Die Stürme, durch die wir gehen, bringen uns zurück ins Leben

· 20. Juli 2016

Wir sind heute, wer wir sind, weil wir durch stürmische Zeiten gehen mussten. Wir neigen dazu, die Lektionen zu unterschätzen, die uns die schwierigsten Erfahrungen lehren, ohne darüber nachzudenken, welche großartigen positiven Veränderungen diese uns bringen können.

Wir vermissen, wie wir waren, bevor uns unangenehme Dinge passiert sind, ohne zu realisieren, dass es unausweichlich ist, dass man im Leben durch stürmische Zeiten geht, Situationen erlebt, die uns niederschlagen, aus denen wir aber gestärkt hervorgehen. Das sind die Stürme des Lebens.

Tatsächlich sind es die tumulten Zeiten, die tiefsten Fälle und die unangenehmsten Erfahrungen, die unsere wahre Natur hervorbringen und die uns stärker und robuster werden lassen. Sei es Zufall oder nicht, aber manchmal bringt dich der Sturm, durch den gehen musst, erst wieder ins Leben zurück.

„Wahrer Schmerz, die Art, die uns tief leiden lässt, verwandelt manchmal sogar einen impulsiven Mann in einen ernsten und beständigen; auch die Geistlosen werden intelligenter nach großem Schmerz.“

Fyodor Dostoyevsky

Die Stürme, die uns verändern

Wenn das Leben geradlinig verliefe und einfach wäre, dann wäre es kein Leben. Wenn jeder auf der Welt gleich wäre und die gleiche Sache wollte, dann wären menschliche Beziehungen leer und es gäbe keinen Grund, zu kämpfen oder Hindernisse zu überwinden. Obwohl diese Gesellschaft von Gerechtigkeit und Gleichheit erfüllt wäre – etwas Großartigem, nach dem wir uns alle sehen -, würde es noch zu Konflikten kommen.

In allen Zeiten mussten Menschen durch stürmische Zeiten gehen

Instabilität ist die wahre Natur dessen, was uns umgibt, und die wahre Natur der Menschen. Nicht zu wissen, wie man Mehrdeutigkeit, Unsicherheit und Konflikte toleriert, ist der ideale Nährboden für psychologische Störungen.

Der Mythos von Stabilität in unserem Leben ist genau das: Ein Mythos. Wenn wir uns diese Tatsache bewusst machen, dann bereiten wir uns auch auf plötzliche Veränderungen und schmerzhafte Erfahrungen vor, so gut das eben möglich ist. Denn für Schicksalsschläge kannst du nicht trainieren. Wir können allerdings lernen, mit ihnen umzugehen.

Die Kintsugi-Metapher

Manchmal, wenn wir durch stürmische Zeiten gegangen sind, glauben wir, dass es das Beste wäre, Zerbrochenes wieder zusammenzusetzen, um unsere Narben zu verstecken. Wir wollen weiterleben, koste es, was es wolle, und möchten den Schmerz vergessen, den wir gerade erst erlebt haben. Wir assoziieren unser Weiterleben mit Stärke und glauben deshalb, keine Anzeichen von Schwäche zeigen zu dürfen.

Die westliche Kultur kann diesbezüglich von der östlichen Philosophie noch viel lernen: Es gibt keinen Grund dafür, seinen Schmerz zu verstecken. Wir dürfen das Fehlen von Schmerz nicht mit der Stärke unseres Selbstbewusstseins assoziieren. Eine schwierige Situation durchgestanden und überwunden zu haben, ist an sich schon ein Zeichen von Stärke und sollte uns stolz machen.

Fernöstliches Portrait einer Frau

Wenn Japaner ihre zerbrochenen Gegenstände reparieren, dann ehren sie deren Sprünge, indem sie sie mit Gold füllen. Sie glauben, dass etwas noch schöner wird, wenn es zerstört und wieder aufgebaut wurde und seine Geschichte hat.

Die japanische Kunst, zerbrochene Keramik mit einem Kleber zu reparieren und danach mit Goldstaub zu besprühen, ist unter dem Namen Kintsugi bekannt. Sie zielt darauf ab, dass das Keramikobjekt nicht nur repariert, sondern stabilisiert und verschönert wird. Statt zu versuchen, die Sprünge und Defekte zu verstecken, werden sie hervorgehoben und gefeiert, denn jetzt sind sie die stärksten Stellen des Stücks. Kintsukoroi ist die japanische Bezeichnung dafür, Dinge mit Gold oder Silberlack zu reparieren, und zu verstehen, dass das Objekt aufgrund seiner Geschichte nun einzigartig schön ist.

Wenn etwas Wertvolles zerbricht, sollten wir seine Zerbrechlichkeit oder Unvollkommenheit nicht verstecken, sondern es wieder aufbauen und so seine Stärken zeigen: Kraft, Leistung, Tugend.

Emotionale Stürme bringen etwas Neues

Wir können nicht wissen, welche Bedeutung ein emotionaler Sturm für unser Leben hat, bevor wir nicht vollständig durch ihn gegangen sind. Es gibt sogar Stürme, die immer wieder auftauchen oder die nicht nachlassen, bevor wir es nicht geschafft haben, sie zu konfrontieren.

Und wieder bringt uns die Natur eine Lektion bei: Nichts ist unveränderlich und ewig, ganz gleich wie ruhig und wunderschön etwas zu sein scheint. Veränderung ist die einzige Konstante, die immer gilt.

„Und wenn der Sturm vorbei ist, wirst du dich nicht mehr daran erinnern, wie du es durch ihn hindurch geschafft hast, wie du es geschafft hast, zu überleben. Du wirst dir nicht mal sicher sein, ob der Sturm wirklich vorbei ist. Aber eins ist sicher: Wenn du aus dem Sturm herauskommst, dann wirst du eine andere Person sein als die, die du warst, als du in ihn gekommen bist. Das ist es, worum es bei einem Sturm geht.“

Haruki Murakami

Gemeinsam durch stürmische Zeiten gehen

Wenn also das nächste Mal ein Sturm aufkommt, schäme dich nicht, Angst zu haben. Versuche trotzdem, deinen Mann oder deine Frau zu stehen. Wenn es dich umhaut und du Blessuren bekommst, dann nimm diesen Schmerz nicht mit einer passiven oder masochistischen Einstellung an, sondern begegne ihm bewusst. Vielleicht zeigen dir all diese blauen Flecken erst, wer oder was dich verletzt.

Am Ende des Tages sind diese Stürme im Leben unvermeidbar. Wenn du also durch stürmische Zeiten gehen musst, dann lasse dich durchnässen und vielleicht kommst du mit neuen Ideen, die dich wieder zurück ins Leben bringen, heraus. Die kleinen Details sind diejenigen, die dir viele Dinge über dich selbst beibringen können, die dir in der Zukunft nützlich sein können, wenn der Himmel wieder aufklart.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Nathalia Suellen und Fairy Tales