Die Vorteile von Zeitverschwendung

29. Januar 2016 en Psychologie 0 Geteilt

„Zeit ist die Devise deines Lebens. Es ist eigentlich die einzige Devise, die du wirklich hast, und nur du bestimmst, wie du sie nutzt. Sei vorsichtig und lasse nicht zu, dass andere sie für dich einteilen.“

Carl Sandburg

„Verschwende deine Zeit nicht …“, „Was machst du da, so nichtstuend!“,“Steh auf und nutze deine Zeit!“ – Viele können sich darin erinnern, wie ihre Mütter oder Väterdiese Sätze ständig wiederholten, als wären sie lebenswichtige Mantras. Als gäbe es immer etwas Wichtigeres zu tun, und danach kommt schon das nächste unerlässliche Ereignis.

Die Jahre vergehen, und es scheint, als ob unsere Routine nur daraus bestehen sollte, unsere Zeit mit wichtigen und produktiven Dingen zu füllen. Auf der anderen Seite kommt in uns das Gefühl auf, dass uns die Zeit wegläuft und das Leben an uns vorbeigeht.

Für viele muss auch jede Minute der Freizeit mit etwas „Sinnvollem“ gestaltet werden; mit Dingen wie bildungsfördernden Aktivitäten, Kultur, Sport, die das Gefühl bestätigen, jede freie Sekunde zu nutzen. Es geht soweit, dass andere, die nicht so leben, denjenigen dann komisch vorkommen.

In der Kindheit wird uns immer wieder gesagt: „Zeit ist Gold.“  Und wenn wir die Stunden, die wir haben, nicht nutzen, sind wir faule und erfolglose Menschen.

Letztendlich ist das Risiko groß, dass uns diese Vorgaben auch bis in das Erwachsenenalter verfolgen, mit dem Resultat von ähnlichen Verhaltensweisen, wie beim weißen Kaninchen aus „Alice im Wunderland“. Immer am Rennen, immer unter Zeitdruck, etwas Superwichtiges zu erledigen, und wenn nicht, droht die Strafe gleich um die Ecke.

Förderung der Hyperverantwortlichkeit und der Intoleranz für Langeweile

Pinnwand mit Notizzetteln

Schule, Klavier, Englisch, Schwimmen, Wissenschaft… die bekannten langen Listen von Tätigkeiten, mit denen Kinder beauftragt werden, die ihren Tag dann nur kurz vor dem Schlafengehen geschafft zu Ende bringen.

In vielen Fällen werden die Kinder mit dem Zwang erzogen, die Besten zu sein. Sie sollen immer produktiv sein, und es wird ständig betont, dass Ideen immer, immer, immer, verbessert werden können. Ja keine Zeit verlieren!

Zwei Folgen können eintreten: Hyperverantwortlichkeit und Intoleranz für Langeweile.

  • Hyperverantwortlichkeit: Verantwortung ist eine Tugend. Hyperverantwortlichkeit ist eine Falle des Gehirns, die sich über die Jahre aufbaut, und sich bei Erwachsenen dann als Angst, Perfektionismus, hohe Selbsterwartung, geringes Selbstwertgefühl, Unsicherheit, Schuld und sogar Scham herausstellen kann.
  • Intoleranz für Langeweile: Im Kindesalter nicht die Möglichkeit zu haben, „Zeit zu vergeuden“, beschränkt die Kreativität und die persönliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, und manifestiert sich dann bei Erwachsenen in Form von verschiedenen Ängsten.

Zeit zu verschwenden kann sehr vorteilhaft für den Prozess der Anpassung an die Umwelt und die Entwicklung der geistigen Fähigkeiten bei Kindern sein. Während des Wachstums verhindert diese angelernte Intoleranz, zu lernen, mit sich selbst allein zu sein.

Viele Menschen hassen die tote Zeit, weil sie nicht allein mit sich selbst sein wollen.

Philosophie 24 × 7, erkennst du dich darin wieder?

Wir leben in einer vernetzten Welt. Jederzeit und überall können wir Aufgaben, die mit unserer Freizeit, unserer Bildung oder unserer persönlichen Entwicklung zusammenhängen, durchführen.

Kurse, Master, Fitness-Studios, Haushalt, Workshops, Arbeit… Wenn wir es nicht tun, werden andere uns durch ihre Social-Network-Aktivitäten schon daran erinnern, dass wir gerade unsere Zeit nicht richtig nutzen.

All dies macht unser tägliches Leben aus und trägt zu der Idee bei, wie wir sein „sollten“. Die Philosophie des 24 × 7 heißt jederzeit zur Verfügung zu stehen und „etwas“ zu tun, sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag. Allerdings kann es sein, dass solch ein Programm doch nicht so vorteilhaft ist, wie es scheint.

Sicher ist die Suche nach Selbstverwirklichung durch Tätigkeit und Beschäftigung fundamental, aber bis zu welchem Ausmaß kann der Gewinn kontrolliert werden?

Schließlich ist es für solche Leute unvorstellbar und tragisch, zu einem bestimmten Zeitpunkt keine Tätigkeit durchzuführen, und sie halten das Ausruhen fast für etwas Widriges oder Vernachlässigbares. Aber in Wirklichkeit ist man nicht gleich nutzlos, wenn man seine Zeit mal mit nichts (Produktivem) füllt.

Verwechseln wir nicht die Zeitvergeudung mit Zeit, die wir uns selbst schenken.

Experimentiere: Tu einfach nichts

Meditierende Frau
Unsere Woche rund um die Arbeit und soziale Aktivitäten zu strukturieren ist eine fast unentbehrliche Routine. Trotzdem kann es sehr gesund und vorteilhaft für unsere mentale und körperliche Gesundheit sein, auch Zeit für das Nichtstun zu finden.

Sich ein paar Minuten pro Tag für die Untätigkeit zu reservieren, verschafft uns die Ruhe und Besonnenheit, um alles, was wir ansonsten tun, zu genießen, und auch das, was uns nicht mehr zufriedenstellt. Warum?

  • Um von dem Abstand zu nehmen, von dem wir uns mitgenommen fühlen, und um aufzuhören, Dinge zu dramatisieren.
  • Um eine Übersättigung von Dingen zu verhindern, die zu Beginn ein Stimulans waren und später zu einer Belastung wurden.
  • Um verschiedene Momente mit Menschen in unserer Nähe zu teilen.
  • Um den Körper zu entspannen. Entspannung reduziert Stress und Angst.
  • Um Ideen zu ordnen und Impulse zu finden.
  • Um die Bedeutung von Wichtigem und Dringendem zu unterscheiden.

Aber… wie könnte man die Zeit verschwenden? Hier sind einige Ideen:

  • Denk daran, dass es nicht unbedingt ganze Tage oder Stunden sein müssen.
  • Setz dich hin, um deinen Kaffee oder Schokolade zu trinken, genieße den Geschmack und bestell die Getränke oder das Essen nicht immer zum Mitnehmen.
  • Genieße den Prozess. Warte nicht nur auf das Ergebnis der Tätigkeit.
  • Setz dich aufs Sofa und lausche dem Text deines Lieblings-Songs.
  • Singe unter der Dusche und bleib eine Minute länger unter dem Wasser.
  • Widme einen Tag am Wochenende einem langen und gemütlichen Frühstück.
  • Meditiere. Einige Übungen dauern nicht länger als 20 Minuten.
  • Wenn du einen Moment allein zu Hause zu hast, nutze ihn, um ihn zu genießen, verwende ihn nicht gleich, um aufzuräumen oder Sachen zu ordnen.
  • Wenn du ein Haustier hast, beschränke den Kontakt mit ihm nicht nur auf Notwendigkeiten wie Gassi gehen oder Füttern. Nimm dir auch mal einen Moment zum Kuscheln, streicheln oder um mit ihm zu spielen.

Wenn du einer von denjenigen bist, die den Ansturm von Aktivitäten und den ständigen Betrieb genießen, dann nur zu. Aber wenn deine Quelle der Zufriedenheit irgendwie von überfüllter Zeit und nicht von den Aufgaben selbst abhängt, gib der Uhr eine Chance.

Letztendlich können wir die verlorene Zeit in einen persönlichen Gewinn verwandeln.

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