Was ist natürliche Selektion?

16. Dezember 2018

Wir alle haben Darwins Evolutionstheorie studiert oder zumindest von ihr gehört. Aber verstehen wir wirklich, was Evolution bedeutet? Wenn wir auf der Straße nach der Evolution fragen, werden wir wahrscheinlich Antworten wie „Das ist die Theorie, die besagt, dass Menschen von Affen abstammen“, „Sie beschreibt das Überleben des Stärkeren“  und „Evolution ist, wenn sich Arten zunehmend anpassen oder entwickeln“  zu hören bekommen, vielleicht auch „Natürliche Selektion ist für Tiere und die Technologie erlaubt es uns, sie zu vermeiden“.

Die obigen Aussagen sind mit Fehlern behaftet, die uns zeigen, dass nur wenige Menschen die natürliche Selektion wirklich verstehen. Die zentrale Idee des Darwinismus ist, dass die Arten, die sich an ihre Umgebung anpassen, überleben, und diejenigen, die es nicht tun, früher oder später aussterben. Aber was bedeutet „anpassen“ in diesem Sinne? Es bezieht sich auf die Fähigkeit einer Art, sich in einem bestimmten Ökosystem zu vermehren und das Überleben ihrer Nachkommen zu sichern.

Viele Mythen und Irrtümer sind aus der Fehlinterpretation dieser Leitidee entstanden. In diesem Artikel werden wir die gängigsten überprüfen. Wir diskutieren und kontrastieren: (a) die natürliche Selektion als linearen Prozess, (b) die differenzierte Anpassung der Arten und (c) die natürliche Selektion als Kampf aller gegen alle.

Charles Darwin

Natürliche Selektion als linearer Prozess

Eines der am häufigsten auftretenden Missverständnisse besteht darin, die Evolution einer Spezies als eine lineare Entwicklung zu sehen, als ob Arten sich von Generation zur Generation ändern und ständig verbessern würden. Die Evolution funktioniert nicht so, auch nicht die des Menschen als Nachfolger verschiedener Hominiden.

Wenn es darum geht, die natürliche Selektion zu verstehen, ist die Metapher eines Siebs besser geeignet. Viele Steine werden in dieses Sieb geworfen, aber nur diejenigen mit der richtigen Form werden ausgewählt. Der Rest wird verworfen. Und dann, mit der Zeit, werden diese und andere, neue Steine in ein anderes Sieb geworfen, wo sie wieder ausgewählt werden. Und auf diese Weise bleiben einige Steine länger erhalten, während andere zurückbleiben.

Der Mensch spielt zusammen mit allen anderen Lebewesen die Rolle derjenigen Steine, die im Sieb ausgewählt werden. Die Lebewesen (Steine), die sich nicht an den sich verändernden Kontext (ein neues Sieb) anpassen, werden nicht überleben können.

Im Laufe der Evolution mutieren und verändern sich die Arten, das stimmt. Aber nicht jede Veränderung bedeutet eine Verbesserung. Eine weitere wichtige Nuance ist die Tatsache, dass der Kontext mit der Zeit variiert. Eine Spezies oder Person, die sich in der Vergangenheit angepasst hat, ist möglicherweise nicht in der Lage, sich an zukünftige Geschehnisse anzupassen und umgekehrt.

Die differenzierte Anpassung der Arten

Eine weitverbreitete, stets falsch verstandene Ideen ist, dass der Mensch das am besten angepasste Tier auf der Erde wäre und wir an der Spitze der evolutionären Pyramide stünden. Wenn wir uns die Definition der Anpassung ansehen, wird uns auffallen, dass sie darin besteht, zu überleben und Nachkommen zu zeugen, die ebenfalls überleben. Kurz gesagt, Anpassung bedeutet, die Existenz der Art zu sichern. Darüber hinaus können wir aus dieser Definition und der Evolutionstheorie schließen, dass sich alle derzeit existierenden Arten ebenfalls angepasst haben. Sonst wären sie nicht (mehr) da.

Vor diesem Hintergrund werden viele auf die großen Leistungen des Menschen oder seine hohe intellektuelle Leistungsfähigkeit hinweisen, um ihn von anderen Lebewesen zu unterscheiden. Aber so die Menschen ihren Verstand zum Überleben benutzten, benutzte wie die Katze ihre Krallen. Jede Spezies hat ihre eigenen Qualitäten, die es ihr ermöglichen, zu überleben.

Es ist wahr, dass der Mensch dafür komplexe Gesellschaften aufgebaut hat, während ein Bakterium dies mithilfe von Resistenz und hoher Fortpflanzungsaktivität tut. Allerdings können wir uns den Menschen dann auch als Studenten vorstellen, der monatelang darum kämpft, einen Kurs zu bestehen, während die Bakterien jene Studenten sind, die am Tag des Tests lernen und bestehen. Am Ende ist das Ergebnis für beide gleich.

Menschlicher Kopf aus Zahnrädern

Natürliche Selektion als Kampf aller gegen alle

Schließlich wollen wir über den Mythos sprechen, die natürliche Selektion sei ein Existenzkampf, der das Überleben des Stärkeren garantiere. Vergessen wir nicht, dass diejenigen, die überleben, sich an ihre Umgebung anpassen. Wenn der Kontext diejenigen begünstigt, die angreifen, werden sie überleben. Aber wenn der Kontext diejenigen begünstigt, die fliehen, werden sie die Angepassten sein. Und überleben.

Hobbes sagte, dass „der Mensch des Menschen Wolf“  sei. Er glaubte, dass der Mensch von Natur aus rücksichtslos und egoistisch sei und mit anderen Menschen konkurriere. Um diese Hypothese zu prüfen, ist es notwendig, die Prinzipien der natürlichen Selektion zu überprüfen und die Natur zu beobachten. Dann verstehen wir, dass sie falsch ist: Der Mensch und die überwiegende Mehrheit der Arten konnten nur dank gegenseitiger Unterstützung überleben.

Die Fähigkeit, in kollaborativen Gesellschaften oder Herden zu leben, ermöglicht eine bessere Reaktion auf umgebungsbedingte Herausforderungen. Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine Gewalt und keinen Wettbewerb gebe. In vielen Situationen haben sich diese als adaptives Verhalten erwiesen. Aber wir müssen bedenken, dass der Kampf nicht der Protagonist der natürlichen Selektion ist. Einfach gesagt, gehören sowohl der Kampf als auch die gegenseitige Unterstützung zum Repertoire der Spezies, um sich ihrer Umwelt und den damit verbundenen Schwierigkeiten zu stellen. Vielleicht ist das eine jahrtausendealte Lektion, über die wir mal nachdenken sollten.

Stephens, C. (2007). Natural selection. In Philosophy of Biology. https://doi.org/10.1016/B978-044451543-8/50008-3