Die Geschichte einer Borderline-Persönlichkeitsstörung: Das Mädchen mit den Armbändern

· 11. Januar 2019

Wie fange ich an, wenn ich diese Geschichte erzählen möchte? Es ist meine Geschichte. Wie kann ich dir erklären, dass ich alles hatte, aber alles verlor – ohne zu wissen, wie das vor sich ging. Wie kann ich dich dazu bringen, dass du verstehst: An nichts von dem, was passierte, bin ich schuld. Es stand nur die Frage im Raum: Alles oder nichts. Ich hatte den Wunsch, geliebt zu werden. Und versuchte, der Einsamkeit zu entgehen, die ich Tag für Tag fühlte. Ja, ich hatte alles, aber dieser Umstand, der sich Borderline-Persönlichkeitsstörung nennt, führte dazu, dass ich nach und nach alles verlor – bis ich zum Mädchen mit den Armbändern wurde.

Vielleicht wirst du mich nicht verstehen. Genauso wie die meisten Leute. Es ist sehr schwer, sich in jemanden hineinzuversetzen, der sich nicht wie die meisten anderen verhält, nicht wie sie denkt oder fühlt. Aber ich verrate dir ein Geheimnis: Selbst wenn wir, die wir diese Störung haben, nicht genauso denken oder handeln wie du, heißt das nicht, dass wir keine Gefühle hätten.

Hier bitte ich dich einfach, mir zuzuhören und zu versuchen, in meine Haut zu schlüpfen. Ich möchte dir meine Geschichte erzählen, selbst wenn ich nicht weiß, wann sie anfing oder endete. Ich möchte, dass du weißt, wie es sich anfühlt, eine psychische Störung zu haben. Wenn niemand dich versteht. Dann fühlst du dich einsam und abgelehnt.

Das Einzige, was dich und mich trennt, ist eine Diagnose. Aber dieses Etikett nimmt mir meine Menschlichkeit. Weil dieses Etikett auf mir klebt, denke ich, dass du ein besserer Mensch wärst als ich.

Ein Mädchen trägt einige Armbänder ums Handgelenk.

Die Geschichte des Mädchens mit den Armbändern

Ich sagte bereits, dass ich nicht genau wisse, wann alles anfing. Vielleicht damals, als ich in eine andere Stadt zog, um zu studieren. Ich hatte zuvor noch nie allein an einem für mich neuen Ort gelebt – immer nur am gleichen Ort mit den gleichen Leuten. Ich machte mir Sorgen. Weil ich mir vorstellte, dass ich nicht dazu gehören könnte. Das kam von der schrecklichen Angst, allein zu sein.

Darum versuchte ich gleich von Anfang an, zu einer beliebten Studentin zu werden. Das hieß, ich musste schlank sein und immer perfekt auftreten. Zumindest dachte ich das. Ich fing an, das Essen wieder zu erbrechen, wenn ich dachte, dass ich zu viel gegessen hatte. Ganze Mahlzeiten ließ ich aus und versuchte, nicht vor anderen zu essen. Ich trank zu viel, bis mir die Kontrolle entglitt. Denn ich nahm an, dass mich die Menschen so eher akzeptieren würden. Wenn ich weniger schüchtern wäre.

Und dann traf ich ihn. Den Jungen mit dem perfekten Lächeln. Meinen Traumtypen. Der Zweck meiner Existenz bestand darin, von ihm geliebt zu werden. Mir war es egal, dass er eine andere hatte. Es machte mir nichts aus, dass er mich nicht mochte. Ich liebte ihn und hätte alles unternommen, damit er auf mich aufmerksam würde. Niemand würde ihn jemals so lieben wie ich – so dachte ich jedenfalls.

Ich fand heraus, wo er lebte. Dann fing ich an, ihm Liebesbriefe in den Briefkasten zu stecken. Ich stellte mir vor, wir wären die Hauptdarsteller in einer wundervollen Liebesgeschichte, von der ich annahm, dass sie wahr werden würde. Ich versuchte weiterhin, die ganze Welt davon zu überzeugen, dass seine Freundin die Gegenspielerin war. Und dass die beiden dringend miteinander Schluss machen müssten. Mein alleiniger Fokus galt ihm, und so wurde er zu meinem Lebensinhalt. Diese Welt, die ich mir mit ihm ausgemalt hatte, existierte jedoch nicht. Dadurch wuchs die Leere in mir.

Ein Mädchen sitzt auf einem Steg am Seerosenteich.

Die Armbänder, die die Male meiner Schande verbergen

Ich verlor die Kontrolle, auch die über meine eigenen Gefühle. Alles erschien mir entweder schwarz oder weiß. Ich liebte oder ich hasste mich, ich konzentrierte mich nur auf extreme Wirklichkeiten und sah nie die „goldene Mitte“. Ich verwandelte mich in einen Wirbelsturm der Gefühle. Aber mein Wirbelsturm hatte auch ein ruhiges Auge; es spiegelte die Leere in mir wider.

Die wachsende Leere in mir veränderte das Bild, das ich von der Wirklichkeit hatte. Es veränderte sich dermaßen, dass ich gar nichts mehr fühlte. Dann begann ich, mir die Arme aufzuritzen, um überhaupt irgendetwas zu fühlen. In diesem Augenblick wurde ich zum Mädchen mit den Armbändern. Denn diese Armbänder verbargen, was ich nicht zeigen wollte.

Aber Armbänder heilen nichts. Sie versteckten nur, was ich nicht herzeigen wollte.Sie verbargen den Teil von mir, über den ich keine Kontrolle hatte. Den Teil, der mich zur Zielscheibe des Spottes machte, weil alle dachten, dass ich verrückt wäre. Aber ich wollte einfach nur dazugehören und mich gut fühlen. Darum habe ich mich dazu entschlossen, um Hilfe zu bitten.

Ich weiß, dass es noch ein langer, weiter Weg sein wird, aber es gibt Hoffnung für mich. Das verdanke ich der Behandlung, der ich mich unterziehe. Dazu gehören mein klinischer Psychologe und die Medikamente, die mir mein Psychiater verschrieben hat. Ich fühle mich langsam wieder wie mein altes Selbst.

Ich war mutig und habe um Hilfe gebeten. Darum erzähle ich hier meine Geschichte. Wenn es dir genauso geht wie mir, oder wenn du jemanden wie mich kennst, dann lache diese Leute bitte nicht aus. Sie sind einfach Menschen, die sich verloren fühlen. Und vielleicht auch ihren Schmerz und ihre Scham unter ein paar Armbändern verstecken.