Die Maske der Anpassung an die "Normalität"

Viele verwenden Masken, um sich der Gesellschaft anzupassen. Diese Strategie kann zwar in bestimmten Situationen hilfreich sein, doch sie hat auch viele negative Konsequenzen.
Die Maske der Anpassung an die "Normalität"

Letzte Aktualisierung: 24. Oktober 2021

Das Leben in der Gesellschaft hat für uns Menschen viele physische und psychische Vorteile. Um uns an die Gruppe anzupassen und von ihr akzeptiert zu werden, sind wir jedoch gezwungen, die “Normalität” zu akzeptieren. Für manche ist dies ohne die Maske der Anpassung nicht möglich, doch diese Strategie kann sehr negative Auswirkungen haben.

Hast du selbst schon einmal eine Maske aufgesetzt, um dich an eine soziale Situation anzupassen? Vielleicht hast du dich gezwungen zu lächeln, obwohl dir innerlich ganz und gar nicht danach war. Es gibt viele Gegebenheiten, an die wir uns anpassen müssen, wenn wir nicht aus der Rolle fallen müssen. Für neurodivergente Menschen wird die Maske der Anpassung zu einem täglichen Phänomen, das unter anderem in der Serie “Liebe im Spektrum” zu beobachten ist.

Frau trägt Maske der Anpassung

Die Maske der Anpassung als Bewältigungsstrategie

Die Maske der Anpassung ist eine Bewältigungsstrategie, die darin besteht, das eigene Verhalten an das anzupassen, was gesellschaftlich erwartet wird. Es ist eine Art soziale Tarnung, die wir betreiben, um sozial kompetent zu erscheinen und dem zu entsprechen, was als Normalität verstanden wird. Wir verstecken damit Abweichungen, um neurotypisch zu handeln.

Im richtigen Ausmaß kann diese Gewohnheit sehr anpassungsfähig sein, doch sie schränkt uns auch stark ein, da wir damit unsere Identität schließlich verlieren.

Unter neurotypischen Menschen verstehen wir diejenigen, die eine typische neurologische Entwicklung aufweisen: Sie denken, fühlen und handeln wie die Mehrheit der Bevölkerung. Neurodivergente Menschen hingegen haben ein anderes Verständnis und interpretieren die Realität anders. Obwohl ihre Vision genauso gültig ist wie die aller anderen, leiden sie oft unter Missverständnissen und sind gezwungen, eine Maske aufzusetzen, um Ablehnung zu vermeiden.

Was bedeutet das?

Um besser zu verstehen, was die Maske der Anpassung bedeutet, nennen wir einige Beispiele:

  • Du zwingst dich, anderen bei Gesprächen in die Augen zu schauen.
  • Um das Gespräch attraktiver und ansprechender zu gestalten, veränderst du deine Stimme.
  • Du erzwingst eine Gestik und Mimik, die zwar unnatürlich ist, sich jedoch an den Kontext anpasst.
  • Ständig denkst du daran, wann du sprechen solltest, welche Kommentare passend sind und welche unhöflich oder respektlos sein könnten.

Wer setzt sich die Maske der Anpassung auf?

Wie wir bereits erwähnt haben, sind es neurodivergente Menschen, die am häufigsten zu dieser Art von sozialer Tarnung gezwungen werden. Häufig sind sie auf dem autistischen Spektrum. Auch Frauen neigen dazu, sich geschickt zu maskieren; sie sind besser in der Lage, ihr Verhalten anzupassen und werden daher unterdiagnostiziert.

Außerdem maskieren sich Menschen mit anderen psychischen Störungen wie Zwangsstörungen oder Borderline-Persönlichkeitsstörungen häufig. Auch die Allgemeinbevölkerung kann diese Strategie in bestimmten Situationen anwenden, vorwiegend Menschen mit Schwierigkeiten oder mangelnden sozialen Fähigkeiten.

Konsequenzen und damit verbundene Probleme

Auf den ersten Blick mag die Maske sehr funktional erscheinen; tatsächlich erfüllt sie seine adaptive Funktion. Sie steigert den sozialen Erfolg und kann sogar verhindern, dass Menschen, die anders sind als andere, in der Schule oder am Arbeitsplatz gemobbt werden. Langfristig kann dies jedoch schwerwiegende Folgen für die psychische Gesundheit haben. Zum Beispiel:

  • Ständig schauspielern oder sich verstellen zu müssen, ist psychisch anstrengend. Deshalb kann es vorkommen, dass sich die Person nach Zeiten sozialer Interaktion erschöpft und überfordert fühlt und Zeit für sich braucht, um neue Energie zu tanken.
  • Betroffene konzentrieren ihre gesamte Energie darauf, sich an vorgegebene Richtlinien zu halten: Augenkontakt herstellen, sorgfältige Wahl der Worte, abwechselndes Sprechen… Dies macht es schwer, dem tatsächlichen Inhalt des Gesprächs Aufmerksamkeit zu schenken. Das Ergebnis ist, dass die Erfahrung nicht so tief und bedeutungsvoll ist, wie sie sein könnte.
  • Wenn die Maske täglich und über lange Zeit vorhanden ist, kann sie zu ängstlichen und depressiven Episoden und sogar zu Dissoziation führen. Die Person distanziert sich von ihren wahren Gedanken, Gefühlen und Impulsen, da sie sich ständig anpassen und verändern muss.
  • Das größte Problem ist jedoch, dass diese Strategie das Unbehagen der Person nicht lindert und ihr auch nichts bringt. Es entkräftet nur ihre Weltanschauung, um sie an die der anderen anzupassen.
Mann mit Maske der Anpassung leidet

Empathie und Toleranz für Vielfalt

Um diese Situation, die viele Menschen erleben, umzukehren, ist es nötig, Empathie zu kultivieren. Als Gesellschaft müssen wir offen für Vielfalt sein und verstehen, dass es verschiedene Arten gibt, die Welt zu interpretieren. Wir müssen lernen, uns in die Lage anderer hineinzuversetzen und ihre Perspektive zu verstehen, damit niemand die Maske der Anpassung benötigt.

Wenn Unterschiede nicht mehr als negativ betrachtet werden und kein Grund für Ablehnung sind, benötigen Menschen keine Masken mehr und können einander so begegnen, wie sie wirklich sind.

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