Die Sprache der Küsse

· 23. März 2016

Wir küssen aus Vergnügen und um angespannten Situationen zu entfliehen. Wir küssen leidenschaftlich, langsam und sanft, wir küssen, um unser Inneres zur Ruhe zu bringen, wir küssen mit Wärme, wir küssen kühl, wir versinken ganz in einen Kuss und wir sagen mit einem Kuss „Auf Wiedersehen“Mit unseren Lippen übermitteln wir sehr viele Emotionen die Lippen und Küsse gehören zu den stärksten Waffen, die dem Menschen zur Verfügung stehen.

Es ist noch nicht bekannt, warum sich unsere Lippen so entwickelt haben, wie sie heute sind, aber Forscher wie Gordon G. Gallup denken, dass die Lippen sich so entwickelt haben könnten, um uns die Partnerwahl zu erleichtern.

In einem BBC-Interview von September 2007 stellt er fest:

Küssen beinhaltet einen höchst komplizierten Informationsaustausch: Informationen, die den Geruchs- und Tastsinn ansprechen und solche, die etwas darüber verraten, wie die Partner zueinander passen. Auf diese Weise sind Menschen in der Lage, durch unterbewusste Mechanismen zu entscheiden, ob unser Gegenüber auch genetisch eine gute Wahl ist.“

In wissenschaftlichen Kreisen wurde bestätigt, dass Küsse sogar verraten können, wie hingebungsvoll ein Partner ist, was von großer Bedeutung ist, wenn man sich Kinder miteinander wünscht. Darüber hinaus kann ein schlechter Kuss die Entwicklung einer Beziehung bestimmen und kann sogar ihr Ende sein.

Ein Beweis dafür ist Gallups Entdeckung, dass die meisten Männer und Frauen sich irgendwann schon einmal weniger zu einer anderen Person hingezogen gefühlt haben – und das aufgrund eines Kusses. An dieser Art von schlechten Küssen ist an sich nichts falsch. Sie sind einfach nur nicht so schön und sorgen dafür, dass eine Beziehung zum Erliegen kommt.

Was der Autor auch sagt, ist, dass Küsse sowohl für Männer als auch für Frauen von großer Bedeutung sein können. Der Grund dafür ist bei beiden Geschlechtern allerdings unterschiedlich. Männer interpretieren einen intensiven Kuss als einen Schritt in Richtung sexuelle Beziehung. „Frauen jedoch entnehmen einem Kuss Informationen über das Maß an Hingabe, das der Mann mit in eine Langzeitbeziehung bringen wird.“

Aus diesem Grund sind Küsse wie emotionale Barometer. Einem Kuss entnehmen wir je nach Maß an Intimität und Intensität, wie gesund die Beziehung sein wird. Das ist eine der zahlreichen Situationen, in denen wir von unseren Instinkten und unterbewussten Impulsen gelenkt werden. Und ausgehend von diesen Informationen entwickeln wir zahlreiche Verhaltensweisen.

In jedem Fall gilt: Obwohl ein Kuss aus evolutionstheoretischer Perspektive ein Barometer für die Qualität der menschlichen Beziehung sein kann, muss er nicht zwangsläufig eine Rolle in unserer Entwicklung als Lebewesen spielen. Es gibt nämlich genauso viele Tiere, die eben nicht herumlaufen und ihre Artgenossen mit Küssen bedecken, um so ihre Zuneigung zum Ausdruck zu bringen oder um einen Index für ihre Aussichten auf Reproduktion zu erhalten. Es gab zu Beginn des 20. Jahrhunderts sogar Menschen, die auf das Küssen verzichtet haben: Der dänische Wissenschaftler Kristoffer Nyrop beschrieb ein Volk in Finnland, für welches es normal war, miteinander zu baden, welches den Austausch eines Kusses jedoch als unangemessen bewertete.

Im Jahre 1897 schrieb der Anthropologe Paul d‘Enjoy, dass Menschen in China den Kuss auf den Mund als etwas so Abwegiges betrachteten, dass es auf einer ähnlichen Stufe wie der Kannibalismus stand. Und in der Mongolei gibt es zum Beispiel Eltern, die ihre Söhne nicht küssen, sondern ihre Zuneigung zum Ausdruck bringen, indem sie an ihren Köpfen riechen.

In unserer Kultur ist es allerdings so, dass, wenn wir eine Person küssen, in die wir verliebt sind, das Lustzentrum in unserem Gehirn, die Area tegmentalis ventralis, aktiviert wird. Auf Deutsch gesagt: Dieser Bereich im Gehirn wird auch aktiviert, wenn wir Drogen konsumieren. Das mag auch eine Erklärung sein, warum Küsse so süchtig machen können.

Ein weiterer, interessanter Fakt: Wenn wir küssen, haben wir die Tendenz, unseren Kopf nach links oder nach rechts zu neigen, je nachdem ob wir Rechts- oder Linkshänder sind. Dies kann zumindest teilweise so erklärt werden, dass die meisten Mütter ihre Kinder beim Wiegen mit dem Kopf nach links halten. Das bedeutet für das Kind, dass es sich zum Trinken und zum Kuscheln leicht nach rechts wenden muss. Dadurch könnte bei vielen von uns eine Verbindung entstehen zwischen Wärme, Liebe und Sicherheit einerseits und einer nach rechts geneigten Haltung andererseits.

Es scheint sogar so, dass wir weniger Liebe und Wärme empfinden, wenn wir uns bei einem Kuss nach links neigen. Eine Art, wie sich dies erklären lässt, ist die Lateralisation des Gehirns: Wenn wir uns nach rechts neigen, bringen wir dadurch unsere linke Seite zum Vorschein – jenen Teil unseres Körpers, der von der rechten Gehirnhälfte gesteuert wird, also dem hauptsächlich emotionalen Teil.

Es gibt zwar zahlreiche Studien, die diese Idee unterstützen, allerdings gibt es wiederum auch andere, die die Neigung nach rechts während eines Kusses eher mit motorischen Präferenzen als mit emotionalen erklären. Vielleicht wird dieses Geheimnis ja noch gelüftet werden.

Wie dem auch sei, die wichtigste und plausibelste Erkenntnis – ungeachtet dessen was die einzelnen Studien sagen – ist, dass wir durch einen Kuss eine große Zahl an neuralen und chemischen Informationen versenden. Diese Informationen erreichen uns in Form von sinnlich wahrnehmbaren Gefühlen, sexueller Erregung, Intimität und Zuneigung.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Melpomene