Außer Kontrolle! – Wenn wir das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren

· 29. Oktober 2018

Hast du schon einmal das Gefühl gehabt, dass alles außer Kontrolle geraten sei? Hast du dir auch schon einmal gewünscht, dass die Welt einen Moment lang stillstehen möge, weil du dich gerade so unglaublich erschöpft fühlst? Wir alle haben irgendwann einmal Situationen erlebt, in denen wir dachten, dass wir nicht mehr könnten. Unsere Routine und der Stress des Alltags sind allgegenwärtige Feinde unserer inneren Ruhe und Ausgeglichenheit.

Wenn du das Gefühl hast, dass dir deine gegenwärtige Situation über den Kopf wachsen würde, frustriert das und du verspürst das unangenehme Gefühl von Angst, das sich manchmal durch Wut und Verzweiflung ausdrückt. All das führt dazu, dass deine Gedanken deinen Verstand vernebeln, was es dir schwierig macht, klar zu denken, um mit dem fertig zu werden, das dir momentan widerfährt.

Angesichts dieses Szenarios ist es wichtig, dass du zuerst verstehst, was dir passiert, bevor du handelst. Vielleicht ist das Einzige, das du in diesem Moment brauchst, durchzuatmen und zu hinterfragen, wie es dir aktuell geht.

Nachfolgend möchten wir uns ansehen, welche Schritte wir befolgen sollten, wenn wir glauben, die Kontrolle zu verlieren.

Wie Angst funktioniert

Angst ist ein Gefühl, das uns unerwartet überkommt, sobald wir uns in einer Situation befinden, die unser Gehirn als potenzielle Gefahr für unser Wohlbefinden erachtet. Die Funktion dieses Gefühls besteht eigentlich nicht darin, uns einzuschüchtern, sondern uns darauf vorzubereiten, zu handeln, sei das in Form eines Angriffs oder einer Flucht. Das heißt, es möchte uns im Grunde genommen beschützen.

Der Mechanismus, der auf biologischer Ebene Angst auslöst, befindet sich im Hirnstamm, der überlebenswichtige Handlungen reguliert,  und im limbischen System, das unsere Emotionen und Erhaltungsfunktionen kontrolliert. Darüber hinaus befindet sich in letzterem die Amygdala, die Gehirnstruktur, die für die Auslösung von Gefühlen wie Angst und Furcht verantwortlich ist.

Frau stützt verzweifelt ihren Kopf auf ihren Arm

Außerdem ist Angst aus psychologischer Sicht ein emotionaler Zustand, der uns hilft, uns an die Umwelt anzupassen und uns zu schützen. Dieser Zustand stellt sich jedoch manchmal überproportional ein, in Bezug auf jene Situationen, in denen wir uns tatsächlich befinden. Das kann zur Folge haben, dass wir wie gelähmt oder benommen sind und nicht angemessen reagieren.

Darüber hinaus kann Angst auch als Wut, Traurigkeit und sogar als ungezügelte Freude getarnt erscheinen. Ganz egal, welche Maske sich unsere Angst aufsetzt, wichtig ist, dass wir, um in einer schwer kontrollierbaren Situation richtig reagieren zu können, zuerst akzeptieren müssen, dass wir Angst haben, um sie daraufhin bewältigen zu können.

Das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren

Sobald du Opfer deiner Angst wirst und das Gefühl hast, dass dir alles aus den Händen gleiten würde, alles außer Kontrolle geraten sei und du angesichts des Geschehenen nichts tun könnest, ist es vollkommen normal, dass du dich frustriert und machtlos fühlst. Ein kleiner aber wichtiger Faktor ist, dass du nach wie vor denken wirst, dass alles, was noch kommt, ein einziges Chaos sein müsse und du nie etwas dagegen tun könntest, wenn deine Angst die Oberhand gewinnt, was zu einer Verstärkung des Gefühls von Kontrollverlust führt.

Wenn du zulässt, dass dich das Gefühl beherrscht, die Kontrolle zu verlieren, blockierst du dich letztendlich selbst.

Wenn wir Angst und das Gefühl des Kontrollverlusts zusammennehmen, wünschen wir uns in dieser Situation nichts sehnlicher, als dass die Welt anhalten möge, damit wir ihr entkommen können. Die schlechte Nachricht ist, dass die Welt nicht stillstehen kann und dass sich die Umstände nicht auf unseren Wunsch hin ändern werden, genauso wenig wie Menschen. Was sollen wir also tun?

Es gibt auch eine gute Nachricht: Du kannst auf deinem Weg eine kurze Pause einlegen. Eine Pause, um nachzudenken, ist ein sehr wichtiger Stützpfeiler, der dir dabei helfen wird, eine Lösung für das Geschehene zu finden, weil du dadurch die Situation aus einer anderen Perspektive beobachten und auf die Suche nach einer anderen, wesentlich effizienteren Herangehensweise gehen kannst.

Dieser Vorschlag basiert auf den sogenannten Einfluss- oder Kontrollbereichen. Sie machen eine Praktik aus, die häufig von Humanpsychologen benutzt wird, die aber in besonderem Zusammenhang mit der theoretischen Entwicklung von Viktor Frankl, einem österreichischen Neurologen und Psychiater, steht.

Was sind Einfluss- bzw. Kontrollbereiche?

Kontrollbereiche sind eine Möglichkeit, unsere Umgebung topographisch zu sehen, den Einfluss, den wir auf sie und diese auf uns selbst haben. Dazu müssen drei Hauptbereiche entwickelt werden:

  • Aufmerksamkeitsbereich: In diesem Bereich haben wir die meiste Kontrolle. Er steht in Zusammenhang mit unserem Denken und Handeln.
  • Einflussbereich: In diesem Bereich haben wir eine gewisse Kontrolle, aber nicht die Kontrolle über alles. Dieser Bereich bezieht sich auf unsere zwischenmenschlichen, familiären und beruflichen Beziehungen und auf unsere Art und Weise, mit ihnen umzugehen.
  • Besorgnisbereich: Auf diesen Bereich haben wir keinerlei Einfluss, doch es kann gut sein, dass er uns beeinflusst. Das Klima, der Verkehr, die Gedanken anderer etc. können einen Einfluss auf uns haben.

Wenn du also das Gefühl hast, dass du die Kontrolle verloren hättest, und dir wünschst, dass die Welt sich für einen Moment aufhören möge, zu drehen, weil du ihr entkommen willst, weil du mit deiner aktuellen Situation nicht mehr umgehen kannst, dann halte einen Moment lang inne und denke an diese Einflussbereiche. Du solltest versuchen, sie zu differenzieren und abzugrenzen, um daraufhin einen realistischen Handlungsplan zu entwerfen.

All die Energie, die du investierst, um zu versuchen, jene Bereiche zu kontrollieren, auf die du aber keinen Einfluss hast, ist vergeudete Energie und führt mit Sicherheit dazu, dass du ängstlich und frustriert wirst.

Nachdenklicher Mann schaut aufs Meer

Welche Funktion haben Einflussbereiche?

Wenn du beginnst, die Einflussbereiche zu differenzieren oder zu konkretisieren und du dir Gedanken dazu machst, wie weit du mit deinem Handeln kommen kannst, wird dir vielleicht auffallen, dass die Situation zunehmend weniger chaotischer erscheint. Deine Blockade, die angesichts des Kontrollverlust das Ergebnis deiner Angst ist, wird darüber hinaus automatisch gelöst.

Das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, verschwindet langsam, wenn du analysierst, wie weit dein Handeln reicht, und du feststellst, dass du die meiste Kontrolle über dich selbst hast.

Am Wichtigsten ist, dass du dir darüber im Klaren bist, dass es gewisse Situationen gibt, auf die du einen bestimmten Einfluss hast, aber das Endergebnis dieser Situation unter Umständen nicht von dir abhängt. Deshalb solltest du einen Großteil deiner Energie darauf verwenden, wie du angesichts der Umstände handelst.

Dein unmittelbarer Einflussbereich – also der Einflussbereich, über den du selbst die größte Kontrolle hast – ist der Einfluss auf dich selbst. Indem du den größten Aufwand und die meiste Energie deinem Handeln widmest, befreist du dich von unnötigen Lasten. Wenn du der Meinung bist, richtig gehandelt zu haben, auch wenn die Umstände nicht wie gewünscht sind, werden sie dir weniger etwas ausmachen.

Bevor du dir also wünschst, dass die Welt stehen bleiben möge, solltest du lieber innehalten und deinen Fokus neu ausrichten. Am Ende des Tages ist es doch am wichtigsten, dass du mit deinem Handeln im Einklang bist. Wenn du der Meinung bist, dass du in der Tat dein Bestes gegeben hast, wird das positive Endergebnis sich von ganz allein einstellen.

Die dich umgebenden Umstände sind größtenteils nicht von deinem Wunsch abhängig, sie ändern zu wollen. In anderen Worten, du hast keine Kontrolle über sie. Worüber du allerdings die vollkommene Kontrolle hast, ist die Art und Weise, wie sehr sie Einfluss auf dich nehmen. Deine Gedanken und Gefühle werden zwar von deinem Umfeld beeinflusst, aber zu einem Großteil bestimmst du über sie. Darauf solltest du dich konzentrieren.

„Wenn es nicht in deinen Händen liegt, eine für dich schmerzliche Situation zu verändern, kannst du immer noch über deine Haltung bestimmen, mit der du dieses Leid angehst.“

Viktor Frankl