Soziale Identität – Warum wir dazugehören wollen

· 18. Mai 2018

Soziale Identität bezeichnet das Ausmaß, zu dem wir uns mit einer bestimmten Gruppe identifizieren. Sie ist ein Maßstab dafür, wie wichtig uns eine Gruppe ist. Je mehr wir uns mit einer Gruppe identifizieren, desto mehr wird die Gruppe unsere Persönlichkeit bestimmen, denn die Normen und Werte einer Gruppe werden normalerweise von all ihren Mitgliedern geteilt. Und je wichtiger den Mitglieder die Gruppe ist, desto mehr werden sie sich selbst und andere Mitglieder respektieren.

Aber sagt soziale Identität einfach nur aus, wie wichtig uns eine Gruppe ist? Nein, soziale Identität bezieht sich nicht nur auf die Gruppe und das Erfüllen ihrer Normen und Werte. Vielmehr stellt die soziale Identität jeglicher Gruppe eine Verschmelzung verschiedener Aspekte dar. Um genauer zu sein: Soziale Identität setzt sich zusammen aus zwei Faktoren auf Gruppenebene, nämlich Selbstinvestition und Selbstdefinition, und fünf Faktoren auf persönlicher Ebene.

Selbstinvestition der sozialen Identität

Selbstinvestition bezieht sich auf das Gefühl, zur Gruppe dazuzugehören. Das Gefühl, Teil von etwas Großem zu sein, und die positiven Gefühle, die das mit sich bringt. Für manchen Menschen ist das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit von sehr großer Bedeutung. Dieses Gefühl, das unser Wohlbefinden fördert, wird  mit der Zuteilung von positiven Eigenschaften in Zusammenhang gebracht. Wie zum Beispiel: Meine Gruppe ist die beste. Wir Mitglieder sind tolle Menschen und sind Teil einer wichtigen Sache.

Uniformität in der Gruppe - alle mit gelbem Shirt

Selbstinvestition wiederum setzt sich aus drei einzelnen Komponenten zusammen. Diese sind Zufriedenheit, Solidarität und Zentralität.

  • Zufriedenheit spiegelt sich in den positiven Gefühlen gegenüber der Gruppe wider und darin, dass man zu ihr dazugehört. Eine Person, die sich als Franzose versteht und damit als ein Teil Frankreichs, ist meist auch zufrieden, Franzose zu sein. Diese Person wird negative Aspekte vielleicht verleugnen, die andere Menschen Franzosen zuschreiben, sodass die Zufriedenheit mit der Gruppe nicht ins Wanken gerät.
  • Solidarität ist unsere psychologische Verbindung zu anderen Mitgliedern der Gruppe und unsere Verpflichtung ihnen gegenüber. Diejenigen, die sich am meisten mit der Gruppe identifizieren, sind am ehesten dazu bereit, etwas für die anderen Mitglieder der Gruppe zu tun. Jemand, der sich sehr stark mit einer Religion identifiziert, wird fast alles für andere Angehörige dieser Religion tun. Allerdings kann es für diese Person schwierig werden, zu Mitgliedern anderer Religionen Anschluss zu finden.
  • Zentralität macht die Mitglieder sensibel für Probleme in der Gruppe, unabhängig davon, ob sie innerhalb der Gruppe auftreten oder in Verbindung zu anderen Gruppen. Wenn sich die Gruppe bedroht fühlt und Zentralität ausgeprägt ist, werden sie gemeinsam gegen die Bedrohung vorgehen. Zentralität bedeutet also, dass Gruppeninteressen persönlichen Bedürfnissen vorgezogen werden. Ein Beispiel: Fußballfans können ihre privaten Bedürfnisse in den Hintergrund stellen, um sich dann allein der Mannschaft und den Bedürfnissen der Fangemeinschaft zu widmen.
Junge buddhistische Mönche beten

Selbstdefinition der sozialen Identität

Auf der anderen Seite gibt es die Selbstdefinition, die besagt, wie eine Gruppe sich selbst versteht. Das Ausmaß, zu dem sich die Gruppenmitglieder der Gruppe gleichstellen, macht einen großen Teil der Selbstdefinition aus. Aufgrund dessen neigen Mitglieder einer Gruppe zu Gemeinsamkeiten ganz verschiedener Art und Weise.

Die Komponenten der Selbstdefinition sind Selbststereotypisierung und Homogenität.

  • Man spricht von Selbststereotypisierung, wenn sich Mitglieder der Gruppe als Teil der Gruppe betrachten. Somit neigen sie dazu, Stereotypen anzunehmen, die der Gruppe zugeschrieben werden. Normalerweise versuchen Mitglieder einer Gruppe, den typischsten Mitgliedern derselben zu entsprechen. Sie haben auch das Gefühl, das Schicksal der Gruppe zu teilen. Infolgedessen fühlen sie sich als Teil der Erfolge und Misserfolge der Gruppe.
  • Die Homogenität einer Gruppe ist verbunden mit dem Wunsch, den besonderen Charakter der Gruppe aufrechtzuerhalten. Die Mitglieder denken meist, dass sie viele Gemeinsamkeiten aufweisen und sich alle ähnlich sind. Meistens sehen sie eine größere Homogenität in der Gruppe, als sie tatsächlich gegeben ist. Aus diesem Grund werden diejenigen, die sich mit der Gruppe am stärksten identifizieren, in ihren Augen zu sehr abweichende Mitglieder ausstoßen. In der Tat versuchen Mitglieder extremer Gruppen, wie z. B. Neonazis, sich soweit wie möglich von anderen Gruppen, wie z. B. Skinheads, abzugrenzen – ganz egal, wie viele idiotische Gemeinsamkeiten sie haben.
Hände und Füße auf dem Gras

Die Vielfalt der sozialen Identität

Diese verschiedenen Komponenten spielen eine Rolle dabei, wie Menschen innerhalb einer Gruppe ihre Identität finden. Manche legen viel Wert auf Homogenität innerhalb der Gruppe und versuchen, sich von denjenigen abzugrenzen, die anders sind. Andere legen ihr Hauptaugenmerk auf die Solidarität zu Mitglieder derselben Gruppe oder sehen Zentralität als das wichtigste Kriterium an.

Ein gutes Beispiel hierfür ist die Debatte um die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien. Zum einen gibt es diejenigen, die sich als Spanier und Katalanen identifizieren. Zum anderen gibt es solche, die sich nur mit einer dieser gesellschaftlichen Gruppen identifizieren. Und dann gibt es zahlreiche Untergruppen: Manche identifizieren sich mit der Zentralität der Katalanen und sehen Spanien als Bedrohung an. Andere wiederum wenden die Selbststereotypisierung an und versuchen, jene Mitglieder zu imitieren, die ihre Gruppe repräsentieren.

Diese Verschiedenheiten führen dazu, dass jeder Mensch seine eigene Identität hat, bei allem Bestreben nach Gleichheit. Und die sollten wir niemals aufgeben.