Die Inferenzleiter von Chris Argyris

03 April, 2021
Die schlimmsten Katastrophen sind immer die, die du in deinem Kopf erschaffst. Aber warum sind wir so oft die Autoren der grausamsten und pessimistischsten Visionen von unserer eigenen Zukunft? Diese interessante Theorie bietet eine Erklärung.

Jeder tut es. Wir erschaffen in unserem Kopf ständig Filme über unsere eigene Zukunft. Einige von ihnen sind geradezu Oscar-reif. Man stellt sich eine katastrophale Zukunft vor, erschafft Dramen, wo es keine gibt, und denkt sich seltsame Erklärungen für die Dinge um einen herum aus. Diese unbegründeten und oft unsinnigen Schlussfolgerungen sind die Grundlage für das Thema unseres heutigen Artikels: Die Inferenzleiter-Theorie von Chris Argyris.

Falls dir dieser Name nicht geläufig ist, hier eine kurze Erläuterung. Chris Argyris ist der Mann, der als Mitbegründer der Organisationsentwicklung gilt. Als Psychologe, Wirtschaftswissenschaftler und Harvard-Professor machte sich Argyris einen Namen, indem er uns half, die Verbindungsprozesse zwischen Menschen zu verstehen, wie wir Entscheidungen treffen und wie diese in verschiedenen sozialen Umgebungen wirken.

Einer der interessantesten Beiträge von Dr. Argyris war seine Theorie der Inferenz und seine Inferenzleiter. Mit anderen Worten, die Art und Weise, wie wir den Dingen in unseren Köpfen Bedeutung verleihen und wie dies unser Handeln beeinflusst. Dies ist ein faszinierendes Thema aus Gründen, die wir alle verstehen können. Denn wie oft hast du schon Dinge auf eine Art und Weise interpretiert, die nicht nur falsch war und dir ein schlechtes Gefühl vermittelte, sondern auch zu sehr schlechten Entscheidungen führte?

Menschen erfinden über ihre Mitmenschen und die Ereignisse um sie herum ständig Geschichten in ihrem Kopf. Du stellst dir vor, dass dich dein Partner anlügt, deine beiden Kollegen dich hassen oder dein Professor es auf dich abgesehen hat. Aber derartige Schlussfolgerungen beeinträchtigen dich in zweierlei Hinsicht: Erstens schränken sie deine Lebensqualität ein, weil diese Annahmen oft unwahr sind. Und zweitens bleibst du im Teufelskreislauf des Leidens stecken, weil du Vorstellungen einen Wert beimisst, die keine Grundlage haben. Mit diesem Thema wollen wir uns nachfolgend etwas eingehender befassen.

Inferenzleiter - Film über das, was im Gehirn eines Menschen vor sich geht

Die Inferenzleiter von Chris Argyris

Wir Menschen sind nicht die pragmatischsten Wesen. Wir zählen oft zwei und zwei zusammen und erhalten… fünf. Als du letzte Woche deinen Nachbarn weinend aus dem Haus kommen sahst, hast du vermutlich angenommen, dass er sich wohl von seiner Freundin getrennt hat. Oder: Als dein Chef sich auf der Arbeit mit jemandem heftig gestritten hat, hast du möglicherweise den Gedanken gehabt, dass er nun sein Unternehmen aufgeben wird. Und du dir so schnell wie möglich einen anderen Job suchen solltest.

Rückschlüsse zu ziehen, eigene Schlüsse zu ziehen und Geschichten im Kopf zu erfinden, ist etwas sehr Menschliches. Jeder tut dies bis zu einem gewissen Grad. Allerdings sind einige Menschen besonders geschickt darin, mentale Filme zu produzieren. Für dieses Phänomen gibt es einige Gründe.

  • Das Gehirn mag keine Unsicherheit oder unzureichende Informationen. Um dieses Problem zu lösen, stützt es sich auf eine Mischung aus objektiven Beobachtungen, viel Vorstellungskraft und Schlussfolgerungen (Inferenzen), die nicht unbedingt logisch sind.
  • Zudem ist das Tempo in der heutigen Welt rasend schnell. Du erhältst an einem einzigen Tag so viele Informationen und Anregungen, dass du unter großem Druck stehst und schnelle Schlussfolgerungen ziehen und rasch handeln musst. Hierin liegt ein Großteil unserer Probleme.
  • Darüber hinaus wird unser Geist zwar schneller, aber gleichzeitig weniger reflektiert.

All diese Faktoren können zu schwerwiegenden Missverständnissen und Fehleinschätzungen führen. Du führst Dinge fälschlicherweise auf Menschen und Situationen zurück, was zwangsläufig zu vielen Problemen führt. Eine Möglichkeit, diese Prozesse besser zu kontrollieren, besteht darin, theoretische Ansätze für diese sehr menschlichen Tendenzen zu erlernen. Eine dieser nützlichen Theorien ist die Inferenzleiter von Chris Argyris. Die Arbeit von Argyris kann dir helfen, besser zu verstehen, wie dein Gehirn bei der Entscheidungsfindung funktioniert.

Was besagt die Theorie der Inferenzleiter?

Chris Argyris und Peter Senge stellten diese Theorie in ihrem Buch Die fünfte Disziplin: Kunst und Praxis der lernenden Organisation vor und erläuterten sie ausführlich. Die Theorie wurde im Kontext von Organisationen entwickelt, um zu erklären, warum Menschen am Arbeitsplatz schlechte Entscheidungen treffen.

Die Autoren verwendeten die Metapher einer Leiter, um den Prozess zu erklären, durch den Menschen zu bestimmten Schlussfolgerungen gelangen. Die Sprossen auf der Leiter repräsentieren Folgendes:

  • Beobachtung dessen, was um dich herum geschieht.
  • Auswahl bestimmter Daten oder Information über das, was du siehst.
  • Anschließend weist du diesen Daten oder Informationen eine Bedeutung zu.
  • Vermutungen anstellen.
  • Anschließend ziehst du basierend auf deinen eigenen Überzeugungen gewisse Schlussfolgerungen.
  • Auf Grundlage dieser Schlussfolgerungen ergreifst du dann eine bestimmte Maßnahme oder handelst.

Wie du siehst, beeinflussen deine Überzeugungen diesen gesamten Prozess. Sie bestimmen, wie du bestimmte Informationen auswählst und den Rest ignorierst. Darüber hinaus filtern sie auch deine Realität und lassen dich oft innerhalb einer Millisekunde von einer Beobachtung zu einer Schlussfolgerung gelangen.

Wie du die Inferenzleiter zu deinem Vorteil nutzen kannst

Du weißt bereits, dass das Gehirn keine Unsicherheit toleriert, weshalb es häufig zu schnellen (und oft falschen) Schlussfolgerungen gelangt. Außerdem weißt du, dass dieser Prozess zu Entscheidungen führt, die schädlich sein und Konflikte mit anderen Menschen verursachen können.

Die Inferenzleiter von Chris Argyris bietet einige Strategien, wie du vermeiden kannst, unmittelbar bestimmte Schlussfolgerungen zu ziehen. Seine Theorie erlaubt Entscheidungen und Handlungen, die objektiver sind und aus wichtigen Überlegungen resultieren. Und das funktioniert folgendermaßen:

Die sechs Schritte, um bessere Entscheidungen zu treffen

Die Inferenzleiter übernimmt für dich einen gewissen Teil der Verantwortung und der mentalen Anstrengung deinerseits. Wenn du dazu in der Lage bist, innezuhalten, bevor du bestimmte Annahmen triffst, und stattdessen deinen Geist öffnest, wird dir das helfen, sicherzustellen, dass du keine fehlerhaften Schlussfolgerungen ziehst.

Das sind die Schritte, die du befolgen solltest, um präzisere Schlussfolgerungen zu ziehen:

  • Die erste Sprosse der Leiter. Betrachte objektiv die Fakten. Dabei solltest du versuchen, deine Überzeugungen für einen Moment beiseite zu legen und keine Annahmen zu treffen.
  • Zweite Sprosse. Verwirf oder ignoriere keine der verfügbaren Informationen. Manchmal vernachlässigst du bestimmte Informationen, weil sie nicht in dein Weltbild oder deine Überzeugungen passen. Daher solltest du versuchen, möglichst objektiv zu bleiben.
  • Dritte Sprosse. Wenn du Dinge und Fakten siehst, möchte dein Gehirn ihnen automatisch eine Bedeutung zuschreiben. Wenn du damit beginnst, den Dingen eine Bedeutung zuzuweisen, frage dich, warum du diese Bedeutung einer anderen vorziehst. Du solltest deinen eigenen Denkprozess kritisch hinterfragen.
  • Vierte Sprosse. Sobald du etwas eine Bedeutung zugewiesen hast, beginnst du damit, Annahmen zu treffen. Daher solltest du dir jetzt die Frage stellen, ob deine Annahme auf den Fakten basiert, die du gesehen hast, oder auf deinen eigenen Überzeugungen.
  • Fünfte Sprosse. Wenn du bestimmte Schlussfolgerungen gezogen hast, solltest du diese durch einen Filter betrachten. Dazu musst du deine Überzeugungen und deine Emotionen ausfiltern. Betrachte sie durch eine möglichst objektive Linse. Glaubst du immer noch, dass deine Annahme richtig ist?
  • Sechste Sprosse. Dein Verhalten. Handelst du emotional oder auf Basis objektiver Informationen? Versuche, auf eine Art und Weise zu handeln, die der von dir wahrgenommenen Realität entspricht. Wenn du dich von deinen Emotionen hinreißen lässt, kann es leicht passieren, dass du etwas sagst oder tust, was du später bereuen könntest. Daher solltest du wohlüberlegt handeln.

Abschließende Gedanken

Abschließend lässt sich feststellen, dass wir alle schon unzählige Male Geschichten in unserem Kopf kreiert haben, die wenig oder gar nichts mit der Realität gemein hatten. Obwohl diese Geschichten imaginär sind, können sie dennoch einen realen Schaden anrichten; bei dir selbst und auch bei anderen.

Daher solltest du versuchen, derartige Situationen zu vermeiden, indem du einen Gang herunterschaltest. Versuche, möglichst objektiv zu bleiben. Lasse deine Annahmen und Vorurteile außen vor. Denn so wirst du und auch dein Umfeld wesentlich glücklicher und zufriedener sein!

  • Argyris Chris, Senge Peter (2006) The Fifth Discipline: The Art & Practice of The Learning Organization. Doubleda