Die den Konflikt suchen – Personen im steten Kampf mit sich selbst

· 3. März 2019

Sein Umfeld mit Menschen zu teilen, die den Konflikt suchen, ist, wie in einem Minenfeld zu leben. Mit ihrem dauerhaften Missmut vergiften sie das Ambiente, sie säen diese Angst, die mit dem Wissen einhergeht, dass ein unbedachter Kommentar, eine Geste oder ein Wort genügen, die Bombe platzen zu lassen. Damit übertragen sie jene Spannung auf uns, die sich aus ihren inneren Kämpfen ergibt.

Wir alle standen schon vor der Herausforderung, mit einer konfliktiven Person umgehen oder verhandeln zu müssen. Dabei sprechen wir nicht vom typischen Störenfried, wie wir ihn in beinahe jedem Klassenzimmer finden können. In der Adoleszenz sind Probleme bei der Definition der eigenen Identität zu erwarten, aber hier geht es um Menschen, die diesen Prozess mehr oder weniger abgeschlossen haben sollten. Wir beziehen uns auf ein ganz konkretes Profil, das sich durch Verhaltensweisen kennzeichnet, die darauf abzielen, zu destabilisieren, das Gleichgewicht in Familie, am Arbeitsplatz oder anderswo zu stören. Es sind diese Personen, die wir lieber nicht als Nachbarn und noch weniger als Mitbewohner haben wollen, denn sie rufen uns immer wieder aufs Schlachtfeld – obwohl es nicht unser Kampf ist, der dort ausgetragen wird.

Dieses Verhalten gleicht dem eines Süchtigen, einer nahezu zwanghaften Suche nach der Auseinandersetzung. Ihre Handlungen sind keine Anekdoten, sondern das solide Fundament eines Verhaltensmusters, vor dem so einflussreiche Autoren wie Bill Eddy, Gründer und Vermittler im Institut zur Konfliktlösung, eindringlich warnen. In unserer modernen Gesellschaft gibt es kaum einen Bereich, in dem wir nicht auf Personen stoßen, die im steten Kampf mit sich selbst den Konflikt suchen. Deshalb sollten wir uns ihrer Präsenz bewusst werden, verstehen lernen, was hinter ihrem Verhalten steckt, und Strategien entwickeln, um mit ihnen umzugehen.

„Manch einer sät Glück, wo er wandelt, andere, wenn sie gehen.“

Oscar Wilde

Unmut projizieren

Die den Konflikt suchen – Anatomie des Zorns

Nun, wir könnten sagen, dass die beste Strategie, Probleme mit diesen Personen zu vermeiden, darin bestehe, ihnen aus dem Weg zu gehen. Allerdings müssen wir uns des Öfteren Situationen stellen, aus denen wir eben nicht durch die Hintertür entkommen können. Manchmal haben wir nicht die Chance, uns auszusuchen, mit wem wir leben, arbeiten oder sonst irgendwie interagieren wollen. Dann können wir keine Distanz schaffen, einfach die Kontaktdaten löschen. Wir sind soziale Wesen und als solche verpflichtet dazu, mit anderen auszukommen. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, dass wir selbst eine konfliktive Persönlichkeit haben. Vielleicht provozieren auch wir Auseinandersetzungen, wenn wir nicht wissen, wie wir sonst mit den Umständen fertig werden sollen.

Wir wollen noch einen weiteren Aspekt erwähnen, mit dem vor allem Sozialarbeiter und Anwälte, aber auch Psychologen und Psychiater vertraut sind, die mit Klienten zu tun haben, die den Konflikt suchen. Ob wir es glauben wollen oder nicht, diese Sucht nach dem Konflikt veranlasst nicht selten zu Anklagen und Forderungen, zu gerichtlichen Auseinandersetzungen bezüglich der Verhältnisse am Arbeitsplatz oder im persönlichen Umfeld. Auch eine Tendenz zur Gewalt lässt sich bei konfliktiven Personen erkennen. Wenn wir das Ganze nüchtern betrachten, ist es nicht überraschend: Wer den Konflikt sucht, versucht, seinen Zorn auf sein Umfeld zu projizieren und sich so von ihm zu befreien.

Der oben genannte Bill Eddy schätzt, dass bis zu 15 % der Bevölkerung Merkmale psychischer Störungen aufweisen wie sie im Diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen  erfasst sind, wobei ein nicht unerheblicher Teil der Betroffenen, nämlich etwa jeder Zehnte, in erhöhtem Maße zum Konflikt neigt. Schauen wir uns nun an, welche Eigenschaften und Verhaltensweisen diese Persönlichkeit ausmachen.

Woran erkennen wir Personen, die den Konflikt suchen?

Wenn wir einer Person gegenüberstehen, die den Konflikt sucht, dann sollten wir uns ins Gedächtnis rufen, dass dieses Problem, diese Auseinandersetzung, die sich da gerade entwickelt, nicht real ist. Die Reaktion unseres Gegenübers entspricht vielmehr einer Projektion eines inneren Kampfes, der mit den wirklichen Gegebenheiten gar nichts zu tun haben muss. Das wahre Problem ist also nicht zwischen uns, sondern in seinem Inneren. In diesem Inneren besteht kein Gleichgewicht, der Betroffene ist nicht in der Lage, seine Emotionen angemessen zu regulieren, und ihm fehlt es an Resilienz.

Das sind seine Eigenschaften:

  • In seinen Denkmustern gibt es nur alles oder nichts und in seinem Geist dominieren die negativen Gedanken. Er nimmt sich nicht die Zeit, eine Situation zu analysieren, und ihm fehlt es an der nötigen Flexibilität, sie aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Wenn irgendwer oder irgendetwas nicht seinen Erwartungen entspricht oder ihm schlicht missfällt, erfolgt eine recht einfache Reaktionsbildung, die sich auf Kritik und Aggression limitiert.
  • Wenig effektive emotionale Kontrolle. Konfliktive Personen mögen durchaus eine gewisse Kontrolle über ihre Emotionen haben, aber sie üben diese Kontrolle nur zu einem einzigen Zweck aus, nämlich um andere in ihren Empfindungen zu manipulieren. Die meisten jedoch beschränken sich darauf, ihre Wut und ihren Zorn über ihre Mitmenschen zu ergießen, bis sie eine wirklich erschöpfende Atmosphäre schaffen.
  • Destabilisierung von Menschen, Beziehungen und Umfeld. Die, die ständig den Konflikt suchen, sind Experten darin, zu kritisieren, Gerüchte zu verbreiten, andere zu erniedrigen und sich selbst auf einen Posten der scheinbaren Dominanz zu setzen.
  • Nullresistenz gegenüber Frustration und anhaltende Suche nach Sündenböcken. Diese Menschen tolerieren es schlicht nicht, wenn es in ihrem Leben nicht läuft, wie sie sich das vorstellen. Es überfordert sie, Probleme effektiv zu lösen, weshalb auf Frust nur noch mehr Frust folgt. Das macht sie wütend und sie sehen keinen anderen Ausweg, als jemand anderem die Schuld für ihr Dilemma in die Schuhe zu schieben.
  • Der konfliktive Mensch ist nicht in der Lage, die vorgenannten Denk- und Verhaltensweisen zu reflektieren. Weiterhin fehlt es ihm an Empathie, um erkennen zu können, was er damit in anderen anrichtet. Da er in sich und ihrem Handeln keine Fehler entdecken kann, weigert er sich, die Verantwortung für etwaige Konsequenzen zu übernehmen. Es wird auch keine Lösung für das zugrunde liegende Problem gesucht, da dieses ja gar nicht als solches identifiziert wird.

„Wer keinen Frieden mit sich selbst findet, wird schließlich der ganzen Welt den Krieg erklären.“

Mahatma Ghandi

Paar im Streit

Wie sollen wir mit diesen Menschen umgehen?

Unter den Menschen, die den Konflikt suchen, gibt es solche, mit denen wir trotz aller Bemühungen nicht auf einen grünen Zweig kommen werden, und andere, mit denen wir schließlich doch einen gemeinsamen Nenner finden. Wie dem auch sei, der Austausch mit ihnen gestaltet sich in aller Regel komplex und kann erschöpfend für uns sein. Um zu vermeiden, dass wir hier unsere gesamte Energie verschwenden, müssen wir adäquate Maßnahmen ergreifen. Eine erste besteht darin, folgende Tatsache nicht außer acht zu lassen: Wir mögen uns verletzt fühlen, wenn uns Kritik und Aggressionen um die Ohren fliegen, aber die Reaktion unseres Gegenübers ist nicht persönlich zu nehmen. Tatsächlich steht es im Konflikt mit seinem Inneren.

Deshalb ist es das Beste, keine übermäßigen Ressourcen einzusetzen, um diesen Menschen zur Räson zu bringen, ihn durch logische Argumente zu überzeugen. Es macht wenig Sinn, unseren Standpunkt zu erklären und Gegenargumente zu entkräften, wenn unser Gegenüber gar kein Interesse an ihnen hat. Konzentrieren wir uns besser darauf, nicht in diesen Sturm der Emotionen zu geraten, der in seinem Inneren wütet. Wenn wir ihn zu erkennen wissen, können wir uns besser in Sicherheit bringen und die Auswirkungen auf unsere eigene Gefühlswelt vermindern.

Bislang ist die Suche nach dem Konflikt nicht als eigenständige Störung im Diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen  aufgeführt, aber das bedeutet nicht, dass sie nicht therapiert werden könnte. Aus klinischer Sicht ist durchaus relevant, dass Psychotherapeuten und andere Experten in der Lage sind, Betroffenen zu helfen, ihre Denk- und Verhaltensmuster umzugestalten. Eine Verbesserung kann erreicht werden, indem an der emotionale Regulation, der Identifizierung von und dem Umgang mit Zorn gearbeitet wird, indem die Verbindung zu anderen Menschen und die Fähigkeit zur Empathie gestärkt wird. Dies sind die Voraussetzungen für ein respektvolleres und gleichzeitig selbstsichereres Verhalten.

Emotionale Last

Abschließend möchten wir betonen, dass sich niemand um seine konfliktive Persönlichkeit beworben hat. Hinter ihr steht meist ein tiefer Abgrund voller emotionaler Lasten und nicht verheilter Wunden. Zwar sollen wir diese nicht auf uns nehmen, Betroffenen aber doch mit einem gewissen Verständnis begegnen, dass sie Hilfe brauchen. Damit können wir selbst zur Konfliktvermeidung beitragen.