Antifragil werden - In der Ungewissheit navigieren

Die Menschen, die antifragil sind, schreiten selbst inmitten der größten Krisen und Schwierigkeiten mit Zuversicht voran. Da sie aus vergangenen Widrigkeiten gelernt haben, haben sie keine Angst vor Unsicherheit und können sich auch in chaotischen Zeiten weiterentwickeln. Sie wissen, wie sie mit Stress umgehen müssen und erkennen neue Chancen und Möglichkeiten, wo andere nur Probleme sehen. 
Antifragil werden - In der Ungewissheit navigieren

Letzte Aktualisierung: 19. Januar 2021

Chaos, Unsicherheit, Instabilität, unvorhergesehene Ereignisse, Hyperkonnektivität, Einsamkeit, Angst… In Krisenzeiten kann jeder dieser Begriffe die menschliche Gesellschaft treffend umschreiben. Aber es gibt eine Überlebensstrategie, die du vielleicht als hilfreich empfinden könntest: Lernen, antifragil zu werden. Dieses interessante Konzept wurde im Jahr 2012 von dem libanesischen Essayisten Nassim Nicholas Taleb populär gemacht.

Zu lernen, in einer sich ständig verändernden und herausfordernden Umwelt zu überleben und zu wachsen, ist gelinde gesagt schwierig. Aber obwohl es vielen gelingt, genau das zu tun, gehen andere noch einen Schritt weiter und lernen, das Beste aus Zeiten großer Turbulenzen zu machen.

Wenn es um die Definition des Begriffes “antifragil” geht, wird oft die Metapher der Hydra verwendet – einer mythischen Schlange, die fast nicht zu töten war. Wenn ihr ein Kopf abgeschlagen wurde, kamen zwei neue aus der offenen Wunde hervor.

Dieses Bild ist eine passende Analogie, um jene Menschen zu beschreiben, die trotz Schmerzen, Stress und Schwierigkeiten gut unter Druck reagieren können.

Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Jeder Mensch muss zuerst einmal Schwäche und Fragilität erfahren, damit er oder sie versteht, was Scheitern bedeutet, was es heißt, zu versagen und wie es sich anfühlt, am absoluten Tiefpunkt angelangt zu sein.

Erst wenn du die wahre Bedeutung von Widrigkeiten entdeckst und deine mentalen Wunden heilst, kannst du gestärkter aus diesen Situationen hervorgehen. Und erst dann kannst du lernen, das zu werden, was Taleb als “antifragil” bezeichnet.

antifragil - Frau aus Wolken und Erde mit geschlossenen Augen

Antifragil werden

Im Jahr 2007 veröffentlichte Nassim Taleb sein Buch Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher EreignisseEs konzentriert sich auf den Umgang mit unerwarteten und unvorhersehbaren Ereignissen, die im Laufe des Lebens auftreten. Irgendwie hat uns dieser Forscher und Mathematiker von der New York University dazu gezwungen, zu erkennen, dass wir uns daran gewöhnt haben, zu viele Dinge als selbstverständlich zu betrachten. Infolgedessen verbleibt zu wenig Raum für den Chaos-Faktor, der jeden Bereich unserer Realität in jedem Moment verändern kann.

Die Schwarze-Schwan-Theorie beschreibt ein Ereignis, das überraschend auftritt und normalerweise erhebliche Konsequenzen nach sich zieht. Dabei könnte es sich um eine Wirtschafts- oder Gesundheitskrise handeln oder um einen persönlichen Verlust oder einen unerwarteten Misserfolg.

Die erste Lektion, die Taleb uns in seinem inzwischen legendär gewordenen Buch lehrt, besteht darin, dass wir lernen müssen zu akzeptieren, dass wir nicht jeden Aspekt unseres Lebens zu jeder Zeit kontrollieren können. Fünf Jahre später ergänzte er diese Theorie mit der Trias fragil, robust und antifragil noch um eine weitere Idee.

Wenn du durch die stürmischen Gewässer und schwarzen Schwäne des modernen Lebens navigieren möchtest, musst du lernen, antifragil zu werden. Aber warum? Das ist eigentlich ganz einfach: um mit dem Stress aufgrund unerwarteter Ereignisse umgehen zu können. Und um einen ruhigen, aufmerksamen und geschickten Ansatz zu entwickeln, der dir dabei helfen kann, in jeder chaotischen Situation und jeder fordernden, unerwarteten und komplexen Erfahrung zu überleben.

Fragil, robust und antifragil

Nassim Taleb erklärt, dass Menschen angesichts schwieriger Erfahrungen drei verschiedene Verhaltensweisen zeigen können:

  • Du kannst zum Beispiel fragil sein. Tatsächlich hat wohl jeder schon in einer bestimmte Phase seines Lebens einen derartigen Zustand erlebt. Fragil sein bedeutet, in permanenter und beinahe unerträglicher Angst zu leben. Der Autor führt das Beispiel des Damokles an, dem ständig ein Schwert über dem Kopf hing, wodurch sein Leben in permanenter Gefahr war. Der Stress, den du erfährst, wenn du weißt, dass etwas Schlimmes passieren wird und du aber nicht weißt, was du dagegen unternehmen kannst, führt dich in einen Zustand fortwährenden Leidens.
  • Aber es ist auch möglich, stark und robust zu sein. Taleb führt hierfür das Beispiel des Phoenix an. Eine Kreatur, die sich zwar stärker, aber weder klüger noch weiser aus der Asche erhebt.
  • Schließlich fokussiert sich Taleb darauf, was es bedeutet, zu lernen, antifragil zu sein. Er vergleicht dies mit einer Hydra. Wenn ihr ein Kopf abgeschlagen wird, wachsen ihr an dieser Stelle einfach zwei neue nach. Antifragil sein bedeutet, inmitten des Chaos mit Einfallsreichtum zu handeln und schwierige und stressbehaftete Situationen in Chancen für Wachstum und neue Handlungsfähigkeit zu verwandeln.
antifragil - Bild einer Hydra

Sind Resilienz und Antifragilität dasselbe?

Das Konzept der Antifragilität stammt ursprünglich aus der Ökonomie, während der Begriff Resilienz aus der Physik kommt.

Dennoch haben beide Konzepte auch Eingang in die Psychologie gefunden, insbesondere auf dem Gebiet des persönlichen Wachstums. Infolgedessen fragen sich viele Menschen, ob beide Begriffe synonym verwendet werden können. Überraschenderweise lautet die Antwort darauf nein.

Resilienz beschreibt deine Fähigkeit, dich an widrige Situationen anzupassen, aus ihnen zu lernen und stärker aus diesen hervorzugehen. Antifragilität ist mehr als nur die Anpassung an schwierige, unsichere oder herausfordernde Zeiten. Es ist die Fähigkeit, Widrigkeiten voll auszunutzen und in unsicheren Zeiten eine Chance zu erkennen, um Wachstum und Macht zu erlangen.

Antifragil werden, wie kann das gelingen?

Natürlich sind Menschen keine Hydren. Antifragilität zu erlernen bedeutet nicht, dass du dich in ein kaltes, gefühlloses Monster verwandeln oder aggressiver werden solltest. Stattdessen bedeutet antifragil sein Folgendes:

  • Den Umgang mit Stress zu erlernen.
  • Deine Emotionen zu verstehen und zu akzeptieren.
  • Deine Ängste zu deinem Vorteil zu nutzen, anstatt dich von ihnen beherrschen zu lassen. Daher solltest du sie nutzen, um deine Entschlossenheit zu stärken, deine Fähigkeit zu verbessern, Widrigkeiten zu überwinden und dir zum Erfolg zu verhelfen.
  • Darüber hinaus bedeutet Antifragilität, kreativ zu sein und verschiedene Lösungen für ein Problem zu finden.
  • Unsicherheiten zu akzeptieren und zu verstehen, dass sich das Leben verändern kann. Außerdem solltest du erkennen, dass die Dinge, die für dich heute selbstverständlich sind, morgen möglichweise nicht mehr existieren.
  • Dich bewusst dafür zu entscheiden, Veränderungen zu akzeptieren, anstatt sie zu fürchten.
  • Deine eigenen Bedürfnisse zu verstehen und Maßnahmen zu ergreifen, diese zu befriedigen.
  • Antifragil sein bedeutet auch, dass du die Chancen, die sich dir bieten, erkennst und sie ergreifst.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Antifragilität eine hervorragende Überlebensstrategie ist, auf die du zurückgreifen kannst. Daher solltest du versuchen, einige dieser Tipps in deinem täglichen Leben in die Praxis umzusetzen und herausfinden, welche Veränderungen sich dadurch für dich ergeben!

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  • Taleb, Nassim (2012) Antifragil, las cosas que se benefician del desorden. Paidós: Madrid