Die Illusion der Durchschaubarkeit: Eigentlich geht es mir nicht gut

· 6. September 2018

Viele Menschen leiden unter der Illusion der Durchschaubarkeit. Sie denken, dass jeder ihre Traurigkeit, Emotionen und Verzweiflung deutlich sehen können müsste. Sie glauben, dass wir, ihre Mitmenschen, in der Lage wären, ihre Bedürfnisse zu erkennen. Aber Menschen sind keine offenen Bücher. Das heißt, wenn wir wirklich etwas brauchen und es erreichen wollen, müssen wir lernen, durchsetzungsfähiger zu sein.

Vielleicht sind wir mit dieser Idee bereits vertraut. Wahrscheinlich haben sie die meisten von uns schon am eigenen Leib erfahren. Wenn wir beispielsweise einen Vortrag halten mussten und annahmen, dass jeder sehen konnte, wie nervös wir waren. Aber nach dem Vortrag sagten uns unsere Zuhörer, dass wir eine ausgezeichnete Rede gehalten und großes Selbstvertrauen ausgestrahlt haben.

Die Illusion der Durchschaubarkeit besteht darin, dass manche Menschen glauben, dass ihre inneren Zustände für andere offensichtlich wären. Sie glauben, dass sie Spiegel wären, die ihre intimsten Gefühle perfekt widerspiegeln.

Stellen wir uns einen Tag vor, der wirklich schlecht für uns gelaufen ist und an dem wir froh sind, endlich nach Hause zu kommen. Einer dieser Tage, an denen Murphys Gesetze gelten, wo alles schiefgeht, was schiefgehen kann. Trotzdem haben unsere Lebensgefährten, Familie und Freunde keine Ahnung, dass wir einen schlechten Tag hatten. Sie verstehen nicht, warum wir schlecht gelaunt sind, es sei denn, wir teilen uns mit. 

Wir sind nämlich nicht so durchschaubar, wie wir meinen. Unser inneres Selbst ist kein Fernseher oder Spiegel, in den andere hineinschauen können. Diese Tatsache sollte uns aber nicht wütend oder traurig machen, wir sollten nur verstehen, dass andere Menschen nicht verpflichtet sind, uns zu analysieren und erfolgreich zu unterscheiden, ob es uns gut geht oder nicht. Das Beste und Gesündeste, was wir tun können, ist, ehrlich zu sein und einfach zu sagen: „Ich hatte heute einen sehr schlechten Tag.“

Stattdessen werden wir oft wütend, wenn unsere Mitmenschen nicht erraten können, was wir gerade fühlen. Wir fühlen uns ignoriert, wenn andere nicht auf magische Weise unsere Gedanken lesen können und deswegen auch nicht wissen können, worüber wir uns gerade Sorgen machen.

Ein unglücklicher Mann betrachtet sich in einem Spiegel.

Die Illusion der Durchschaubarkeit: Schau, wie ich leide!

Rolf und Eva wollen heute Abend ihren Jahrestag feiern. Sie sind seit zwei Jahren zusammen und haben deswegen einen Tisch in einem netten Restaurant reserviert. Kurz bevor sie ihre gemeinsame Wohnung verlassen wollen, bemerkt Eva, dass Rolf schon seit Längerem im Badezimmer ist. Sie macht sich Sorgen, also klopft sie an die Tür und fragt, ob es ihm gut gehe. Ein paar Sekunden später kommt er heraus und sagt, dass er nicht zum Abendessen gehen möchte, er fühle sich nicht danach.

Eva ist besorgt und fragt ihn, was los sei. Zögerlich antwortet Rolf, dass er keine Lust habe, ihren Jahrestag zu feiern. Denn er habe den Eindruck, dass ihre Beziehung gerade nicht sehr gut laufe, weil Eva nie wisse, wie er sich fühle. Seine Antwort überrascht Eva und macht ihr Angst. Sie fragt ihn, was genau seiner Meinung nach falsch laufe. Woraufhin Rolf endlich mit der Wahrheit herausrückt: „Bei der Arbeit läuft es nicht gut. Ich könnte gefeuert werden. Ich habe mir zwei Tage lang Sorgen gemacht und du hast es nicht einmal bemerkt.“  Evas Antwort ist einfach: „Warum hast du mir nichts gesagt?“

Diese Szene spielt sich so oder so ähnlich sehr oft in vielen Beziehungen ab. Es handelt sich hier nicht nur um ein offensichtliches Kommunikationsproblem, sondern wir sehen am Beispiel von Rolf, was eine kognitive Verzerrung ist. Denn Rolf glaubt, dass andere Menschen seine Emotionen lesen können müssten, einfach, indem sie ihn anschauen, als hätten sie ein spezielles Radar für seine versteckten Gefühle.

Eine frustrierte Frau und ihr Partner in einem Zimmer

Hier haben wir Rolf, der seit einigen Tagen seine Sorgen in sich hineinfrisst und die ganze Zeit an seine eigene Durchschaubarkeit glaubt. Er hat sich so sehr auf seine Angst konzentriert, dass er es für selbstverständlich hielt, dass seine Freundin es bemerken würde. Und obwohl wir alle versuchen, ehrlich im Umgang mit anderen zu sein, kann es doch passieren, dass wir uns wie Rolf verhalten.

Nicht jeder sagt ehrlich, was er denkt oder fühlt. Schlimmer ist, dass manche Menschen angespannter und ängstlicher werden, wenn sie erkennen, dass andere ihr Leiden nicht bemerken. Sie erwarten von anderen, dass sie ihr Unglück erkennen.

Wenn wir etwas wollen, lernen wir, zu reden

Wir alle wissen, wie wichtig Empathie ist. Diese nonverbale Sprache, diese Verbindung, die wir mit den Menschen haben, die wir lieben. Empathie ermöglicht es uns, die Bedürfnisse und Probleme anderer ohne Worte zu verstehen. Unsere Empathie kann aus verschiedenen Gründen aber auch versagen.

Wir können Emotionen wahrnehmen, aber vielleicht nicht das zugrunde liegende Problem. Wir können jemanden fragen, was falsch läuft, aber die andere Person könnte mit „Nichts“  antworten. Wenn jemand an die Illusion der Durchschaubarkeit glaubt, zeigt diese Person oft auch emotionale Unreife und einen Mangel an effektiven Kommunikationsstrategien. Diese Probleme verhalten sich wie trojanische Pferde, die in Beziehungen hineingebracht werden. Es ist also sehr wichtig, dass wir lernen, unsere Emotionen und Reaktionen auf angemessene Art zu äußern bzw. zu verwalten.

Silhouette eines Paares

Was können wir gegen die Illusion der Durchschaubarkeit tun?

Wir sollten nicht vergessen, dass wir alle an diese Illusion der Durschaubarkeit glauben, dass wir alle dieser Illusion in mehr oder weniger regelmäßigen Zeitabständen erliegen. Gerade in unseren romantischen Beziehungen ist dies sehr oft der Fall. Viele von uns glauben, dass ihr Partner erraten könnte, was in ihnen gerade vorgeht und was sie brauchen.

Unser Wunsch nach einer intimen Beziehung ist stark. So stark, dass wir vergessen, dass uns die Liebe weder psychische noch übernatürliche Kräfte verleiht. Wir können nicht alles erahnen, was der andere denkt oder fühlt. Daher ist es wichtig, Folgendes zu beachten:

  • Wir sollten niemals glauben, dass jemand anders in der Lage wäre, zu verstehen, was wir durchmachen. Die Grundlage unsere Beziehung sollte deshalb Offenheit sein.
  • Wenn wir eine Qualitätsbeziehung wollen, sollten wir an unserem Durchsetzungsvermögen arbeiten. Wir sollten in der Lage sein, zu sagen, was wir fühlen, was uns stört oder verletzt.
  • Wir Menschen sind nicht so durchschaubar, wie wir meinen. Auch sind unsere Mitmenschen nicht in der Lage, unsere Gefühle so zu lesen, wie wir es glauben. Manchmal machen es Routine und Arbeit schwer, sich der Gefühle anderer bewusst zu werden. Das heißt jedoch nicht, dass wir weniger interessiert seien oder dass wir sie weniger lieben.
  • Wir sollten unsere Sorgen lieber heute aussprechen. Alles, was wir auf morgen verschieben, kann nur ein größeres Problem werden.

Wahrscheinlich war es leicht für dich, dich mit einigen Dingen, die in diesem Artikel erwähnt wurden, zu identifizieren. Also, warte nicht länger. Arbeite an den Aspekten, die hier angesprochen wurden. Wenn du das tust, wirst du in der Lage sein, deine kognitiven Verzerrungen zu minimieren und deine Beziehungen zu deinen Mitmenschen zu verbessern und zu genießen.