Die Vernunft nach einem Streit

· 4. Juni 2019

Kann man nach einem Streit noch rational sein? Nach einem Konflikt erscheint es zunächst unvorstellbar, vernünftig zu entscheiden und mit der anderen Person zusammenzuarbeiten, auch wenn es zu unserem eigenen Vorteil wäre. Rationalität wird sogar noch unwahrscheinlicher, wenn es sich um einen Gruppenkonflikt handelt. Wenn unsere Gruppe in einen Streit mit einer anderen Gruppe gerät, wird die Zugehörigkeit zu unserer Gruppe negative Emotionen in uns auslösen, die unser Verhalten entsprechend beeinflussen. Das passiert selbst dann, wenn die daraus folgenden Aktionen noch mehr Probleme verursachen!

Aber das muss nicht so sein. Es ist möglich, während und nach einer Auseinandersetzung rational zu bleiben, wobei bestimmte Voraussetzungen es der Vernunft noch leichter machen, sich an die Oberfläche zu kämpfen. Wenn Entscheidungen in der Gruppe getroffen werden, gestaltet sich der Prozess wegen des Hin und Hers in der Diskussion langsamer I, aber nicht unmöglich. Auch eine Gruppe kann nach einem Streit rationale Entscheidungen treffen und sich möglicherweise sogar entschließen, mit der gegnerischen Gruppe zusammenzuarbeiten.

Zerrissenes Foto eines verärgerten Paares

Der Streit

Die Menschheit erlebte im Laufe ihrer Geschichte unzählige Konflikte, von denen viele zu Gewalt geführt haben. Die Vorstellung eines harmonischen und konfliktfreien Daseins erscheint uns deshalb auch heute noch utopisch. Darüber hinaus scheint Gewalt zwischen Individuen und Gruppen hinsichtlich der Reproduktion einige Vorteile zu haben.

Auf der anderen Seite lehrt uns die Geschichte, dass wir nicht immer im Widerspruch zueinander stehen müssen, sondern viele Gemeinsamkeiten haben. Menschen können durchaus Beziehungen aufbauen, die auf Vertrauen und gegenseitiger Zusammenarbeit basieren und von denen alle Beteiligten profitieren.

Der Mensch muss für seine Konflikte Methoden entwickeln, die Rache, Aggression und Vergeltung ablehnen. Die Grundlage solchen Methoden ist die Liebe.“

Martin Luther King Jr.

So existieren wir in einem Paradoxon von widersprüchlichem Verhalten. Auf der einen Seite Kooperation und auf der anderen Aggression. Woher wissen wir aber jetzt, welche der beiden nach einem Konflikt eintreten wird? Unser Verhalten nach einem Streit führt uns sicher auf den einen oder anderen Weg.

Entscheidungen treffen

Psychologische Theorien über die Entscheidungsfindung argumentieren, dass es zwei Möglichkeiten gebe, Entscheidungen zu treffen:

  • Entscheidungen treffen, nachdem Informationen auf rationelle, bedachte und gezielte Weise verarbeitet wurden
  • Entscheidungen automatisch treffen, basierend auf Erfahrung und Emotionen

In Konfliktsituationen wird das „Andere“ zum automatischen Auslöser negativer Emotionen. Das führt dazu, dass wir automatisch Entscheidungen treffen. Wir entscheiden uns dafür, unseren Emotionen und vergangenen Erfahrungen zu vertrauen. Diese Methode hat jedoch einen Nachteil: Erfahrung ist nicht immer der beste Verbündete, wenn wir versuchen, die Konsequenzen unserer Entscheidungen vorauszusehen und zu optimieren.

„Jeder Krieg ist ein Symptom für das Versagen des Menschen als denkendes Tier.“

John Steinbeck

Wie dem auch sei, wenn wir und die anderen am Konflikt Beteiligten gemeinsam vorgehen, um auf einen Streit zu reagieren, ist es wahrscheinlicher, dass rationale Entscheidungen getroffen werden. Das liegt daran, dass Mitglieder einer Gruppe die Möglichkeit haben, ihre Erfahrungen und Emotionen auszutauschen und Nuancen dem Gruppeninteresse unterzuordnen, was das Ergebnis in aller Regel verbessert.

Paar, das nach einem Konflikt rational zu bleiben versucht

Nach einem Streit rational bleiben

Die Antwort auf unsere Frage, ob wir nach einem Konflikt vernünftig bleiben können, ist also darin zu finden, dass die Gruppe eine zivilisierende Wirkung auf den Einzelnen hat. Zwar können Gruppen auch irrational sein und bei der Entscheidungsfindung Druck auf ihre Mitglieder ausüben, aber sie können eben auch einen Kontext bieten, welcher die Diskussion fördert. Dieser Raum ermöglicht es, Fehler zu korrigieren und rationale Entscheidungen zu treffen.

Wir können dieses Prinzip auf sämtliche aktuelle Konflikte anwenden, für die wir eine Lösung finden wollen. Die Aufforderung an die betroffenen Parteien, die verschiedenen Optionen abzuwägen, erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Zusammenarbeit und einer Handlungsweise, mit der alle Leben können deutlich. Rationales Denken kann uns helfen, die Welt zu einem lebenswerten Ort für alle zu machen.

Sasaki, T., & Pratt, S. C. (2011). Emergence of group rationality from irrational individuals. Behavioral Ecology. https://doi.org/10.1093/beheco/arq198

Bornstein, G., Kugler, T., & Ziegelmeyer, A. (2004). Individual and group decisions in the centipede game: Are groups more “rational” players? Journal of Experimental Social Psychology. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2003.11.003