Die Angst vor Ablehnung und die Theorie der Schweigespirale

Hast du jemals deine Meinung für dich behalten, weil sie anders war als die der Mehrheit um dich herum? Die Schweigespirale ist eine Theorie, die eine sehr verbreitete Realität in unserer Gesellschaft beschreibt.
Die Angst vor Ablehnung und die Theorie der Schweigespirale

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 03. Januar 2022

Wenn eine oder mehrere Personen (Minderheit) Angst vor Repressalien oder Ablehnung durch die dominante Gruppe (Mehrheit) entwickeln, ist dies oft der Beginn der Schweigespirale. Wir alle haben dieses soziale Phänomen schon einmal erlebt. Wenn wir uns darüber bewusst werden, dass sich unsere Meinung von den Ansichten der Mehrheit unterscheidet, fühlen wir Unbehagen, verbergen diese Situation jedoch oft.

Eine kuriose Fabel von Hans Christian Andersen veranschaulicht uns dieses Problem: Zwei Weber präsentieren sich am Kaiserhof und erklären, dass sie die schönsten Kleider der Welt aus einem Stoff gefertigt haben, den nur intelligente Menschen sehen können. Natürlich handelt es sich um Betrüger, die jedoch immer wieder Erfolg haben. Schließlich wagt es niemand zu sagen, die Kleider nicht zu sehen, denn die Intelligenz steht auf dem Spiel. So kleidete sich der Kaiser mit diesen unsichtbaren Gewändern und alle lobten und bewunderten ihn, obwohl er sich nackt präsentierte.

Die Angst, ausgegrenzt und abgelehnt zu werden, führt uns unweigerlich in die Schweigespirale, die in unserer Gesellschaft so verbreitet ist. Wir laden dich heute ein, mit uns darüber nachzudenken.

“Die Hälfte der Welt hat etwas zu sagen, kann es aber nicht; die andere Hälfte hat nichts zu sagen, will aber nicht den Mund halten.”

Robert Frost

Frau hat Angst vor Ablehnung und gerät in die Schweigespirale

Was ist die Schweigespirale?

Die Theorie der Schweigespirale fand ihren Ursprung in der Massenkommunikation und der Politikwissenschaft. Sie wurde 1977 von der deutschen Politikwissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann in ihrem Buch “Die Theorie der Schweigespirale” beschrieben.

Die Autorin versuchte mit ihren Forschungen zu verstehen, warum manche Menschen bestimmte Meinungen, Fakten oder Erfahrungen vor Gruppen verschweigen, die ihrer Meinung nach von der Gruppenmeinung abweichen. Wir denken zuerst an Angst, denn viele von uns erleben diese Verhaltensdynamik in der Arbeitswelt.

Bei Mobbing ziehen es beispielsweise viele vor, zu schweigen. Sie haben Angst vor Gruppenzwang, vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes oder selbst gemobbt zu werden. Noelle-Neuman erklärt, dass die Schweigespirale durch zwei Arten von Angst angetrieben wird: die Angst vor Isolation und die Angst vor Vergeltung.

Eine der am besten erforschten Theorien der Kommunikationspsychologie

Die Schweigespirale besagt, dass wir eher bereit sind, unsere Meinung mitzuteilen, wenn wir das Gefühl haben, dass sie mit der Meinung der Mehrheit übereinstimmt. Wenn wir hingegen das Gefühl haben, dass das, was wir fühlen oder denken, nicht mit den Ansichten anderer übereinstimmt, sagen wir eher nichts. Wir ziehen uns in das Schweigen zurück.

Diese Art von Reaktion, die in sozialen Gruppen so häufig vorkommt, war schon immer Gegenstand von Studien der Kommunikationspsychologie. So weisen neuere Studien, wie die der Universität Wien, auf etwas Interessantes hin: Menschen, die das Gefühl haben, Teil der Mehrheit zu sein, empfinden sich selbst als dominant. Außerdem werden ihre Meinungen laut und hartnäckig. Das Kuriose daran ist, dass diese Massenmeinungen nicht immer wahr und konsistent sind. Aber es braucht nur eine große Gruppe, die sich für etwas einsetzt, damit dieser Ansatz zum Mainstream wird. Auch wenn es eine Minderheit gibt, die etwas anderes glaubt und lieber schweigt.

Die meisten von uns wollen sich von anderen akzeptiert und respektiert fühlen. Manchmal führt das dazu, dass wir so tun müssen, als würden wir mit den Meinungen anderer übereinstimmen. Auch wenn wir tief im Inneren vom Gegenteil überzeugt sind.

Spiegelt die Schweigespirale unsere Feigheit wider? Ganz und gar nicht

An dieser Stelle könnten viele denken, dass die Schweigespirale das Spiegelbild unserer Feigheit reflektiert. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. So zu tun, als würde man mit der Mehrheit übereinstimmen, ist eine Überlebensstrategie.

Die Politikwissenschaftlerin Noelle-Neumann erklärt, dass Menschen einen sechsten Sinn haben: das “quasi-statistische Wahrnehmungsorgan”. Dieses innere Radar ermöglicht es uns, das Meinungsklima in unserem Umfeld zu sondieren, um unsere Aktionen und Reaktionen abzuschätzen. Wenn wir wahrnehmen, dass es eine vorherrschende Meinung gibt, werden wir uns meistens dieser Sichtweise anschließen.

Der Grund, warum wir die Schweigespirale anwenden, ist unser grundlegendes Bedürfnis, uns nicht isoliert zu fühlen. Es ist auch unser Bedürfnis, nicht unter den möglichen Repressalien anderer zu leiden. Erinnern wir uns noch einmal daran, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, und nur wenige Dinge sind so traumatisch, wie abgelehnt zu werden, in Isolation zu leben oder angegriffen zu werden.

Je größer die Kluft zwischen der eigenen (Minderheits-)Meinung und der Meinung der anderen (Mehrheit), desto wahrscheinlicher ist es, dass wir uns in Schweigen hüllen oder – noch schlimmer – den Weg der Masse einschlagen.

Frau informiert sich am Handy über die Schweigespirale

Die Macht der Medien, unsere soziale Wahrnehmung zu manipulieren

Die Medien und die Werbung sind große Manipulierer und Förderer der Schweigespirale. Lass uns darüber nachdenken. Soziale Netzwerke sind heutzutage unser Fenster, durch das wir die Welt sehen und verstehen. In diesem digitalen Szenario kommt es häufig vor, dass Meinungen plötzlich zur Mehrheit werden.

Wir sehen Nachrichten, die viral gehen und sogar Influencer, die bestimmte Standpunkte verteidigen. Plötzlich merkt dieser sechste Sinn, den Noelle-Neumann als “quasi-statistisches Wahrnehmungsorgan” definiert hat, dass sich das Meinungsklima in eine sehr ausgeprägte Richtung bewegt. Was passiert, wenn wir es wagen, einen völlig gegenteiligen Standpunkt zu vertreten?

Wir werden höchstwahrscheinlich Opfer einer Kampagne der Belästigung und Zerstörung in den sozialen Netzwerken. Deshalb entscheiden wir uns oft für die Schweigespirale und beschließen wie die drei weisen Affen von Konfuzius, nicht zu sehen, nicht zu hören und zu schweigen.

Aber bedenke: Es gibt Zeiten, in denen es sich lohnt, das Risiko einzugehen. Lasst uns eine einsame Stimme inmitten der großen Masse sein, denn am Ende zahlt es sich aus, mit unseren Prinzipien und Werten im Einklang zu stehen.

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  • Noëlle-Neumann, Elisabeth. La espiral del silencio. Opinión pública: nuestra piel social, Paidós. Barcelona, 1995.
  • West, Richard y Turner, Lynn. Teoría de la comunicación: Análisis y Aplicación. McGraw-Hill. Aravaca, 2005.