Wie erzeugst du soziale Erwartungen? Wie beeinflussen sie dich?

10. Juli 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Soziale Erwartungen - zwei Menschen reden miteinander

Du interagierst jeden Tag mit vielen Leuten. Einige sind dir vertraut, die anderen fremd. Du machst dir ein Bild von jeder Person, welches durch die Interaktionen geprägt ist, die du mit diesen Leuten hast. Dies führt dazu, dass du für jeden einzelnen dieser Menschen bestimmte soziale Erwartungen erzeugst.

Die Sozialpsychologie hat sich eingehend mit dem Studium von Erwartungen befasst. Dank diesen Studien wissen wir, dass die Erwartungen eng mit den Eindrücken zusammenhängen, die wir von den anderen haben. Lass uns daher zuerst über soziale Wahrnehmung reden.

Soziale Wahrnehmung

Weil Menschen bei ihrer Geburt hilflos sind und nicht eigenständig existieren können, benötigen sie komplexe soziale Beziehungen, auf denen sie ruhen können. Deshalb ist unser Gehirn darauf trainiert, unsere soziale Umgebung wahrzunehmen und zu bewerten. Ein wichtiger Teil unserer Beziehungskontrolle besteht darin, zu wissen, wie die Menschen sind, die uns umgeben. Genau hier kommt die soziale Wahrnehmung ins Spiel.

Ein einfaches und interessantes Modell, welches dieses Phänomen erklärt, ist das Modell der sozialen Wahrnehmung von Fiske. Gemäß diesem Modell ordnen wir alle Menschen in eine Kategorie ein, auch wenn wir sie kaum kennen. Und wir belassen sie in dieser Kategorie, wenn wir nicht gezwungen werden, die Beziehung zu reflektieren oder uns etwas dazu zwingt, die Kategorie zu wechseln.

Wenn uns der Mensch interessiert, werden wir versuchen, Beweise für die Richtigkeit unserer Zuordnung zu finden. Wenn wir sehen, dass wir uns geirrt haben, werden wir die Kategorie so lange ändern, bis sie mit unserer Wahrnehmung dieses Menschen übereinstimmt.

Zwei Männer schauen sich an. Über ihren Köpfen sind Gedankenströme dargestellt.

Dies ist ein sehr wichtiger Prozess, ohne den unsere sozialen Beziehungen tatsächlich noch komplizierter wären. Wir müssen uns aber vor Augen halten, dass dieser Prozess zwar schnell und nützlich ist, aber nicht präzise. Menschen haben sehr komplexe Persönlichkeiten und ihr Verhalten hängt stark vom Kontext ab. Deshalb können sie nicht so leicht in Kategorien eingeordnet werden. Trotzdem ist diese „mentale Abkürzung“ hilfreich, um zu entscheiden, wie wir uns den Menschen um uns herum gegenüber verhalten wollen.

Wenn wir einmal so weit sind, die Menschen um uns herum in Kategorien einzuordnen, fangen wir an, soziale Erwartungen an sie zu formulieren. Was genau sind aber soziale Erwartungen?

Soziale Erwartungen

Soziale Erwartungen sind Vorstellungen darüber, wie sich eine bestimmte Person in unserem sozialen Umfeld in Zukunft oder in einer bestimmten Situation verhalten wird. Diese Vorstellungen hängen eng mit den Eindrücken zusammen, die wir von jemandem gewonnen haben. Unsere Erwartungen helfen uns, Verhalten vorherzusagen und auf dieser Basis zu entscheiden, wie wir uns vorbereiten sollen.

Dieses Bilden von Erwartungen erfüllt eine Anpassungsfunktion. Es ist leicht zu erraten, worum es geht: In künstlichen Umgebungen, welche auf komplexen gesellschaftlichen Netzwerken beruhen, hilft uns das Antizipieren des Verhaltens der anderen, unser eigenes Verhalten anzupassen. Davon profitieren wir in sozialen Interaktionen enorm. Obwohl diese Erwartungen niemals exakt sind, ist es immer noch besser, eine Vorhersage zu machen und manchmal falsch zu liegen, als darauf zu verzichten und niemals vorausplanen zu können.

Es ist wichtig zu wissen, dass unsere sozialen Erwartungen unser eigenes Verhalten stark beeinflussen. Wir behandeln nicht alle Menschen gleich, und wir behandeln die Menschen nicht in allen Situationen gleich. Wir können dies in vielen Alltagssituationen leicht erkennen. Darüber hinaus versuchen wir die anderen dazu zu bringen, unsere Erwartungen zu erfüllen, entweder indem wir sie indirekt dazu zwingen oder indem wir beginnen, sie anders wahrzunehmen und zu behandeln. Dieser Prozess funktioniert in beide Richtungen: Wir selbst versuchen ebenfalls, unser Verhalten den Erwartungen der anderen anzupassen.

Eine kleine Reflexion

Das Leben ist voll von sozialen Erwartungen, sowohl von unseren Erwartungen an andere als auch von Erwartungen anderer an uns. Um unsere Beziehungen angenehm zu gestalten, neigen wir dazu, diese Erwartungen zu erfüllen. Die Erwartungen anderer zu unterlaufen, kann Gefühle von Unsicherheit und Angst erzeugen. Wir müssen aber daran denken, dass Erwartungen und das Erfüllen von Erwartungen keine gegebenen Standards sind. Deshalb werden wir in vielen Fällen erleben, dass unsere Erwartungen nicht erfüllt werden und wir die Erwartungen anderer nicht erfüllen können oder wollen.

Wenn das geschieht, so kann dies zu drei verschiedenen Situationen führen: Erstens könnte die Person, welche die Erwartung hatte, ihr Verhalten ändern, um sie doch noch erfüllt zu sehen. Zweitens könnte die Person, welche die Erwartung stellte, ihre Wahrnehmung verändern, um sie in Übereinstimmung mit den Erwartungen zu bringen. Drittens schließlich könnte es zu einem offensichtlichen Bruch zwischen Erwartung und Verhalten kommen, was als ein Fehler betrachtet wird.

Zwei Frauen reden miteinander

Die ersten zwei Szenarien versuchen soziale Konflikte zu vermeiden und die Beziehung aufrechtzuerhalten. Tatsache ist aber, dass sie langfristig zu großen Problemen führen können. Der Grund dafür ist beim ersten Szenario, dass eine Person ihr Verhalten ändert, um einer anderen Person zu gefallen. Dies führt dazu, dass sie ein falsches Bild von sich vermittelt. Im zweiten Fall ist die Person, welche die Erwartung stellt, unaufrichtig. Unbewusst betrügt sie sich selber darüber, was sie in der anderen Person sieht.

Jenseits der Angst entsteht eine engere Beziehung

Die dritte Option erzeugt am meisten Angst, weil sie mitwenig Kontrolle darüber verbunden ist, was geschieht. Trotzdem: Wenn es gelingt, diese Angst zu akzeptieren oder zu überwinden, wird das Resultat eine bessere, stabilere Beziehung sein. Es ist möglich, dass in temporären Beziehungen (zum Beispiel zu einem Nachbarn) die ersten zwei Optionen besser passen, weil man keine langfristige oder enge Verbindung anstrebt. Aber es wäre sehr schädlich, diese Optionen auf Beziehungen zu engen Freunden oder der Familie anzuwenden. Hier sollte man wirklich versuchen, die Beziehung auf Wahrhaftigkeit zu gründen und nicht auf übermäßiges Anpassen an Erwartungen.

Was denkst du, wie du mit Erwartungen umgehst? Und wie würdest du dich gern verhalten, wenn du keine Rücksicht auf Erwartungen nehmen müsstest?

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