Die Demenz hat viele Gesichter

· 2. Mai 2017

Die Demenz hat viele Gesichter und kennt viele Wege, uns zu lehren, wie furchtbar das Vergessen ist. Morbus Alzheimer ist wohl die bekannteste Form von Demenz. Hierbei handelt es sich zwar um die häufigste, jedoch nicht um die einzige Variante der Demenz.

Im Gegensatz zur allgemeinen Annahme sind nicht alle Formen der Demenz irreversibel. In einigen Fällen – wenn man die Ursache der Demenz ermitteln und beseitigen kann – gibt es Möglichkeiten der Therapie und sogar Heilungschancen. Hierzu gehören beispielsweise entsprechende Erkrankungen aufgrund eines Vitamin B12-Mangels, einer vaskulären Kondition, einer Schilddrüsenüberfunktion oder eines Hydrozephalus.

Aktuell werden alle Formen der Demenz im US-amerikanischen Diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen  (DSM-5) in der Kategorie „Neurokognitive Störungen“ aufgeführt.  Hierzu zählen auch das Delirium, verschiedene Formen der Amnesie und andere neurokognitiven Störungen. Es handelt sich bei diesen Störungen um solche, bei denen der Verlust oder die Beeinträchtigung der Wahrnehmung oder Affektiertheit nicht schon seit der Geburt oder der frühen Kindheit fehlt. Man kann deshalb eine Verschlechterung feststellen, wenn der aktuelle Leistungsstand mit einem früheren verglichen wird.

Demenz vom Alzheimer-Typ

Hier handelt es sich um eine degenerative Hirnerkrankung, deren Ursachen nicht vollständig geklärt sind. Die Krankheit entwickelt sich schleichend und führt zu einer langsam aber kontinuierlich fortschreitenden kognitiven Beeinträchtigung. Im Moment gibt es für diese Krankheit kein Heilmittel. Man unterscheidet drei Phasen:

Die anfängliche Phase (durchschnittliche Dauer 2-4 Jahre):

Häufig ist das erste deutlich wahrnehmbare Symptom eine Verschlechterung des Kurzzeitgedächtnisses. Damit ist der Teil des Gedächtnisses gemeint, der mit dem gegenwärtigen Geschehen zu tun hat. Man kann es so ausdrücken, dass die betroffenen Personen Schwierigkeiten haben, sich an tägliche Aufgaben und an eben Gelerntes zu erinnern.

Was die Sprache angeht, scheint der Patient sein Vokabular zu verlieren. Für Wortfindungsstörungen versucht er, durch Umschreibungen und Paraphrasieren eine Lösung zu finden. Paraphrasieren bedeutet, dass man ein Wort durch ein anderes mit ähnlicher Bedeutung ersetzt.

Es können auch Veränderungen der Persönlichkeit auftreten, z.B. Apathie, Reizbarkeit, Aggression, Rigidität, etc. Mit Apathie ist allgemeine Trägheit oder Desinteresse gemeint. Unter Rigidität versteht man das Unvermögen einer Person, auf flexible Art zu denken. Das heißt, der betroffene Mensch hält an einer bestimmten Vorstellung fest. Ganz gleich, wie viel man mit ihm darüber diskutiert, seine Perspektive ändert sich nicht.

Auch affektive Veränderungen wie Angststörungen oder Depressionen können auftreten. Denn manchmal sind sich die betroffenen Menschen ihrer Situation durchaus bewusst – besonders deswegen, weil sie ihre eigenen Gedächtnisschwierigkeiten bemerken. In diesem Fall müssen sie selbst und ihre Familienmitglieder sich mit den neuen Entwicklungen arrangieren. Dies stellt eine Herausforderung dar, die mit Stress und großem Leid einhergeht.

Die zweite Phase (ungefähre Dauer 3-5 Jahre):

Der geistige Abbau schreitet fort. Es tritt das Aphasie-Apraxie-Agnosie-Syndrom auf. Dies geht mit gehäufter Vergesslichkeit und der Schwierigkeit, einfache Tätigkeiten wie Anziehen oder Abspülen durchzuführen, einher. Auch Familienmitglieder und Gegenstände werden immer weniger erkannt. Dieses Syndrom macht eine Beaufsichtigung unerlässlich.

Darüber hinaus stellt sich eine retrograde Amnesie ein. Das bedeutet, dass der Patient sich nicht mehr an Ereignisse der Vergangenheit erinnern kann. Die Betroffenen versuchen, dies durch lockere Plauderei zu kaschieren. Dazu gehört auch, dass sie Geschehnisse erfinden, die nicht stattgefunden haben. So schließen sie ihre Gedächtnislücken. Allerdings haben sie dabei nicht die Absicht, zu lügen.

Ihr abstraktes Denkvermögen lässt nach, was dazu führt, dass sie Probleme weniger gut lösen und Aufgaben schlechter planen können.

Ihr Urteilsvermögen verschlechtert sich. Sie werden impulsiver und unterscheiden nicht mehr zwischen richtig und falsch. Sie wissen auch nicht mehr, welches Verhalten in den eigenen vier Wänden oder in der Öffentlichkeit angebracht ist.

Weitere Beschwerden nehmen an Intensität zu und neue psychotische Symptome, zum Beispiel Halluzinationen, treten auf. Betroffene behaupten, dass sie Zeit mit ihrer Mutter verbracht haben, die schon vor vielen Jahren verstorben ist. Oder sie haben Wahnvorstellungen und beharren darauf, dass sie bestohlen wurden. In Wahrheit haben sie die Dinge nur verloren oder verlegt.

In dieser Phase verlieren die Betroffenen auch die zeitliche und räumliche Orientierung. Diese Entwicklung bestärkt die Notwendigkeit einer Aufsicht im Alltag.

Die dritte Phase (von unterschiedlicher Dauer):

Während dieser Phase erkennen sich die Betroffenen nicht mehr im Spiegel und denken, sie seien jünger als die Person im Spiegelbild. Auch die nächsten Angehörigen werden nicht mehr erkannt. Die Patienten sprechen immer langsamer, bis sie allmählich verstummen.

Ihr Gang verändert sich stark. Sehr auffällig sind kleine Tippelschritte und am Boden schleifende oder nachgezogene Füße. Dadurch erhöht sich das Risiko, dass sie stolpern und fallen. Das Ergebnis ist eine Gang-Apraxie – die Unfähigkeit zu gehen, weil man vergessen hat, wie es funktioniert. In dieser Phase braucht der Patient Unterstützung bei der Verrichtung praktisch aller Tätigkeiten. In der finalen Phase der Erkrankung ist der Betroffene oft bettlägerig.

Lewy-Körperchen-Demenz

Die Lewy-Körperchen-Demenz ist eine der am schwierigsten zu erkennenden Arten der Demenz. Sie gehört zu den Formen, die erst in jüngster Zeit beschrieben wurden. Das rührt daher, dass sie mit Morbus Alzheimer und Morbus Parkinson einige Symptome gemeinsam hat. Deshalb wird sie gern mit einem der beiden verwechselt. Heute nimmt man an, dass die Lewy-Körperchen-Demenz die zweithäufigste Form der Demenz ist.

Die Leitsymptome sind folgende:

  • Das Aphasie-Apraxie-Agnosie-Syndrom: Es ist charakteristisch für eine Demenz vom Alzheimer-Typ. Dazu gehört gehäufte Vergesslichkeit, Schwierigkeiten bei der Ausführung einfacher Aufgaben und dem Erkennen von Familienmitgliedern oder Gegenständen. In diesem Fall sind ausgeprägte Schwankungen hinsichtlich Aufmerksamkeit und geistiger Wachheit charakteristisch.
  • Komplexe, wiederkehrende visuelle und akustische Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Beschwerden im Zusammenhang mit Schlafstörungen in der REM-Phase sind sehr weit verbreitet (dies kann eine sehr frühe Manifestation sein), zusätzlich zu anderen, ganz unterschiedlichen Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Depressionen.
  • Parkinson’sche Symptome wie bei Morbus Parkinson, einschließlich des Zitterns und der Steifheit der Extremitäten, kommen langfristig hinzu.

Eine wesentliche neurokognitive Beeinträchtigung wird mindestens ein Jahr vor den motorischen Symptomen festgestellt. Man sollte diese übrigens von extrapyramidalen Symptomen, die durch Neuroleptika induziert werden können, unterscheiden. Dies sind motorische Symptome, die sich aufgrund einer Medikation einstellen, mit der man Halluzinationen und Wahnvorstellungen behandelt. Bestimmte Personen sind für derartige unerwünschte Arzneimittelwirkungen sehr anfällig.

Oft erleiden die Betroffenen wiederholt Stürze, die auf einen temporären Bewusstseinsverlust zurückzuführen sind. Die Bewusstseinstrübung ereignet sich im Rahmen einer zeitweiligen Bradykardie und Bradypnoe auf. Diese führen zu einer unzureichenden Blutversorgung des Gehirns und Ohnmacht.

Vaskuläre Demenz

Eine vaskuläre Demenz wird von einer Reihe leichter Schlaganfälle über eine längere Zeitspanne hinweg verursacht. Diese Schlaganfälle bedeuten eine Unterbrechung der Blutzufuhr zu bestimmten Hirnarealen. Dies führt zu einem Untergang von Nervenzellen in der betroffenen Region.

Deshalb ist für die vaskuläre Demenz eine schrittweise Verschlechterung charakteristisch, deren Entwicklung schwierig vorauszusagen sind, da sie von der betroffenen Hirnregion und erneuter Ischämie abhängig sind. Man kann aber sagen, dass im frühen Stadium häufig Vergesslichkeit und Orientierungsprobleme auftreten. Es können auch Veränderungen der Persönlichkeit oder Schwierigkeiten beim Sprechen vorkommen.

Parkinson-Demenz

Diese Form von Demenz, die Parkinson-Demenz, muss klar vom Morbus Parkinson unterschieden werden. Der Morbus Parkinson hat folgende Charakteristika: Zittern der Hände, Arme, Beine, des Kiefers und des Gesichts, Steifheit der Arme, Beine und des Torsos, schwergängige Bewegungen, instabile Körperhaltung und Koordinationsprobleme.

Bei der Parkinson-Demenz kommt es zwar auch zum typischen Tremor, dem Zittern des Morbus Parkinson, aber gleichzeitig zu einer kognitiven Beeinträchtigung durch Störungen übergeordneter Zentren und sehr auffälligen emotionalen Zügen. Bei diesen Patienten ist typischerweise ein schwer depressives Stadium festzustellen.

Der Unterschied zu den anderen Formen der Demenz ist, dass das Aphasie-Apraxie-Agnosie-Symptom (wie etwa bei Morbus Alzheimer) nicht zu beobachten ist. Halluzinationen und Wahnvorstellungen sind weniger markant oder häufig wie beispielsweise bei der Lewy-Körperchen-Demenz. Hervorzuheben sind jedoch die kognitive Verlangsamung und das Zittern am ganzen Körper.

In diesem Artikel haben wir die üblichsten Formen der irreversiblen Demenz beschrieben. Es gibt allerdings noch weitere Formen wie die frontotemporale Demenz (Morbus Pick), Chorea Huntington, Demenz in Verbindung mit HIV, Demenz, die durch Prionen ausgelöst wird, und andere.