran, dass sie lustlos und schwer fassbar erscheinen mögen. Sie mögen es vielleicht nicht, wenn wir sie berühren oder gar anschauen. Aber sie sind da und lieben uns, sie brauchen uns und sie lächeln mit Interesse aus den geistigen Räumen, in denen sie inmitten dieser lauten Welt leben und die für sie zu sehr von Reizen erfüllt sind.

  • Stephanie H. Ameis, Jason P. Lerch, Margot J. Taylor, A Diffusion Tensor Imaging Study in Children With ADHD, Autism Spectrum Disorder, OCD, and Matched Controls: Distinct and Non-Distinct White Matter Disruption and Dimensional Brain-Behavior Relationships. American Journal of Psychiatry, 2016; appi.ajp.2016.1 DOI: 10.1176/appi.ajp.2016.15111435