Erlernte Hilflosigkeit ist ein tiefer Abgrund ohne jegliche Hoffnung

3. Mai 2018 en Psychologie 1 Geteilt
Erlernte Hilflosigkeit - Eine Frau spreizt ihre Finger hinter einer Jalousie, um dadurch ein Sichtfenster zu bekommen.

Erlernte Hilflosigkeit ist eines der dunkelsten Löcher, in das wir jemals hineinfallen können. Sie ist der perfekte Nährboden für Angststörungen und Depressionen. Und eigentlich ist sie sowohl die Folge als auch die Ursache von fehlendem Durchsetzungsvermögen nach dem Motto: Warum sollen wir jetzt durch unsere Meinungsäußerung einen Streit vom Zaun brechen, wenn dies überhaupt nichts nützt?  Erlernte Hilflosigkeit macht uns zu leeren Hüllen mit einer leblosen Seele.

Dieser Zustand könnte folgendermaßen zusammengefasst werden: Ganz egal, was ich tue – es wird sowieso das Falsche sein.  Oder so: Ganz gleich, was ich unternehme – es wird nichts dabei herauskommen. Das Ergebnis wird stets das gleiche sein.

Und genau das ist das Ergebnis erlernter Hilflosigkeit. Wir haben eine Handlung ausgeführt und sind dabei verschiedene Wege gegangen. Wir stellten aber fest, dass das Ergebnis immer gleichermaßen unbefriedigend war. So brachten wir uns also die Hilflosigkeit bei. Daher fehlt uns nun die Motivation, um auf unsere gegenwärtige Situation zu reagieren.

Vielleicht warst du auch schon einmal in dieser Situation, am Arbeitsplatz oder in einer Beziehung. Auf jedem Fall hast du dich dabei in einem Umfeld befunden, in dem mindestens eine weitere Person anwesend war. Sie fungierte nämlich als Richter darüber, ob dein Handeln richtig oder falsch war. Dieser Richter ist notwendig, weil erlernte Hilflosigkeit nicht auf einer rationalen Ebene entsteht.

Du gehst unterschiedliche Wege, triffst unterschiedliche Entscheidungen. Aber was du auch tust, es ist fast immer das Falsche sein. Und wenn es das ausnahmsweise einmal nicht ist, hast du keine Ahnung, warum das so ist. Oder wie eine tatsächliche Lösung aussehen könnte. Darum kannst du dein Verhalten nicht verbessern – so sehr du dich auch bemühst.

Erlernte Hilflosigkeit ist dafür verantwortlich, dass wir die Kontrolle aufgeben

Wir hören zu solchen Gelegenheiten diese Stimme, die uns ins Ohr flüstert: „Ich beurteile, was du tust. Ich stelle hier die Regeln auf.“  Es ist die Stimme des Richters. Menschen, die bei anderen eine erlernte Hilflosigkeit auslösen, sind so gestrickt, dass sie auf diese Einfluss ausüben und ein Werturteil abgeben, ohne es zu begründen.

Eine Frau hält einen Vogelkäfig in den Händen, in dem sich eine kleinere Version ihrer selbst befindet.

Welche Lektion lernt also eine Person, der diese Art von Behandlung widerfährt? Dass es sich nicht lohne, sich anzustrengen, weil das Resultat ja wahllos ausfalle. Sie verspürt das Gefühl, dass, egal sie tue, sie keine Kontrolle über das Ergebnis habe. Dieser Mangel an Kontrolle über das, was ihr zustößt, ist quälend. Wir fühlen uns in derartigen Situationen stark eingeschränkt, weil wir augenscheinlich nichts verändern können.

So gestaltet sich oft der Anfang von emotionalem Missbrauch: „Ich entscheide, wie du dich fühlen wirst. Du triffst keine Entscheidungen. Ich habe die Kontrolle, nicht du.“

Die Lösung ist, die Situation zu verlassen – erlernte Hilflosigkeit erschwert dies aber

Der Psychologe Martin Seligman entdeckte dieses Phänomen in den 1970er Jahren. In einem Experiment, das heute aufgrund seiner ethischen Tragweite nicht mehr möglich wäre, fand Seligman heraus: Wenn Hunden Elektroschocks beigebracht werden, ganz gleich, ob sie Flucht- und Vermeidungsverhalten zeigen, nehmen sie schließlich eine passive Haltung dem Aggressor gegenüber ein. Sie finden sich mit ihm ab und leiden im Stillen.

Diese Phänomen wurde schnell mit den Gründen und Einstellungen vieler Leute in Beziehung gesetzt, die in das gähnende Loch der Depression gefallen waren. Die Angst, die Depression und der absolute Mangel an Motivation kontrollieren langfristig gesehen die Einstellung einer Person und auch ihr Verhalten. Sie verfällt in die Passivität. Wenn dann eine Gelegenheit aufkommt, die Situation zu verändern, nimmt sie diese nicht wahr, lässt sie verstreichen. Ihr ist der Glaube und die Hoffnung abhanden gekommen. Sie hat nämlich das Gefühl, dass das Ergebnis nicht das gewünschte sein wird, was auch immer sie tut und welche Richtung sie auch einschlägt.

Dieses psychologische Phänomen ist sehr mächtig, weil es unsere Handlungsfähigkeit reduziert. Wir werden unserer Kreativität beraubt, unserer Fähigkeit, Alternativen zu erkennen und Probleme zu lösen. Wir werden blind für vorhandene Lösungsmöglichkeiten. Es ist extrem schwer, diesem zerstörerischen Ort zu entkommen.

Die Hilflosigkeit bemächtigt sich unserer Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen

Viele Menschen fühlen sich nicht dazu in der Lage, eine Situation zu verlassen, die ihnen schadet. Sie sind von dieser erlernten Hilflosigkeit vollkommen konditioniert. Sie bemächtigt sich ihrer Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen.

Um dieser zunehmenden Abwärtsspirale Einhalt zu gebieten, musst du dem Problem auf den Grund gehen. Du darfst hier nicht an der Oberfläche bleiben. Es ist nicht zielführend, jemandem, der in einem selbst gezimmerten Gefängnis sitzt, zu sagen: „Wie kann es sein, dass du deine Umwelt nicht wahrnimmst?

Eine Gefängnisinsassin biegt die Stäbe des Gitters auf.

Dieser Jemand will sich ja nicht so fühlen. Er hat nicht danach gesucht. Es gilt, ein Verständnis dafür zu erlangen, wie er in diesem Gefängnis der Marke Eigenbau gelandet ist. Wie kam es überhaupt dazu, dass er die Kontrolle über das, was ihm passierte, aufgegeben hat? Diese Kontrolle ist ihm bereits vor einiger Zeit verloren gegangen. Die Person, die ihn misshandelt hat, hat sie ihm weggenommen. Die Lösung wäre in diesem Fall: Ermächtige ihn. Gib ihm die Kontrolle über sein Leben zurück. 

Dennoch ist das eigene Leben der persönliche Besitz. Und den heißt es, sich zurückzuholen. Indem man versteht, was einem widerfahren ist. Und indem man akzeptieren lernt, dass dies der erste Schritt zurück zu sich selbst ist.

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