Die Angst vor Vertrautheit und emotionaler Nähe

Beziehungsangst verursacht Leid und Einsamkeit. Betroffene müssen ihre Vergangenheit verarbeiten, um in der Gegenwart gesunde Beziehungen aufbauen zu können.
Die Angst vor Vertrautheit und emotionaler Nähe
Michael Schaller

Geprüft und freigegeben von Psychologe Michael Schaller.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 13. September 2022

Du liebst eine Person, die Angst vor emotionaler Nähe und Vertrautheit hat? Wenn du diese Erfahrung bereits gemacht hast, weißt du, wie qualvoll das ist: Du hast den Wunsch, die Person zu umarmen, ihr nah zu sein und sie zu spüren, doch das Gegenüber lässt es nicht zu. Schätzungsweise leiden rund 17 % der Bevölkerung an Angst vor emotionaler Nähe und sind deshalb nicht in der Lage, eine gesunde Bindung einzugehen. Dies bedeutet nicht, dass Betroffene keine Vertrautheit brauchen oder wollen, doch sie sabotieren sich selbst und sind deshalb unfähig, eine Beziehung aufrechtzuerhalten.

Wir können in diesem Verhalten leicht masochistische Züge erkennen. Warum stoßen diese Personen jene Menschen weg, die sie lieben? Weshalb sind sie kalt und abweisend zu denen, die sie wirklich schätzen? Hinter diesen Persönlichkeiten verbergen sich sehr komplizierte Realitäten. Oft sind Traumata oder die Last einer dysfunktionalen Familie vorhanden.

 Beziehungen bauen auf Vertrautheit und eine tiefe Verbindung zur anderen Person auf. Wenn diese Grundlagen nicht vorhanden sind, ist die Beziehung in der Regel von kurzer Dauer.

Frau hat Angst vor Vertrautheit und emotionaler Nähe
Hinter der Angst vor emotionaler Nähe kann sich eine Vergangenheit mit Missbrauch oder Vernachlässigung verbergen.

Angst vor emotionaler Nähe

Menschen, die Angst vor Vertrautheit haben, leiden an einer Beziehungssabotage. Dieser Begriff tauchte erstmals in einer Studie der James Cook University auf. Er definiert die Situation, in der eine Person trotz ihres Wunsches, eine Beziehung zu führen, zu lieben und geliebt zu werden, diese Bindung nicht zulässt oder zerstört.

Diese Dynamik ist schwer zu verstehen. Dennoch gibt es viele, die sich in dieser emotionalen Notlage befinden. Sie sind unfähig, emotionale Nähe zuzulassen, was sich nicht nur in Paarbeziehungen, sondern auch in Freundschaften als sehr negativ erweist.

Wie äußert sich die Beziehungsangst?

Menschen, die Angst vor emotionaler Nähe haben, empfinden ein lähmendes Gefühl der Bedrohung, wenn es darum geht, sich einer anderen Person gegenüber zu öffnen. Sie fühlen sich verletzlich und sind unfähig, ihre Gedanken, Gefühle oder Bedürfnisse mit anderen zu teilen.

  • Betroffene tauschen sich nicht mit ihrem Partner aus, sondern treffen Entscheidungen im Alleingang, was zu Konflikten in der Beziehung führen kann.
  • Sie sprechen nicht über ihre Gefühle und verbergen ihre Verletzlichkeit. Sie betrachten Vertrautheit als Schwäche und fühlen sich entblößt, wenn sie ihre Innenwelt anderen zugänglich machen.
  • Menschen, die Angst vor emotionaler Nähe haben, verbergen ihre Bedürfnisse, ihre Ängste und Sorgen.
  • Oft wird ihre Beziehungsangst von sexuellen Ängsten begleitet.
  • Sie teilen selten vergangene Erfahrungen und Erlebnisse mit anderen, wenn nötig, weichen sie Antworten aus oder lügen.
  • Diese Menschen haben jedoch meist gute soziale Kontakte, sind witzig und gesprächsfreudig. Ihre Beziehungen sind jedoch unbeständig, da die Betroffenen immer misstrauisch sind.

Wer Angst vor emotionaler Nähe hat, sabotiert am Ende seine Beziehungen. Betroffene sind sehr kritisch und schaffen Distanz, was ihre Bindungen zerstört.

Welche Gründe führen zu Angst vor emotionaler Nähe?

Wie bereits erwähnt, verbirgt sich hinter dieser Beziehungsangst überwiegend eine Kindheit in einer dysfunktionalen Familie, welche die körperlichen, emotionalen und intellektuellen Bedürfnisse des Kindes nicht decken konnte. Eine Studie der Colorado State University sowie andere Forschungsarbeiten erklären, dass dieser Zustand in den meisten Fällen auf gestörte Bindungsmuster, die sich in jungen Jahren entwickelten, zurückzuführen ist.

  • Wenn Eltern ihren Kindern emotional nicht zur Verfügung stehen oder diesen gegenüber aggressiv sind, entstehen gestörte Bindungsmuster, die diese Kinder auch im Erwachsenenalter prägen. Die vermeidende Bindung steht im direkten Zusammenhang mit der Angst vor emotionaler Nähe.
  • Auch der traumatische Verlust eines Elternteils führt häufig zu Beziehungsangst.
  • Sehr alte oder kranke Eltern zu haben oder sich um Geschwister kümmern zu müssen, fördert ebenfalls das Entstehen dieser Art von emotionaler Realität. Diese Kinder glauben, dass sie sich nur auf sich selbst verlassen können.

Manche Menschen entwickeln bereits in der Kindheit gestörte Bindungsmuster und sind auch im Erwachsenenalter nicht in der Lage, eine Beziehung einzugehen.

Mann hat Angst vor emotionaler Nähe
Wir alle brauchen emotionale, körperliche und intellektuelle Nähe zu unseren Partnern, um glücklich zu sein.

Angst vor Vertrautheit und emotionaler Nähe: Was tun?

Wenn du eine Person mit Beziehungsangst liebst, darfst du dich nicht selbst für dieses Problem verantwortlich machen. In den meisten Fällen handelt es sich um einen Schutzmechanismus, hinter dem sich Probleme aus der Kindheit verbergen. Betroffene haben Angst vor Verrat oder dem Verlassenwerden. Sie erreichen mit ihrem Verhalten jedoch nur Einsamkeit und Leid. Deshalb empfiehlt sich unbedingt eine Psychotherapie, damit diese Personen lernen können, ihre Vergangenheit zu verarbeiten und ihre Gegenwart zu genießen. Sobald sich diese Menschen über die Ursachen und Auswirkungen ihres Verhaltens bewusst sind, können sie sich anderen gegenüber eher öffnen und zufriedene Beziehungen aufbauen.

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